Gertraud Widmann

Endlich geht`s wieder heim


Es ist Herbst 1944. Deutschland liegt in Schutt und Asche und auch  München ist zum größten Teil zerstört. Nur hier in Schneereut, da war es ruhig - noch.

Doch ich hatte Aufregung genug!

Wenn einmal keine Luftangriffe zu erwarten waren, durfte ich in den Garten. Ich saß
dann meistens auf einer windschiefen Gartenbank und sinnierten so vor mich hin ... Und dann sah ich SIE: Auf der Hecke, direkt vor mir, da  lag eine riesige, schwarze Schlange mit hellbraunem Zackenmuster auf dem Rücken. Meiner kindlichen Einschätzung nach, war sie mindestens zwei (!) Meter lang und so dick wie ein großer Ast - ich schrie aus Leibeskräften! Meine Mutter und Marie kamen angerannt und verscheuchten die Schlange. Es wäre doch NUR eine nicht besonders giftige Kreuzotter gewesen, die sich sonnen wollte - naja dann.

Inzwischen konnte man den bevorstehenden Winter direkt riechen. Deshalb war`s auch an der Zeit, dass ich mit meiner Mutter zum Holzsammeln ging. Man durfte aber nur Äste bis zu einer bestimmten Länge mitnehmen und auch nur solche, die am Boden gelegen waren. Zudem musste man von der zuständigen Gemeinde eine Genehmigung vorweisen können.
   Soweit war alles in Ordnung. Doch kaum hatten wir die ersten Zweige in unseren   kleinen Leiterwagen gelegt, da bemerkte Mutter eine dunkel gekleidete Gestalt, die durchs Unterholz schlich und uns beobachtete. Ihr war gar nicht wohl in der Haut. Darum rief sie ganz laut, obwohl ich direkt neben ihr stand:
   »Geeertraaaud, lauf schnell und hol` den Papa damit er uns ziehen hilft.«.
Das hatte ich jetzt aber nicht ganz  begriffen. Was sollte ich tun? Den Papa holen? Der Papa soll hier in Schneereut sein? Das wüsste ich aber. Und deshalb rief ich (fast) ebenso laut zurück:
   »Das geeeht aber niiicht, der Papa ist doch im Kriiieg!«
Jetzt gab sich er Mann zu erkennen:  Er wäre der Eigentümer des Waldes und wolle nur überprüfen, welche Holzstücke wir mitnähmen. Er entschuldigte sich, dass er uns so erschreckt hätte und verabschiedete sich. Bereits im Gehen sagte er lachend noch zu meiner Mutter:
   »Sie haben aber eine ehrliche Tochter!«

Der Winter war streng, es war bitterkalt und wir froren entsetzlich. Der Vater schickte uns deshalb sogar einmal einen Karton Briketts aus Italien - weiß der Himmel wo er die her hatte. Schließlich war auch noch das Holz, das wir so mühsam gesammelt hatten, zu Ende gegangen.
   In ihrer Verzweiflung „stibitzte“ die Mutter, immer dann wenn Marie gerade in die Kirche gegangen war, ein paar Holzscheite aus ihrem exakt aufgeschichteten Holzstoß hinter dem Haus. Marie hat niemals ein Wort darüber verloren! Entweder, weil sie es nicht bemerken wollte, oder die Mutter hat es so geschickt angestellt? Und der Herrgott hat in diesem besonderen Fall bestimmt beide Augen zugedrückt.

Dann kam der 25. April 1945.

Morgens hatte die Mutter noch einen kleinen Guglhupf (Napfkuchen) gebacken, um damit am Nachmittag ihren jüngsten Bruder Willi, der in Traunstein im Lazarett lag, damit zu überraschen. Mittags packte sie den Kuchen vorsichtig in ihren Rucksack und machte sich zu Fuß auf den Weg. Als ihr Willi auf halben Weg entgegen kam, war die Wiedersehensfreude zwar groß, währte aber nur kurz. Plötzlich hörten sie Flugzeuge brummen und in der Ferne sahen sie Bomben vom Himmel trudeln!
Alle Menschen, die rund um den Bahnhof unterwegs gewesen waren rannten los, um in der nahegelegenen Unterführung Schutz zu suchen.
   Meine Mutter und ihr Bruder schafften es nicht mehr … Deshalb sprangen die zwei in den Straßengraben, schmissen Mutters Rucksack auf die Erde und warfen sich d`rauf. Obwohl sie sich ganz flach machten - sicher war`s hier nicht und die Bombeneinschläge kamen immer näher. Darum liefen sie querfeldein zu einem verlassenen Bauernhaus, stolperten dort in einen stockdunklen Keller und warfen sich hinter einem Kohlenhaufen wieder auf den Rucksack. Ich erwähne den Rucksack nur, weil die Mutter immer erzählt hat, dass Willi und sie - trotz der schlimmen Lage in der sie sich befanden - unter leisem Gelächter den total zerbeöselten Guglhupf gegessen hatten.

