Paul Rudolf Uhl

Auf's Sonnenspitzl

„Berg Heil, Camillo - oide Hüttn!“ sagte „der Spitz“ zu mir auf dem winzigen Gipfel des Sonnenspitzls, das für sich gesehen - ja so wild und markant aufragend aussieht, aber im Schatten  und vor dem mächtigen Schneefernerkopf der Zugspitze unauffällig, winzig – ja, bedeutungslos – erscheint (Bild unten).

Ich drückte seine Hand kräftig, schaute ihm in die verschmitzten Augen. Alle nannten sie ihn „Spitz“ (es war in der Firma üblich, dass jeder Lehrling seinen Spitznamen hatte)... So hieß ich „Don Camillo“, es gab noch den „Wurler“, den „Dicken“ und den „Schnulli“.... Wir waren alle Lehrlinge im selben Betrieb...   Nur der Spitz und ich waren Bergsteiger…

Eigentlich war es nicht unser eigenes Können – wenn auch das Wollen stark gewesen war, diesen Gipfel zu besteigen. Zwei Kollegen, die der Bergwacht ange-

hörten, wollten uns mitnehmen, um uns einen ersten Klettergipfel zu ermöglichen, und uns die Anwen-dungsschwelle zu überwinden helfen…

Der Dengg Sepp und der Franze, sie machten auf der Zugspitze am Sonntag Dienst und so wollten sie mit uns am Samstagmorgen auf das Sonnenspitzl steigen. Die Tour ist kurz, sie hat nur vier oder fünf Seillängen.

Schon am Freitagabend, nach der Arbeit, Dienst-schluss: 18 Uhr, (48 Wochenstunden!) war ich mit dem Spitz in der Dämmerung über den Eibsee zur Wiener Neustädter Hütte hinaufgestiegen, dort zu übernachten. Für den Samstag hatten wir uns – wie auch Sepp und Franze – Urlaub nehmen müssen. Wir waren gegen 21 Uhr auf der Hütte, es waren wenige Bergsteiger da und die Wirtsleute ließen uns das Abendbrot „in der Kuchl“ einnehmen Wir schliefen in einem kleinen Gemeinschaftsschlafraum mit sechs Matratzenlagern, und wir hatten noch zwei Schwaben als Schlafgenossen.

Gegen 8 Uhr früh kamen Sepp und Franze aus dem Tal herauf. Ihre Nacht war sicher ruhiger, aber doch kurz gewesen, wenn sie jetzt schon da waren! Nach einem Frühstück stapften wir vier von der Hütte hinauf zum Einstieg. Ich holte meine 7-er Reepschnur heraus (ein richtiges Seil konnte ich mir von meinem 50- Mark Lehrlings-„Gehalt“ nicht leisten), aber der Sepp winkte ab: „Naa, mia nemma scho a richtigs Soal, laß dei Glump drin!“ sagte der Sepp und nahm mich an das andere Ende seines 12-mm Seils. Er schaute genau, wie ich den Bulling - Knoten knüpfte und war zufrieden. Der Spitz kletterte mit dem Franze, ich mit dem Sepp. Die Bergwachtler stiegen jede Seillänge voraus und sie zeigten uns, wie man sich selbst sichert, wenn man als Führender den

Kameraden nachkommen lässt. Kraxeln konnten wir ja, das hatten wir im Klettergarten am Herrgott-schrofen in Grainau viel geübt und das Abseilen war halt das Attraktivste dabei !

Der Gipfel des Sonnenspitzl ist gespalten und wir kamen am Westgipfel(chen) an. Es erforderte nun einen mutigen Spreizschritt an einer Stelle, wo die Felsen rundum steil abfallen... Die beiden lobten uns, es gab Schokolade  und eine mitgebrachte alte Semmel als Brotzeit.

Vom Gipfel stiegen wir im Bild links den steilen Grat hinunter auf die schräge Platte und fast an derem linken Ende standen wir schon vor den Abseilstellen. Ich hatte gleich den einbetonierten Ringhaken ent-deckt...

Dann schaung ma amoi, ob ´s aa Obseiln kennts!“ meinte der Franze.

Wir nickten eifrig, jeder holte ein 4 m langes Stück Reepschnur heraus, das wir zur Sitzschlinge knoteten und Franz und Sepp schauten wieder genau hin...
In der Sitzschlinge hatten wir einen Abseilkarabiner mit Steg eingebunden, den wir ins Doppelseil hakten, das der Sepp schon vorbereitet hatte.

„Ein bisserl kitzlig“ war es schon, sich über die Kante in den Abgrund zu lehnen, aber Angst hatte ich nicht. Mit unseren erfahrenen Begleitern fühlte ich mich sicher. Der Franze war schon am Stand drunten und empfing mich:

 „So, jetzt legst du as Seil ei für des nächste Stückl!“

Es ging prima und wir fuhren in drei Etappen die insgesamt 60 Meter senkrechte Wand - von der linken Schulter (im Bild) hinunter. Dann waren wir schon im Bereich der steilen Schrofen und es war nicht mehr weit ins Kar und zur Hütte.

Stolz waren wir, als sie uns lobten: „Ihr könnts ab heit scho alloa zum Kraxln geh… – Aba  seid´s  vorsichtig, gej ?!“

Das hörte sich an wie eine bestandene Prüfung.

Dem Hüttenwirt holten wir dann noch Getränke und Lebensmittel von „der Viererstützn“ der alten Öster-reicher-Seilbahn und er lud uns dafür zum Bier ein.

Mit geschwellter Brust und im Bewusstsein, jetzt „richtige Kletterer“ zu sein, marschierten wir ins Tal und fuhren mit unseren Mopeds heim...

... Aber der Mutter durfte ich nicht erzählen, was wir heute gemacht hatten, sie stand eh immer Ängste aus, wenn wir im Gebirge waren.
Blick vom Aufstieg zur Zugspitze über den sog. „Stopslzieher“ auf’s Sonnenspitzl
oberhalb der Wiener-Neustädter Hütte.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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