Gertrud Hug-Suhner

Das Schloss mit den bilderlosen Wänden

Es ist Sommer, ein schwülheisser Tag. Seit dem frühen Morgen wandert Anna durch eine einsame Gegend. Felder und bewaldete Hügel, soweit das Auge reicht. Plötzlich erblickt sie die spitzen Türme eines Schlosses. Neugierde packt sie. Sie beschleunigt ihre Schritte. Je mehr sie sich dem Schloss nähert, desto abweisender mutetet es sie an. Bald steht sie vor dem Eingangstor. Ein alter Pförtner öffnet dienstbeflissen das Tor und verschwindet wort- und grusslos.

Schon steht sie in einem verwilderten Innenhof, umgeben von uralten Bäumen und mit von Dornen überwachsenen Sträuchern. Auch die Kieswege scheinen schon lange keinen Gärtner mehr gesehen zu haben. Vogelgezwitscher allenthalben, ansonsten Totenstille. Neugierig geworden, öffnet sie eine schwere, knarrende Holztür. Weil es draussen taghell ist, müssen sich ihre Augen erst an die Dämmerung im Innenraum gewöhnen. Sofort nimmt sie einen müffelnden Geruch wahr, öffnet ein Fenster und lässt frische Sommerluft hineinströmen. Trotzdem, unheimlich ist es schon, so alleine hier drinnen zu verweilen. Auf schnellstem Weg möchte sie wieder hinaus, weg von dieser unheimlichen Stätte, wäre da nicht ihre Neugierde, die sich als stärker erweist als die Angst.

Jetzt öffnet sie eine Tür. Das muss das Speisezimmer sein. Wie geblendet und völlig irritiert bleibt sie auf der Türschwelle stehen: Vor ihr ein spiegelblanker Parkettboden, ein grosser Tisch, frisch gedeckt mit goldenem Geschirr. „Was soll das? Werden hier Gäste erwartet?“

Sie schlendert weiter, dem breiten Flur entlang. Wieder öffnet sie eine Tür und blickt in einen Salon. Auch hier ein blitzblank gescheuerter Boden. „Hier wurde früher bestimmt getanzt, denn der Raum ist riesengross und nur spärlich möbliert“, sinniert sie. Jetzt gleitet ihr Blick hoch zu den Wänden. Kalt fährt es ihr den Rücken hinunter: „Hier hängen ja keine Bilder! Hierhin gehören grosse, farbenprächtige Bilder. Wer hat die Bilder abgenommen!“ Eilig verlässt Anna das Schloss.

 

Das allmähliche Verschwinden der Bilder

Anna, weisst du noch, wie du als Kind Margeriten auf frisch gemähten Heuwiesen sammeltest? Du wolltest sie vor dem Verdorren retten. Ich sehe dich auch nach Vergissmeinnichten suchen und höre dein innerliches Bitten: „Gäll, Muetter, du vergässisch mi nöd. (Gelt, Mutter, du vergisst mich nicht).“

Deine Margeriten und Vergissmeinnichte verwelkten in den Vasen. Immerhin gelang es dir, ihr Leben um ein paar Tage zu verlängern. Du wurdest belächelt und es wurde dir geraten mehr zu arbeiten, anstatt die Zeit mit Blumen sammeln zu verschwenden. So hast du dich gezwungenermassen mehr dem sogenannt Nützlichem zugewandt.

Und als du dich mit den Jahren ganz dem Nützlichem hingabst, wurde es kahl und dunkel in dir. Oft warst du ruhe- und rastlos. Du spürtest, etwas in dir fehlt. Klar, du warst auf der Suche. Nur wusstest du nicht, wonach du suchtest.

Manchmal, wenn du deiner Tochter beim Spielen oder Malen zusahst, hörte ich dich leise seufzen. Dann wollte ich dir zurufen, schau, das ist es, wonach du suchst! Du aber wolltest mich nicht hören, verstecktest dich hinter einer Arbeit, die du angeblich unbedingt zu erledigen hattest.

Jedoch heute, im Schloss, fiel es dir wie Schuppen von den Augen: Die leeren Wände im Salon des Schlosses spiegeln die Leere in dir. Darum konntest du dich dort nicht wohlfühlen. Anna, mach dich auf die Suche nach deinen alten Bildern. Suche auch neue Bilder. Du wirst Bilder finden und allmählich dein ganzes Haus schmücken. Geh wieder auf die Felder und sammle bunte Blumensträusse. Nimm Farben und Sonnenstrahlen auf und verwandle dein Haus in ein Farbenmeer. © verfasst 1986, bearbeitet 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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