Dominik P.

Erste Mobbing Erinnerung

Es war ein sehr seltsames Gefühl. Es fing in den Beinen an und wanderte zielstrebig nach oben bis in den Kopf. Wie ein Stromschlag, der den ganzen Körper lähmt, jedoch die Nerven nicht beeinträchtigt. Mein Gott tut das weh, dachte Marx mit schmerzverzerrten Gesicht. Immer war er das Opfer, der Leidtragende, der Boxsack seiner Klassenkameraden. Alles fing in der fünften Klasse an, bei seiner ersten Klassenfahrt ins Ausland. Es sollten zwei schöne Wochen auf der Insel Bornholm, östlich von Dänemark, werden. Zum erstem Mal in seinem Leben verspürte Marx ein Gefühl wie Vorfreude, oder Aufregung. Er hätte nie gedacht, dass es in einem Horrortrip enden würde. Nachdem die Klasse in die Herberge eingecheckt war, wurden die Schüler in Dreier Pärchen auf die Zimmer verteilt. Marx erinnerte sich noch genau an seine Furcht mit Maik und Björn in einem Zimmer zu landen. Diese beiden waren die lautesten und gewalttätigsten Jungen in der Schule. Einmal fand man im Spind von Andre, der unter Arachnophobie litt, eine riesige Spinne. Ein weiteres mal ging ein großer Böller im Spind eines Mädchens hoch, der alle ihre Wertsachen zerstörte. Diese beiden waren hoch gefährlich und er wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Ihr Klassenlehrer, Herr Letasp, bekam kaum etwas von diesem Treiben mit. Er war, wie sich Marx gerne vorstellte, gedanklich auf Autopilot. Bei Klassenkonferenzen, bei denen es um diese Aktionen ging, blieb er stets bei der Aussage: "Es sind nur Späße, man sollte nicht alles auf die Goldwaage legen". Wie ein kaputter Plattenspieler wich er niemals von dieser Aussage ab. Es war das Letapische Mantra, eine Trance-ähnliche Gleichgültigkeit gegenüber seinen Schutzbefohlenen. Als Marx schließlich dem Zimmer 4b zugeteilt wurde, als einer der ersten Schüler, machte er sich sofort auf den Weg. Er wollte das Bett oben haben, unbedingt. Zurückblickend war dies ein! e der we nigen schönen Erinnerungen die er von diesem Ausflug mitnahm. Das Zimmer selbst war spärlich eingerichtet. Drei Betten, ein Tisch, ein Schrank und ein Waschbecken. Nicht gerade das Ritz-Carlton, dachte er damals. Die Betten hatten die perfekte Größe für einen 11-jährigen. Die Bettwäsche roch frisch, und das Laken war weich wie Seide gewesen. Der Schrank würde niemals für drei reichen, dafür war er zu klein. Marx wusste sofort, dass das später noch Konflikte hervorrufen würde. Der Tisch war groß genug für zwei Schüler, aber er besaß nicht genug Fläche zum Lernen. An der unteren Seite klebten etliche Kaugummis. Das Waschbecken war am kleinsten, da würden nicht mal zwei Zahnbürsten Platz finden. Nachdem Marx sich umgesehen und die Eindrücke verarbeitet hatte, kletterte er über die Bettleiter ins obere Bett. Das Holzgestell knatschte ein wenig unter seinen 56 Kilo, jedoch fand er sich selbst nicht sonderlich fett. Marx fand sich sportlich gebaut, obwohl er nicht wirklich was mit Sport am Hut hatte. Er hatte kurze schwarze Haare und blaue Augen. Seine Mutter nannte ihn manchmal OceanEye deswegen, was ihn in den Wahnsinn treiben konnte. Sein Gepäck, so wie das der anderen Schüler, war noch im Reisebus verstaut, um unnötiges Chaos beim Einchecken zu vermeiden. Nachdem alle Schüler zugewiesen wurden, sollte es einzeln und geordnet abgeholt werden. Ordnung. Ein Wort das Marx abgrundtief hasste. Er war immer eher ein Chaot gewesen, er fand seine Sachen im Chaos stets leichter wieder. Er schloss seine