Marie und Wastl saßen währenddessen ganz still auf dem Sofa. Ich kauerte mit Hubert
(in sicherer Entfernung von dem großen Spiegel) auf dem Fußboden. In der Ferne hörte wie die Bomben einschlugen ...
Wie später nachzulesen war, sind an diesem einen Nachmittag an die zweihundert amerikanische Bomber über Schneereut hinweg gedonnert.
   Mutter und Onkel Willi überlebten Gott sei Dank den ersten und einzigen (!) Luftangriff auf Traunstein unbeschadet.  Willi lief wieder zurück zum Lazarett und Mutter rannte nach Hause. Die zuvor erwähnte Bahnunterführung und der Bahnhof wurden schwer bombardiert und alle Menschen - über hundert - die dort Zuflucht gesucht hatten, kamen dabei ums Leben!

Am 8. Mai 1945 war der Krieg in Deutschland endlich zu Ende.

Mein Vater hatte Gott sei Dank alles gut überstanden. Er war zwar in amerikanische Gefangenschaft geraten, dort ging es ihm aber gar nicht so schlecht, wie er später immer betonte. Denn er machte mit seiner Gitarre und der Mundharmonika zünftige Musik und das hat den Amis gefallen. Deshalb wurde er oft  „engagiert“- Speisen,  Getränke und Zigaretten inklusive.
   Anfang August besuchte uns Vater nur ganz kurz, denn es trieb ihn weiter ... hem
nach München, wo er unsere Wohnung herrichten wollte.
Doch was er da vorfand ist nicht in Worte zu fassen. Zwei ganze Monate werkelte er,
um alles wieder einigermaßen bewohnbar zu machen. Er „organisierte“ einen neuen Küchenherd, weil man uns den alten gestohlen hatte. Dann holte er Hausrat und Möbel aus Landshut, wo alles vor der Evakuierung untergestellt worden war. Und baute ganz zum Schluss auf die Schnelle noch einen Stall für zwei Hasen, die er vom Nachbarn geschenkt bekommen hatte. Wie er das alles geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Danke lieber Papa (posthum).
   Jedenfalls, als alles fertig war, hatten wir nur noch ein Zimmer, ein kleines Kammerl und die Küche - der Rest lag als riesiger Schutthaufen hinterm Haus.

Inzwischen war`s Ende September geworden und endlich kam mein Vater mit einem riesigen Kulissen-Lastwagen vom Bayerischen Staatsschauspiel (wo er jetzt wieder fest angestellt war), um uns abzuholen.
Nach einer kurzen Begrüßung ging eigentlich alles recht schnell. Unsere Mutter hatte bereits alles eingepackt, am Morgen Stück für Stück hinunter getragen und vors Haus gestellt. Mein Vater trug mit seinem Kollegen lediglich die restlichen Kleinmöbel (waren eh nicht mehr viel) runter. . Und schön langsam sah man unser Hab und Gut in dem Ungetüm von einem Lastwagen verschwinden - das war`s.

Dann kam der Abschied ... Alle Menschen, die dort mit uns ein gutes Jahr gelebt hatten, kamen, umarmten uns - und weinten. Ich stand etwas verloren mittendrin, hatte meinen geliebten Stoffkasperl, den ich kurz nach meiner Ankunft geschenkt bekommen hatte, im Arm und wartete. Schließlich hob mich Vater auf den Lastwagen, setzte mich zu meinem Bruder in die Schlafkabine und los ging`s. Endlich fuhren wir wieder nach Hause ...

                                                  ... heim nach München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gertraud Widmann).
Der Beitrag wurde von Gertraud Widmann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Ich zeige Dir den Regenbogen von Sabine Fenner



Ich zeige dir den Regenbogen,
in allen seinen Farben,
das Leben ist bunt.

"Wie der Titel schon verrät, möchte ich mit meinen Versen die Facetten des Regenbogens in Gedicht- und Spruchform näher bringen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gertraud Widmann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Unser Gickerl Hansl von Gertraud Widmann (Autobiografisches)
Alles nur Zufall...? von Mirjam Horat (Erinnerungen)
Viel zu wenig Kommentare! von Jürgen Berndt-Lüders (Fragen)