Wolfgang Küssner

Blendwerk

Diese Geschichte hätte ein schoenes Märchen werden koennen. Der Stoff wäre ideal gewesen; die Überschrift dann sicherlich eine andere geworden. Folgenden Sätze hätten beispielsweise am Anfang dieses Märchens stehen koennen: Es waren einmal zwei Nachbarn, die hatten sich nicht sonderlich lieb. Was gelegentlich vorkommen soll. Genau betrachtet waren es gar nicht die beiden Familien, sondern die Oberhäupter, die sich nicht mochten, Streß miteinander hatten; Besserwisser waren. Denn ursprünglich gehoerten sie alle zu ein und der selben Großfamilie. Umstände, die hier nicht näher betrachtet werden sollen, führten zu einem gestoerten Verhältnis. Man sollte allerdings wissen, hinter den jeweiligen Nachbarn standen mächtige Onkel und Tanten, die sich sogar als Freunde ausgaben, und nicht unwesentliche, eigene Interessen verfolgten. So mußten die Nachbarn die Suppe ausloeffeln und gerieten dabei in einen Konkurrenzkampf, der auf allen Ebene ausgetragen wurde; galt es doch, die Überlegenheit zu zeigen, eine Zukunftsversion zu promoten.

Und so begab es sich eines schoenen Tages, daß da im Rahmen einer internationalen sportlichen Veranstaltung ein Wettbewerb über eine Langstrecke angesetzt wurde und im Finale nur je ein Läufer der einen bzw. anderen Familie vertreten war. Es gab nur diese beiden Teilnehmer, da alle anderen angetretenen Läufer in den Vorentscheidungen schwächelten. Und um es gleich zu sagen, der Repräsentant der Familie A hatte das Rennen über die Langstrecke gewonnen und sofort wurde dieses als Überlegenheit in die Welt hinausposaunt. Kurz darauf war in den Nachrichten der Familie B zu hoeren: „Das langerwartete, historische Rennen hat stattgefunden. Beide Finalisten schenkten sich nichts. Unser Läufer belegte einen hervorragenden zweiten Platz, während der Vertreter des Teams A nur Vorletzter wurde.“  Wohlbemerkt, es waren nur zwei Läufer am Start. Und damit endet auch der kleine Versuch, ein Märchen zu schreiben. Wenn hätte wäre nicht wär ... – bis auf den heutigen Tag wird mit Blendwerk gearbeitet. Oder um es im Märchenstil zu formulieren: Nein, gestorben sind sie nicht, die Blender, sie treiben weiterhin ihr Unwesen.

Das glaubt der Leser nicht? Er moege mal an den letzten Urlaub und die dort gemachten Bekanntschaften denken. Der sich noch am Strand als Hotelier ausgebende Urlauber entpuppte sich bei späterer Recherche im Internet als Imbißbuden-Betreiber. Der sich gern Koenig titulierende Gast stellte sich als Zuhälter in einer deutschen Kleinstadt heraus; dem angeblichen Präsidenten eines Golfclubs fehlte es nicht an Fantasie, wohl aber am fabulierten Club; der sich selbst als gutsituierten, erfolgreichen Unternehmer in der Baubranche bezeichnende Tourist war ein arbeitsloser Polier; auf einen an der Bar spendablen Landsmann mit täglich einer anderen Schoenheit im Arm, wartete Daheim die Ehefrau; ein anderer hatte seine Heimat wegen Steuerhinterziehung zügig verlassen und konnte nur hoffen, nicht international zur Fahndung ausgeschrieben zu werden. Nun, das trifft natürlich nicht auf alle Barbekanntschaften, Nachbarn am Strand etc. zu. Meistens entwickelt man selbst ein Gespür, ein Gefühl dafür, wo Blendwerk im Einsatz ist, wo Nebelkerzen gelegt werden. Dann kann man selbst entscheiden, ob man bereit ist, sich auf Märchen dieser Art einzulassen.

Ein deutscher Diktator ließ 1939 einen Überfall auf den Sender Gleiwitz inszenieren, polnische Männer sollten es angeblich gewesen sein, um danach verkünden zu koennen: „Seit 5:45 wird jetzt zurückgeschossen“. Mit dem Überfall auf Polen begann der Zweite Weltkrieg. Autohersteller aus deutschen und anderen Landen manipulierten massis die Abgaswerte ihrer Vehikels, um Vorteile auf dem Weltmarkt zu erlangen. Der Präsident eines Fußballclubs und andere Prominente sprachen gern in der Presse, vor laufenden Kameras von der Steuerehrlichkeit. Bis sie selbst des Betrugs, der Steuerhinterziehung überführt wurden. Da erklärte ein Parteichef sächselnd „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Ein Außenminister der Vereinigten Staaten belog die Weltoeffentlichkeit mit gefälschten Dokumenten, um den Einmarsch in den Irak zu rechtfertigen.  Gammelfleisch wurde umetikettiert; Pferdefleisch in Lasagne verarbeitet; Zuckeranteile in Lebensmitteln durch neue Begriffe vertuscht; Boersenkurse von Banken manipuliert; die Statistik  über Pannen wurde bei einem (?) Automobilclub gefälscht;  Wahlversprechen von Parteien erwiesen sich nach der Wahl als Versprecher. Jeder Leser würde diese Auflistung von Blendwerk mit Sicherheit aus eigenen gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, beruflichen oder persoenlichen Erlebnissen, Erfahrungen ergänzen koennen.

Glaubt der Leser an Bestenlisten im Buchhandel, an die Charts der Kinobesucher, DVDs, CD etc.? Dann glaubt er mit Sicherheit auch an den Osterhasen oder den Weihnachtsmann – alles Blendwerk. Es geht nur darum, den Konsum anzuheizen.

Statistik! Auch so ein Blendwerk. Da wird z. B. von monatlich steigenden Touristenzahlen berichtet, mal sind es 14 Prozent, mal 23, mal kommen 8 % mehr aus jenem Land, dann 27 Prozent Steigerung bei Besuchern aus einem anderen. Und in den Hotels sinken die Auslastungensquoten. Wie paßt das zusammen? Ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung: 3 Gäste eines Hotels haben für genau 1 Jahr eingecheckt. Das macht 3 x 365 Tage, also 1185 Übernachtungen. Anstelle dieser 3, kommen jetzt 300 Gäste – also eine Steigerung von 10.000 Prozent – doch sie bleiben jeweils nur 2 Nächte – macht 600 Übernachtungen, sprich ein Minus von knapp 50 %. Es kommt auf die richtigen Relationen an.  „Mit Statistiken kann man alles beweisen, nur nicht die Wahrheit,“ heißt es in einem geflügelten Wort unbekannten Ursprungs. Jeder gestaltet die Statistik so, wie er sie für seinen eigenen Zwecke benoetigt. Blendwerk eben. Zahlen, so heißt es, würden nicht lügen. Doch in punkto Interpretation sind sie dehnbar wie ein Twistgummiband.

Da werden viele Märchen erfunden, Geschichten erzählt, um  abzulenken, zu täuschen, zu vertuschen, zu vernebeln, in die Irre zu führen, zu blenden. Märchen über Märchen. Ob die Welt jemals frei davon sein wird, frei von Blendwerk?

 

September 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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