Augen und dachte über die nächsten zwei Wochen nach. Wer wohl noch dem Zimmer zugeteilt werden würde? Er selbst hoffte auf Robin oder Brian. Robin war ein sehr ruhiger Mensch, genauso wie er selbst. Brian war zwar etwas lauter, doch von friedlicher Natur, was das Zusammenleben erheblich schöner machen würde. Es klopfte leise an der Tür. "Herein" antwort! ete Marx mit aufgeregter Stimme. Der Türknauf wurde langsam nach unten gedrückt, fast in Zeitlupen Geschwindigkeit. Durch den Spalt erkannte Marx ein gehässiges Grinsen. "Hey Maxxxxxi, was geht, du Opfer?". Marx blinzelte ungläubig. Was er sah, nahm ihm die wenige Ruhe, die er kurzzeitig genossen hatte. Björn. Wie hoch ist die mathematische Wahrscheinlichkeit soviel Pech zu haben, dachte Marx. Björn knallte die Tür regelrecht hinter sich zu und stampfte lautstark ins Zimmer: "Wer hat dir eigentlich erlaubt das obere Bett zu nehmen? Das steht selbstverständlich dem stärksten zu!". Björn war der mit Abstand größte in der Schule. Er hatte kurze rote Haare und war sehr kräftig gebaut für sein Alter. An diesem Tag trug er eine kurze Hose und ein Muskel-Shirt Er wirkte darin wie ein Macho aus den Filmen die Marx Vater so gerne sah. Mit schnellen Schritten erklomm Björn die Leiter und fasste Marx grob ans Fußgelenk "Runter da! Ich will oben liegen, du Schwachmat!". Marx stellte schnell fest, dass Björn einen unglaublich starken Griff hatte. Sein Fußgelenk brannte förmlich vor Schmerz. "Ich war zuerst hier, wer zuerst kommt mal zuerst!" antwortete Marx mit leiser geqüalter Stimme. Er zappelte und versuchte sich zu befreien. Björns Griff ließ jedoch nicht im geringsten nach. "Junge, willst eins in die Fresse? Lässt sich arrangieren. Komm jetzt runter, letzte Warnung!". Marx fing an zu schwitzen. Vor Angst, Schmerzen und der Anstrengung die das herumzappeln ihm bereitete. Auf einmal traf er Björn beim Zappeln mit dem Fuß an der Nase. Es gab einen leisen Knack und Björn fiel krachend von der Treppe. Marx war in einem Schockzustand. Nicht weil er sich schuldig fühlte, sondern weil er wusste wie Björn vielleicht reagieren würde. Er schaute vorsichtig nach unten, eine Schweißperle tropfte von seiner Stirn aufs Holzgelä! nder. Wa s er sah lies sein Herz stocken. Björn blutete stark aus der Nase. Er fing an zu weinen und gleichzeitig zu toben. "Du bist tot, ich schlag dich tot. Du kommst hier nicht lebend weg, das schwöre ich dir!". Er rannte wutentbrannt aus dem Zimmer, und knallte die Tür wieder mit Wucht hinter sich zu. Marx Herz raste vor Panik. Er bringt mich um... er bringt mich um... er bringt mich um. Wie in Stase wiederholte er gedanklich Björns Drohung. Was jetzt... was jetzt...? Er konnte nicht mehr klar denken. Langsam, mit zitternden Händen, ging er das Bett hinunter. Seine Beine waren wacklig und sein Blick glasig. Er ging zum Waschbecken um sein Gesicht mit kalten Wasser zu benetzen. Vor Schreck wäre er fast umgefallen. Sein Gesicht war bleich wie Kreide. Seine Augen waren leer, es war kein Licht mehr darin. Er umfasste das Becken mit beiden Händen und versuchte erstmal tief durchzuatmen, was nur mäßig funktionierte. Dann wusch er sich das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Es war nicht halb so belebend, wie er es sich erhofft hatte. Er begutachtete sich nochmals im Spiegel. Und alles was ihm in den Sinn kam war: Ich bin erledigt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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