Anja Pompowski

Der vertauschte Koffer

Nach stundenlangem Flug und mindestens ebenso langer, anstrengender Fahrt in diesem unklimatisierten, schmuddeligen Reisebus kam Nadja endlich am Urlaubsort an. Bloß raus hier, dachte sie, und als sie es schließlich geschafft hatte, sich zum Ausstieg zu drängeln steuerte sie direkt auf das Hotel zu, vor dem der Bus hielt. Sie staunte, denn so feudal sah die Herberge im Internet gar nicht aus.

 

„Hallo? Frau Müller!“, hörte Nadja die Reiseleiterin hinter sich rufen. „DIES ist ihr Hotel.“ Dabei deutete sie auf die riesige Ruine gegenüber.

 

„Ach so.“ So sah das Hotel im Internet allerdings erst recht nicht aus. Naja, vielleicht ist es auch nur von außen so schäbig. So leicht wollte Nadja sich ihre gute Urlaubslaune nicht verderben lassen.

 

Als sie das Hotel betrat musste sie jedoch feststellen, dass es von innen sogar noch heruntergekommener war als von außen. Toll! Nadja reihte sich in die lange Schlange vor der Rezeption ein. Nach zwanzigminütiger Wartezeit konnte sie ihren Zimmerschlüssel in Empfang nehmen.

 

„Ihr Gepäck wurde bereits ins Zimmer gebracht“, sagte die Dame an der Rezeption.

 

Der Fahrstuhl war außer Betrieb, was Nadja kaum verwunderte, und so musste sie die Treppe nehmen. Als sie mit schmerzenden Knien und völlig außer Atem in der sechsten Etage ankam, fühlte sie sich wie nach einem Marathonlauf. Sie nahm sich vor, erst mal ausgiebig zu duschen, dann sähe die Welt sicher schon anders aus.

 

Das Zimmer war - vorsichtig ausgedrückt - nicht schön, und erinnerte stark an ein anderes, das Nadja vor Jahren mal in einer Jugendherberge in der ehemaligen DDR belegt hatte. Sie seufzte. Immer positiv denken, sagte sie sich. Ich will ja ohnehin den Urlaub nicht in dem Hotelzimmer verbringen, und für die Nächte wird es wohl reichen. Sie ging ins Bad und befand, dass sie sich mit diesen Handtüchern keinesfalls abtrocknen wollte. Sie würde sich ein Strandtuch aus dem Koffer holen, ihr Duschzeug, das Sagrotanspray und die feuchten Reinigungstücher, um die Nasszelle und das Klo überhaupt benutzbar zu machen. Nadja machte sich keine Illusionen, dass es Sinn hatte, sich an der Rezeption zu beschweren und um ein anderes Zimmer zu bitten.

Wo ist eigentlich mein Gepäck?, überlegte sie. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer, und dann entdeckte sie neben dem Bett einen Koffer, der jedoch nicht ihrer war. Dieser Koffer war alt und schäbig, genau wie das Hotel. Langsam wurde die gutmütige Naja richtig sauer. Sie stieg die unzähligen Treppen herunter, suchte die Reiseleiterin zunächst im Foyer und fand sie schließlich vor einem Glas Hochprozentigen an der Bar. Ihre Augen verrieten, dass es heute nicht ihr erstes war. Nadja trug der Dame ihr Kofferproblem vor, diese dachte kurz nach und lallte: „Da kann man erst mal nix machen. Ein anderer Gast hat wohl ihren Koffer gekriegt, aber herauszufinden, wer das ist … Dieses Hotel verfügt immerhin über mehr als siebenhundert Zimmer.“ Die Reiseleiterin riet ihr, doch erst mal in den vertauschten Koffer hineinzuschauen, vielleicht gehöre er ja auch einer Frau mittleren Alters mit ähnlichem Modegeschmack, wie ihrem. Dabei musterte sie Nadja herabwürdigend.

 

Übellaunig stapfte Nadja die gefühlten Millionen Stufen zu ihrem Zimmer wieder hoch und ließ sich atemlos erst mal auf das Bett fallen, welches, wie es nicht anders zu erwarten gewesen wäre, fürchterlich quietschte. Sie betrachtete den Koffer. Neugierig war sie ja schon, was sich wohl darin befände, also zog sie ihn zu sich heran.

 

Der Koffer war natürlich verschlossen, doch sie schaffte es mit Leichtigkeit, das Schloss mit Hilfe der Büroklammer, die die Reiseunterlagen zusammenhielt, zu öffnen. Als sie den Deckel anhob, traute sie ihren Augen nicht, denn im Inneren des Koffers befanden sich bündelweise Einhunderteuroscheine. Waren die echt? Nadja griff nach einem Bündel und begutachtete eine Note genauer. Zweifellos, die Scheine waren echt; dies waren keine Blüten. Wie viel Geld mochte das sein? Überschlägig kam sie zu dem Ergebnis, dass es sich wohl um mindestens Hunderttausend Euro handeln musste. Sie überlegte nicht lange, nahm den Koffer, den sie nunmehr als den ihren betrachtete, trug ihn die unzähligen Stufen herunter - was ihr eigenartigerweise nun überhaupt nicht schwer fiel - verließ diese Herberge, die den Namen „Hotel zur Erholung“ so gar nicht verdient hatte, und checkte in dem Fünf-Sterne-Luxushotel gegenüber ein.

 

Jetzt konnte der verdiente Urlaub beginnen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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