Diethelm Reiner Kaminski

Der Wettlauf

Lupus schnüffelte angewidert an dem schwarzen schleimigen Etwas. Gerade wollte er seine Pfote heben, um es zu töten, da sagte es deutlich vernehmbar. „Ist dir auch langweilig? Wollen wir zusammen spielen?“

Lupus ließ die Pfote wieder sinken. „Spielen? Und was, wenn ich fragen darf? Sind wir dafür nicht etwas zu verschieden?“

„Finde ich nicht“, sagte die Schnecke Lugana. „Nicht auf die Größe kommt es an.“

„Sondern?“, knurrte Lupus.

„Auf das Können.“

„Was kannst du denn schon können?“

„Wir könnten z. B. um die Wette laufen.“

„Ist das dein Ernst? Ich laufe hundert Meter in einer Minute. Dafür brauchst du, schätze ich mal, mindestens eine ganze Woche.“

„Wirst schon sehen, wir spielen Hase und Igel.“

„Kenne ich nicht. Was soll das schon wieder sein?“

„Du bist der Igel, und ich bin der Hase, und dann bin ich beim Wettlauf schneller als du.“

„Ich möchte aber kein Igel sein“, protestierte Lupus. „Ich spiele nur mit, wenn ich Hase sein darf.“

„Wenn du meinst, mir ist das schnuppe.“

„Und wie geht es jetzt weiter?“, wurde Lupus nun doch neugierig,

„Na, wie schon. Fünf Runden um den Garten. Schaffst du das, oder geht dir vorher schon die Puste aus?“

„Gib nicht so an. Und was kriege ich, wenn ich gewinne?“

„Dann fresse ich euch nicht mehr die Blumen weg.“

„Das ist mir doch egal. Ich fresse so ein Kraut sowieso nicht.“

„Dann wünsch dir eben etwas anderes.“

Lupus überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Ich möchte, dass du meiner Herrin einen tüchtigen Schrecken einjagst. Ich habe nämlich noch ein Hühnchen mit ihr zu rupfen. Immer nagt sie alles Fleisch von den Knochen, bis auf die letzte Sehne, bevor sie sie mir hinwirft.“

„Das ist gemein. Da musst du dich rächen. Wozu hast du Zähne? Beiß sie doch in die Wade.“

„Und dann? Dann steckt sie mich ins Tierheim oder lässt mich einschläfern. Nein, du musst mir helfen. Bei diesen hochsommerlichen Temperaturen sonnt sich meine Herrin gerne im Garten. Dann kriechst du die Liege hoch, schleichst dich an ihrem Fuß, dann am Bein entlang, dann immer weiter über den Bauch bis zum Bikinioberteil und dort kriechst du hinein. Wenn sie wach wird und merkt, was da Glitschiges, Hässliches auf ihrem Busen sitzt, kriegt sie mit Sicherheit einen Herzinfarkt …“

„Beleidige mich nicht. Ich bin nicht hässlich, nur ein klein wenig anders als du. Du bist auch nicht gerade mein Schönheitsideal. Gerne mach ich´s nicht, aber sei´s drum. Renn schon los, ich lasse dir sogar einen kleinen Vorsprung. Ich bin heute in Topform und hole dich spielend ein.“

Lupus schoss davon wie von hundert Jägern gehetzt.

Die Schnecke Lugana verkroch sich in aller Seelenruhe im niedrigen Blattwerk eines Blumenbeetes. „Für wie dumm hält der Trottel mich eigentlich? Mich auf den Busen seiner Herrin wagen, damit sie mich in ihrer Wut zerquetscht? Ich bin doch keine Selbstmörderin.“

Nachdem Lupus die fünf Runden gelaufen war, kehrte er hechelnd zum Ausgangspunkt zurück und rief, stolz auf seine Kondition und Schnelligkeit: „Ich habe gewonnen. War doch meine Rede, dass eine Schnecke mindestens eine Woche für hundert Meter braucht. Und fünf Runden dürften sogar dreihundert Meter sein.“

Dann legte er sich in den warmen Sand, um auf Luganas Rückkehr zu warten.

26 - 07 - 2012

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