Klaus-D. Heid

Metamorphose

Anfangs hielt ich es nur für einen kleinen unwichtigen Fleck auf meinem Arm. Wen man die Vierzig überschritten hat, sind seltsame Flecken auf der Haut nicht gleich ein Grund, in Panik zu geraten. Solche Flecken kommen und gehen. Meistens. Jedenfalls machte ich mir keine weiteren Gedanken, da der Fleck in etwa die Größe eines Leberfleckes hatte.

Drei Tage später fiel mir der Fleck erneut auf, da er anfing, heftig zu jucken. Seine Größe hatte sich ebenfalls geändert. Fast doppelt so groß wie zuvor, irritierte mich seine intensiv schwarze Farbe doch etwas. Vielleicht war es besser, noch ein oder zwei Tage abzuwarten, um dann einen Hautarzt aufzusuchen. Schließlich las man in letzter Zeit immer häufiger, wie schnell sich aus ‚harmlosen Flecken’ bösartige Tumore entwickeln konnten. Hautkrebs? Blödsinn! Garantiert erwies sich der Fleck als irgendeine Hautreaktion. Wahrscheinlich zeigte mir meine Haut auf diese Art und Weise, dass ich wieder einmal viel zu viel scharfes Essen zu mir genommen hatte. Also eine Allergie? Und weshalb nur an dieser einen Stelle?

Ich bin wirklich nicht jemand, der beim kleinsten Anzeichen losjammert und gleich zum Arzt rennt. Zum einen kann ich mir das nicht leisten – und zum anderen lösen sich viele Problemchen von selbst, wenn man sie nicht überbewertet.

Am fünften Tag nach dem Entdecken des Fleckes begann ich mir doch, ernsthafte Sorgen zu machen. Mittlerweile hatte dieses Ding auf meinem rechten Unterarm den Durchmesser eines 10 Pfennig-Stücks angenommen. Noch immer war es tiefschwarz und juckte inzwischen so stark, dass ich versucht war, unablässig daran zu kratzen. Alle Puder, Cremes und Salben, die ich in meinem Medikamentenschrank aufgetrieben hatte, blieben wirkungslos. Angesichts dieser Entwicklung nahm ich mir fest vor, am nächsten Tag einen Hautarzt aufzusuchen. Wahrscheinlich würde er sich diesen Fleck ansehen, um mir mitzuteilen, dass es sich um irgendeine zufällige Anormalität handelte. Mit etwas Antibiotika behandelt, würde er ganz schnell wieder verschwinden.

In der darauf folgenden Nacht ging es richtig los!

Etwa gegen drei Uhr morgens wachte ich mit starken Schmerzen an meinem Arm auf. Als ich die Nachttischlampe anschaltete, um einen Blick auf meinen Arm zu werfen, wusste ich, dass ich zu lange gewartet hatte!

Der ganze rechte Arm war mittlerweile schwarz. Von den Fingerspitzen bis zur Schulter hatte sich meine Haut in eine schwarze schuppige und krustige Oberfläche verwandelt. Schlimmer noch. Diese ekelhaft aussehende Oberfläche schien ein Eigenleben entwickelt zu haben. Überall auf dem Arm öffneten sich kleine Bläschen, aus denen eine widerlich stinkende Substanz herausquoll. Die Haut blubberte förmlich wie kochendes Wasser, das verzweifelt einen Weg ins Freie suchte.

Da der Schmerz unerträglich wurde, blieb mir keine andere Wahl mehr. Ich musste sofort einen Notarzt aufsuchen. Was hier mit mir geschah, hatte nichts mehr mit einer allergischen Hautreaktion zu tun. Etwas lebte unter meiner Haut! Etwas bewegte sich unter der Hautoberfläche, das nicht mehr lange brauchen würde, bis es mir den Arm auseinander riss!

Als ich dann in Panik aus dem Bett klettern wollte, bemerkte ich, dass die nicht möglich war. Meine Beine gehorchten mir nicht mehr! Ich schlug die Bettdecke zurück – und stieß einen erbärmlichen Schrei aus! Beide Beine sahen bereits fast so aus, wie mein rechter Arm! Zwar war die Haut noch nicht so schuppig und krustig, aber ich konnte beinahe zusehen, wie sich auch an meinen Beinen immer mehr kleine Bläschen bildeten.

Ich hatte keine Kraft mehr in den Beinen...

Das Telefon! Es musste jetzt alles sehr schnell gehen. Vielleicht hatte ich mir irgendeine Blutvergiftung eingehandelt? Und warum dann diese unerträglichen Schmerzen? Warum dieses seltsame Eigenleben unter meiner Haut? Irgendwie musste ich jetzt einen Notarzt erreichen. Es war vollkommen unmöglich, dass ich aufstand. Glücklicherweise stand das Telefon auf meinem Nachtschrank und mein linker Arm schien bislang verschont worden zu sein.

