Irene Beddies

Vertauscht



Vertauscht

Berta war verärgert.  Andauernd musste sie die Jeans hochziehen, damit sie ihr nicht über den Po nach unten rutschte. Das war doch sonst nicht so!
Zum Glück dauerte es nicht mehr lange, bis Greta sie aus dem Kindergarten abholte. Der Mutter fiel auf, dass Berta immerzu an der Hose fummelte, dachte sich aber nicht viel dabei, Kinder eben.

Zu Hause verschwand Berta sofort in ihrem Zimmer und wühlte in ihrem Kleiderfach nach einer anderen Hose. So, diese rutschte nicht mehr. Fröhlich ging sie im Garten spielen.

Als Greta am Abend die Hose, die Berta im Kindergarten getragen hatte, holte, um sie in die Waschmaschine zu stecken, stutzte sie. Aus der rechten Hosentasche holte sie ein Herrentaschentuch mit rostrotem Rand. Sie kannte es nicht, Berta benutzte immer nur Tempotücher.
Greta besah sich die Hose genauer. Das Label war falsch. Es handelte sich hier offenbar um eine teure Designerhose, wie sie Kinder manchmal schon in so jungen Jahren trugen. Wie kam Berta an die Hose? Hatte sie die mit Absicht angezogen, weil Mira ja immerzu von Designerklamotten faselte? Aber woher konnte Berta wissen, dass diese Jeans zu solch einer Sorte gehörte?

Greta wusch die Hose nicht, sie wollte die Angelegenheit morgen im Kindergarten klären.
Aber zunächst stellte sie Berta zur Rede. Das Mädchen wusste nicht, wie sie zu der Hose gekommen war. Sie erzählte, dass die olle Hose immer gerutscht war nach dem Mittagsschlaf.
„Wo hattest du die Hose denn hingelegt, als du auf die Liege gegangen bist?“ „Ich hab sie einfach auf der Erde gelassen. Alle Kinder machen das so.“  „Und wer hat neben dir geschlafen?“ „Weiß ich nicht mehr.“ „Lagen da noch andere Jeans, als du dich angezogen hast?“ „Nee, ich war erst auf dem Klo. Und als ich zurückkam, lag da nur noch diese Hose.“

Beim Abendbrot fragte Berta ganz beklommen: „Ist das schlimm?“
„Was ist schlimm?“, fragte Mira sofort. Die Mutter erzählte kurz, was geschehen war. Paolo und der Vater brachen in Lachen aus. Paolo mutmaßte: „Da hat dir einer einen Streich gespielt.“ Mira meinte: „Das arme Kind, das Bertas enge Hosen angezogen hat. Es muss schreckliche Bauchschmerzen haben.“

So betrachtet, war das Erlebnis für alle ein Grund zum fröhlichen Lachen.

Am nächsten Morgen stand eine Frau mit einem etwas dicklichen Jungen im Flur der Kita und redete aufgebracht mit einer Erzieherin. In der Hand hielt sie eine Jeans. Die Erzieherin versuchte sie zu beruhigen, aber die Frau schimpfte weiter. Greta sah die Erzieherin an und hielt gleichzeitig der aufgebrachten Mutter des Jungen die Jeans entgegen. Bevor die Frau sich nun auf Greta mit Anschuldigungen stürzen konnte, erklärte Greta die Situation. Dass ihr eigenes Kind die Verwechslung verursacht hatte, ließ die Mutter des Jungen verstummen. Hastig griff sie nach den Jeans, drückte Greta die andere in die Hand und verschwand kleinlaut, ohne sich von ihrem Sohn zu verabschieden.
Der Junge machte einen unglücklichen Eindruck und war den Tränen nahe. Berta nahm ihn an die Hand, und gemeinsam verschwanden sie im Tagesraum.

Greta und die Erzieherin grinsten sich ein klein wenig schadenfroh an.

 

© I. Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Irene Beddies:

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