Gertraud Widmann

Raus aus München ...

Im Andenken an meine liebe Mutter
Ich habe die Geschichte so aufgeschrieben, wie sie mir meine Mutter erzählt hat.
Sie war eine sehr gute Mutter und ist 2009, kurz nach ihrem 95sten Geburtstag ganz friedlich eingeschlafen.

 

Auf den schönen Frühling 1944 nahmen die alliierten Streitkräfte keine Rücksicht und bombardierten München was das Zeug hielt. Das Sirenengeheul, das jeden Bombenangriff ankündigte, war an der Tagesordnung. Das hieß jedes Mal: ab in
den Luftschutzkeller.  

   Da mein Vater an der Front war, musste die Mutter alles alleine bewerkstelligen. Die Tasche mit den nötigsten Dingen in den Keller tragen, wieder hoch rennen, Hubert frisch wickeln und ihn dann samt Kinderwagen (!) ebenfalls hinunter tragen. Ich stand in meiner „Trainingshose“ (gefertigt aus einem langen, warmen und blau eingefärbten, Damenschlüpfer) am Küchenfenster und wartete. Als mich die Mutter schließlich abholte, soll ich in Richtung Sirene gezeigt und mit einer ganz tiefen Stimme (habe ich heute noch) gesagt haben:
   »D Musi (Musik) spuit, da fürchst da glei.«.

Als die Luftangriffe immer heftigere Ausmaße annahmen, mussten wir auf Geheiß des (durch Ernennung, nicht frei gewählten) Münchner Bürgermeisters  K. Fiehler,
evakuiert werden. Deshalb wurden wir eines Tages mit unseren Habseligkeiten auf die Ladefläche eines alten, klapprigen Lastwagens verfrachtet und los ging`s, in
Richtung Chiemsee.

In dem winzigen Ort Schneereut sollten wir bei einem alten Geschwisterpaar, der Marie und dem (blinden) Wastl untergebracht werden. Die beiden waren aber gar
nicht begeistert, eine Frau mit zwei kleinen Kindern (Hubert war vier Monate, ich
fast drei Jahre)  aufnehmen zu müssen.
Schließlich durften wir uns aber dann doch in einem Zimmer unterm Dach häuslich einrichten.
   Trotz alledem hatten sie uns aber schon nach kurzer Zeit in ihr Herz geschlossen und kümmerten sich rührend um uns, wenn die Mutter beim „Schneereuter“- Bauern als Magd arbeitete. Manchmal aber, da musste ich mich um meinen Bruder (den größten Schreihals aller Zeiten) kümmern.
   Und so kam`s wie`s kommen musste:
Eine Tages hatte die Mutter einen Hefeteig vorbereitet und in einer Blechschüssel auf den Tisch gestellt.
   »Pass` mir gut auf Hubert auf«, wird sie wohl noch zu mir gesagt haben und war  zur Arbeit gegangen. Und mein Bruder schrie was das Zeug hielt, es war nicht zum Aushalten. Da wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, „wuchtete“ die Schüssel mit Hefeteig bis zum Kinderwagen und klatschte Hubert den Teig ins Gesicht … Endlich Ruhe!
Gott sei Dank kam Marie die plötzliche Stille spanisch vor. Sie rannte so schnell sie konnte nach oben, befreite den kleinen Kerl von dem klebrigen Hefeteig und rettete ihn so vor dem Ersticken!

Tage später wollte ich für Marie, zum Dank, dass sie meinen - doch so geliebten -
kleinen Bruder gerettet hatte, ein paar Blumen pflücken. Doch mir war strengstens verboten worden, das Haus alleine zu verlassen. Denn erstens trieb sich in den umliegenden Wäldern allerlei Gesindel herum und zweitens, weil keine zehn Meter hinter dem Haus die Salzburger Autobahn und die Bahnlinie vorbeiführte. Beides waren ausgemachte Ziele der alliierten Luftwaffe!
   Aber einmal bin ich doch ausgebüxt und rannte schnurstracks zu einem Feld mit vielen Blumen. Vorsichtig ging ich durch die Reihen, pflückte weiße und lilafarbene Blumen und hörte erst auf, als ich den Strauß gerade noch mit meiner kleinen Hand umfassen konnte.  Glücklich rannte ich zurück, um Marie die Blumen zu geben. Aber die hat sich gar nicht gefreut. Ganz im Gegenteil, stocknarrisch (wütend) ist
sie geworden. Sie hat mich gepackt und geschüttelt, dass mir Hören und Sehen vergangen ist.
   »Ja was fällt dir denn ein, sagst nix, läufst einfach weg und reißt auch noch die Blüten von Kartoffelsträuchern (!) ab. Jetzt wachsen dort keine Knollen mehr – da wird sich der Bauer aber freuen!«.
Aber das hatte ich doch nicht wissen können! Ich fing bitterlich zu weinen an! Und genau das konnte Marie gar nicht haben. Sie nahm mich in die Arme, drückte mich und hat sich dann doch noch  über meine „Blumen“ gefreut.

Dieser verdammte Krieg verfolgte uns auch bis hierher - wo doch hier die Welt noch in Ordnung zu sein schien. Auf alle Fälle, die täglichen Luftangriffe wurden immer heftiger und der einzig sichere Ort war der kleine Schutzraum im Keller. Aber, der war so klein, dass nur Marie und Wastl darin Platz hatten. Also blieb Mutter, Hubert und mir nichts anderes übrig, als auf dem Sofa in Maries Küche sitzen zu bleiben. Dort starrten wir dann gebannt auf das direkt gegenüberliegende Fenster, weil aus
dieser Richtung kamen sie - die schwer mit Bomben beladenen Tiefflieger!
   Wir duckten uns ganz automatisch wenn die auf das Küchenfenster zugeflogen kamen, um dann Sekunden später mit lautem dumpfen Brummen über das Haus
hinwegzudonnern. Himmel nochmal, da wackelten nicht nur die Wände, sondern auch der riesengroße Spiegel in dem wuchtigen Goldrahmen, der direkt hinter uns hing. Mei Liaba, der wenn von der Wand gefallen wäre, der hätte uns drei glatt erschlagen.
   Wenn die Flieger nach ihrem Einsatz wieder zurückkamen, war aber nochmal „Gefahr im Verzug“, denn all die Bomben, die sie nicht „losgeworden“ sind, warfen sie einfach ziellos irgendwohin. Dem Himmel sei Dank, dass sie uns nicht getroffen haben - und der große Spiegel ist auch hängen geblieben ...

Fortsetzung:  "Es geht wieder heim"

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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