Bernhard Pappe

Meer und Abschied

Wieder eine Reise ans Meer. Wenn ich an meinem Ziel bin, dann werde ich nicht nur einfach auf ein Meer schauen, ich blicke auf einen Ozean. Wasser, Wellen, Wind und Horizont pflanzten eine Sehnsucht schon vor vielen Jahrzehnten in mich ein. Es geschah zu einer Zeit, als meine Welt noch kleiner war, als Wasser und Wellen in einem überschaubareren Meer tobten. Berge waren schön und majestätisch, und der Blick von ihren Gipfeln konnte atemberaubend sein, doch der Blick auf die Weiten des Meeres, auf den Weltenreißverschluss am Horizont berührte mich tiefer. Es zieht mich immer wieder dorthin.

Das Flugzeug hebt ab und trotzt mit seinen Turbinen der Erdenschwere. Bald wird es auf einem Wolkenmeer scheinbar mühelos dahingleiten. Von meinem Reiseziel, der Insel Gran Canaria, trennen mich noch einige Stunden. Manche bezeichnen sie gar als kleines Paradies, als kleinen Kontinent, der eine Wüste und ebenso grüne Wälder gleichermaßen in sich vereinigt. In den letzten Jahren war ich immer wieder mal auf der Insel. Viele Orte dort sind mir wohl bekannt. Ich finde, es reizvoll in bekannte Landschaften zurückzukehren und dennoch ihre Veränderung zu erspüren.

Ich schaue auf die Tasche zu meinen Füßen. In ihr verbirgt sich eine Besonderheit, ein ausgedrucktes Blatt, ein Abschiedsgedicht; „Kenavo Marie – Ein Abschied am Meer“. Auf dem Blatt prangt über den Worten ein Foto, geschossen auf Gran Canaria, das die Weite des Atlantiks zeigt und die Wolken, die über seinen Wassern schweben, sie vermitteln etwas von der Mystik des Horizonts. Da ist er nun, ein Abschied von einem Leben, welches vor langer Zeit nicht in mein Leben trat. Ich stelle mir keine Fragen nach dem Warum, weil es keine wirklich passenden Antworten auf sie gibt. Es war jedenfalls ein guter Ratschlag, diesem Leben, diesem Abschied einen Namen zu geben – Marie. Der gefundene Name war wie eine Initialzündung für die Worte zum Gedicht. Ich musste sie nur noch in eine Form gießen. Nicht nur das Gedicht nahm Gestalt an, ich schrieb es gut eine halbe Woche vor Reisebeginn, auch die Form des Abschieds schälte sich aus meinem Bewusstsein heraus. Ich würde das Gedicht dem Ozean übergeben und seine Wasser würden die Worte zu Marie spülen…

Der Strand zwischen dem Leuchtturm von Maspalomas und Playa de Ingles ist immer gut besucht, so auch heute. Ich nehme meine Schuhe in die Hand, netze meine Füße mit den Wassern des Atlantiks. Meine Bewunderung gilt dem Spiel der Wellen. Vom Strand flutet das Wasser zurück, gleichzeitig rollt eine neue Welle in dieses Fließen hinein. Eigenwillige Überlagerungsmuster entstehen. Der Ozean ist glatt, er sendet nur niedrige Wellen an den Strand. Er gebärt sie weit draußen. Ein achtsamer Beobachter wird ihr Schaumkronen ausfindig machen. Ich habe das Gedicht zweimal gefaltet und in der Seitentasche meiner Shorts deponiert. Manchmal überraschen die Wellen mich doch und greifen nach meiner Hose. Das Papier in der Seitentasche wird feucht. Ich möchte nicht, dass Worte und Bild sich so einfach auflösen und stelle ein wenig mehr Abstand zu den einlaufenden Wellen her. Mein Weg führt mich an einer Stelle vorüber, wo rechte viele Steine den Strand säumen, eine Hinterlassenschaft stürmischerer Fluten. Ich nehme das zusammengefaltete Blatt aus meiner Hose und mein Blick wandert zum Horizont. Leise flüstere ich: „Kenavo Marie“. Das Blatt deponiere ich unter einem etwas größeren Stein. Ich schaue mich um. Niemand beachtet mich. Ein Abschied für mich allein in einem Menschenmeer. Meine Hand ist fast noch am Stein und schon rollt die nächste Welle über ihn hinweg. Die Vorstellung in meinem Kopf: Wort für Wort spült der Ozean die Tinte hinweg, auch die Farben des Fotos nimmt er in sich auf. Alles trägt er hernach zu Marie und setzt es für sie wieder zusammen…

Der Tag ist heiter und ich bin es auch. Der Himmel geizt zeitweise mit Blau und Wolken. Er beginnt, sich in den Dunst des Scirocco zu hüllen, jener heiße Wind, der dem Norden Afrikas entspringt. Er wird Wärme bringen und an manchen Tagen seltsame Himmelsbilder malen.

Ich möchte den Strand verlassen, mein Blick haftet am Horizont. Hinter diesem Horizont liegt kein Land mehr. Nach tausenden von Seemeilen würde ich an die Eisberge der Antarktis stoßen. Kenavo Marie. Ich freue mich über einen gelungenen Abschied. Du hast meine Botschaft erhalten. Dessen bin ich mir sicher. Ich weiß nun auch, dass der Tag meines Abschieds von Marie in einer Geschichte münden wird. Wann wird mein Abschied vom Meer sein? Eines Tages wird er kommen. Sei es, dass eine solche Reise nicht mehr bezahlbar ist. Sei es, dass mein Körper zu so einer Reise nicht mehr taugt.

Wenn der Abschied kommt, dann werden wir uns sehr nah sein. Wer weiß, ob nicht der Abschied die Antwort auf alle Fragen in sich trägt. Kenavo Marie…

© BPa / 07-2017


Kenavo ist das bretonische Wort für "Auf Wiedersehen"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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