Welche Nummer? Egal! Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst. Vollkommen egal! Wenn nicht ganz schnell etwas geschah, würde ich wahrscheinlich tot sein, bevor jemand hier eintraf! Oder mutierte ich zu einem Krokodil? Verwandelte ich mich in so ein Horrorwesen, wie man es aus Gruselfilmen kannte? Würde auch der Rest meiner Haut anfangen, sich in einen glitschigen Krustenpanzer zu verwandeln?

Ich wählte unter furchtbaren Schmerzen eine Nummer. Irgendeine Nummer, die mit zwei Einsen begann. Warum meldete sich niemand? Weshalb hörte ich kein Freizeichen?

Die Leitung war tot.

Mühsam legte ich den Hörer wieder auf, um es mit einer anderen Nummer erneut zu versuchen. Wieder nichts! Es war vollkommen egal, welche Nummer ich anrief, denn aus irgendeinem Grund war ausgerechnet jetzt die Leitung zusammengebrochen.

Die Schmerzen wurden schlimmer. Unfähig, mich aus dem Bett zu bewegen, lag ich in einer ekelhaften Suppe, die sich aus Arm und Beinen im Bett verteilt hatte. Der Geruch war so widerlich, dass ich fürchtete, ersticken zu müssen. Andererseits konnte ein Erstickungstod auch nicht viel schlimmer sein, als der Schmerz, den ich auszuhalten hatte! Was sollte ich nur tun? Wie konnte ich Hilfe erreichen? Gab es überhaupt noch Hilfe für mich? Was, in Gottes Namen, geschah mit mir? Das alles war nicht mehr mit einer ‚normalen’ Krankheit zu erklären. Was mit mir geschah, war wahrscheinlich gar nicht zu erklären!

Und nun? War’s das? Dauerte nur noch ein paar Stunden, bis ich tot war?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann es geschah. Vielleicht wurde der Schmerz so übermächtig, dass mein Körper mit einer tiefen Ohnmacht reagierte?

Als ich wieder zu mir kam, war es bereits Mittags. Der kleine Zeiger der Wanduhr in meinem Schlafzimmer näherte sich unaufhaltsam der Eins. Kaum hatte ich meine Augen geöffnet, musste ich Gewissheit haben. Hatte ich das alles nur geträumt? Hatte mir mein Unterbewusstsein einen bösen Streich gespielt? Sah meine Haut wieder so aus, wie es sein musste; oder war meine Verwandlung in ein Reptil bereits abgeschlossen?

Ängstlich richtete ich den Blick auf meinen rechten Arm.

Es gab keinen rechten Arm mehr. Es gab auch keinen linken Arm mehr!

Mein gesamter Körper hatte nichts menschliches mehr. Zwar fühlte ich keine Schmerzen mehr, aber das, was ich sah, raubte mir den Verstand und ließ mein Gehirn vor Unglauben explodieren. Ich hatte nicht geträumt! Alles, was ich erlebt hatte, war der Anfang einer unglaublichen Metamorphose, in der ich mich zu einer...

...urzeitlichen Echse verwandelt hatte!

Aber ich konnte denken! Ich nahm alles mit klarem Verstand auf, was sich abgespielt hatte. Mein Verstand schien besser und logischer als jemals zuvor, zu reagieren. Ich empfand auch keine Angst mehr. Keine Schmerzen. Ich hatte irgendwie diese irrsinnige Rolle akzeptiert, in der ich erwacht war.

Geschmeidig glitt ich aus dem Bett. Was einmal Arme und Beine waren, bestand nun aus kurzen schuppigen, aber sehr muskulösen Gliedmaßen. Wie sah mein Gesicht wohl aus? Hatte ich noch ein Gesicht? Ich konnte es nicht mehr berühren. Wahrscheinlich würde ich auch nicht mehr den Spiegel erreichen können, um mein neues Aussehen bewundern zu können.

Na und? Ich fühlte mich fantastisch! Man kann sogar sagen, dass ich mich besser als jemals zuvor fühlte! Völlig egal, warum und weshalb ich mich verwandelt hatte! Wen interessierte das schon?

Während meine neuen Gliedmaßen mich vorwärts bewegten, registrierte ich ein weiteres neuartiges Gefühl in mir. Ich hatte Hunger! Nicht Hunger, wie ich ihn noch als Mensch verspürte. Es war ein anderer Hunger. Ein unmenschlicher Hunger. Es war ein gieriger Hunger auf Fleisch. Rohes blutiges Fleisch!

Meine Augen richteten sich von Boden aus auf die Schlafzimmeruhr.

Wann kam noch gleich die Post? Kurz vor zwei Uhr? Ich mochte den Briefträger ohnehin nie leiden. Er war fett und unfreundlich, wenn er klingelte, um mir die Post zu überreichen.

Hunger! Noch etwa eine halbe Stunde – und ich konnte mir den Bauch voll schlagen! Mit dieser Vorfreude auf mein erstes Essen mit dem neuen Körper kroch ich in eine Ecke meines Wohnzimmers und rollte mich abwartend zusammen. Wenn ich mich etwas anstrengte, konnte ich bestimmt den Türöffner erreichen...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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