Thomas Meyer

Ich liebe Dich. Nicht.

Ich liege dicht neben dir. Es ist noch früh morgens und die ersten müden Sonnenstrahlen finden den Weg in unser Heim. Du schläfst. Tief und fest. Geborgen. Das liebst du so an uns sagst du oft. Der behütete, friedliche Schlaf neben mir. Du lächelst bei diesen Worten.

Ich liebe dich nicht. 

Ich streichle deine Hand während ich lautlos diesen Satz vor mich hinsage.

So friedlich liegst du da. Ganz leise höre ich dich atmen. Es beruhigt mich. Das hat es schon immer. Oft habe ich nachts, wenn ich aufgewühlt nicht schlafen konnte, ganz nah an dir deinem Atem gelauscht und fand so meine Ruhe in dir. In uns.

Wie jede Nacht hast du unsere gemeinsame Decke geklaut, um sie dann zwischen deine Beine einzuklemmen und dich tief in ihr zu vergraben. Es macht mir nichts. Ich bin da für dich. Und du für mich. Das waren wir immer.

Ich liebe dich nicht.

Meine Finger gleiten über deine Haut. Wie oft habe ich diese Stelle wohl schon berührt? Wie oft habe ich die kleine Narbe auf deinem Unterarm schon ertastet und mich an die gemeinsame Reise nach Thailand erinnert. Dort, dort wo du dich im blauen Meer badend an einer Muschel geschnitten hast. Du hast geweint. Und dann haben wir gelacht. Alles war gut. Das war es immer.

Meine Finger gleiten weiter über deinen Hals. Ich kann mich erinnern. Unser erster Kuss vor vielen Jahren. Er begann genau dort. An der Stelle unter deinem Ohr. Unsere Atem stand still als meine Lippen deinen Hals berührten. Die Küsse blieben. Doch das Gefühl ging.

Meine Finger gleiten zurück zu deinen Händen. Diese Hände. Ich liebe diese Hände seit damals. Damals. Im Restaurant. Gleich zwei Straßen weiter. Du warst neu in unserer Gruppe. Stelltest dich als Arbeitskollegin eines Freundes von mir vor. Ich kann mich genau erinnern. Die erste Berührung. Hallo hast du gesagt. Ich war stumm. 

So stumm wie heute.

Wir lernten uns kennen. Wir lernten uns lieben. Alles an uns. Es war perfekt. Du und ich. Wir. Jeder für sich doch im ganzen Zusammen. So wie ich es immer wollte. So war es. 

Und dann die gemeinsame Wohnung. Der nächste Schritt. Ich weiß noch genau. Als wir die neuen Möbel aufbauten. Wir tranken Wein und aßen Pizza in dem noch dunklen Heim. Am Boden. Es war egal. Wir waren eins. Wir liebten uns.  Wir lachten viel. Manchmal flossen auch Tränen. Tränen des Glücks, der Trauer oder Tränen des Streits. Doch jede Nacht schliefen wir aufs neue in Frieden ein. Du geborgen und ich beruhigt.

Ich liebe dich nicht. Nicht mehr. Und Ich weiß nicht warum. Es zerreisst mich. Alles ist wie früher. Alles ist wie immer. Doch irgendetwas hat sich verändert.

Tief in mir glaube ich, dass du es weißt. Du weißt, dass ich dich nicht mehr fühle. Dass ich unsere Liebe nicht mehr fühle. Ich sehe es in deine Augen wenn ich dir sage, dass ich dich liebe. Ja, ich sage es noch. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus Reue. Ich weiß es nicht.

Manchmal verliert man sich. Manchmal bleibt man. Manchmal nicht.

Ich werde es dir sagen. Vielleicht nicht heute.

Ich habe Angst. 

Ich liebe dich nicht. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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