Doris E. M. Bulenda

Telefonitis

Vor langer Zeit habe ich in der Buchproduktion gearbeitet, ich saß dabei ganz vorne in einer Art Großraumbüro, ein richtiger Saal mit etlichen Computern, verschiedenen anderen Arbeitsplätzen etc. Nachdem wir vor der Frankfurter Buchmesse immer sehr, sehr viel zu tun hatten, hatte ich mir angewöhnt, sehr früh am Morgen das Arbeiten anzufangen. Die Kollegen kamen zwischen 8 und 9 Uhr, ich begann oft schon um 6 Uhr oder noch früher. Da war’s noch ruhig, keine Hektik, keine lärmenden Kollegen, kein nerviger Chef, keine Kunden, kein Telefon. Da konnte ich produktiver arbeiten als den restlichen Tag.

Nur kam es sehr, sehr oft vor – nach einer Weile jeden Tag -, dass zwischen 6.30 und 6.45 Uhr am Morgen das Telefon läutete. Es nervte mich sehr, da ich wie gesagt ganz vorne in dem riesigen Raum saß – und das Telefon war ganz hinten, auf der ganz anderen Seite. Das bedeutete, ich musste die Arbeit unterbrechen, schnell speichern, aufstehen, durch den ganzen Raum rennen und abheben. Und kaum hatte ich mich mit Namen gemeldet, wurde aufgelegt. Dann durfte ich zurückrennen, schauen, wo ich gerade gewesen war am Computer, mich neu konzentrieren – es war verdammt nervig.

Natürlich hatte ich einen gewissen Verdacht, wer das wohl sein könnte. Irgendwann beschloss ich dann, etwas zu unternehmen. Als wir alle am Mittagstisch saßen und der Chef bei uns saß und uns seine „Weisheiten“ reindrückte, sah ich ihm direkt in die Augen und sagte so laut, dass es auch alle hören konnten: „Wissen Sie, ich habe ja nichts dagegen, dass Sie jeden Morgen anrufen und gegen halb sieben Uhr kontrollieren, ob ich schon im Büro bin. Aber es wäre doch nett, wenn sie dann wenigstens sagen könnten „Guten Morgen“, oder „ich bin’s, ich wollte nur sehen, ob Sie da sind“. Ich habe nichts zu verbergen – aber es nervt so, immer aufzustehen, durch den Raum ans Telefon zu rennen, mich zu melden - und dann wird einfach aufgelegt.“

Chef und Kollegen starrten mich wortlos an. Dann schluckte der Chef und bemerkte – ein wenig verlegen kam er mir schon vor: „Also nein, das würde ich doch nie tun. Ich weiß doch, dass ich Ihnen vertrauen kann. Ich weiß, dass sie auch da sind, wenn sie das auf dem Arbeitszettel aufschreiben. Nie, nie, nie würde ich das tun. Ich würde Sie doch sicher nie so kontrollieren. Nein, das würde mir nie einfallen.“ Dann brachte er das Gespräch ganz eilig auf ein anderes Thema.

Soweit, so gut – aber die Telefonate am frühen Morgen waren schlagartig beendet. Ab diesen Tag wurde ich nie mehr morgens aus der Konzentration gerissen und musste zum Telefon laufen. Kein einziger Anruf mehr … Warum haben diese Anrufe denn aufgehört? Wie ist das wohl gekommen? Sehr mysteriös, nicht wahr …

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„Krachen, Scheppern und dann gewaltiger Lärm, als ein schwerer Gegenstand an die Wand geworfen wurde. Oh verdammt, die Verrückte spielte drüben in der Küche schon wieder ihr absolutes Lieblingsspiel – Geister vertreiben. Gleich würde sie hierher ins Wohnzimmer stürzen, wo ich versuchte, in Ruhe meine Hausaufgaben zu machen. Und dann würde sie mir wieder lang und breit erklären, welches Gespenst gerade versucht hatte, durch die Wand zu gehen und sie anzugreifen. Ich hasste sie! Ich hasste dieses Weib aus ganzem Herzen!“ Die 13-jährige Eva lebt in einer nach außen hin heilen, kleinbürgerlichen Familie. Hinter der geschlossenen Tür herrscht Tag für Tag eine Hölle aus psychischer und physischer Gewalt durch die psychopathische Mutter und den egomanischen Vater. Verzweifelt versucht sie, sich daraus zu befreien. Vergebens - bis ihr ein altes Buch in die Hände fällt. Als letzten Ausweg beschwört sie daraus einen Teufel. Er bietet ihr seine Hilfe an. Aber sein Preis ist hoch...

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