Wolfgang Küssner

Lastenausgleich

“Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sei Dein künftig Zauberwort.“ Diese Worte lesen wir im Gedicht „Der Schatzgräber“ von Johann Wolfgang von Goethe. Ja, das koennte ein Lebensmotto sein. Doch dann fällt der Blick auf den Kalender und wir sehen, der 1. Mai ist ein Sonntag, der Heiligabend findet an einem Samstag statt, der 1. Weihnachtsfeiertag ist folglich ein Sonntag, der 31. Dezember, also Silvester, ist ein Samstag, der folgende Neujahrstag somit ein Sonntag. Schlussfolgerung: Ein für Arbeitgeber sehr, sehr freundliches Jahr. Das Nachsehen haben die Berufstätigen, sie waren z. B. 2016 eindeutig auf der Verliererseite. Frohe Feste?

Dabei sollten Feiertage – wie der Name schon sagt – jene Tage sein, an denen ein spezielles Ereignis gefeiert werden kann und soll. Doch läd ein Feiertag, der zu einem normalen Wochenende  mutiert, noch zum Feiern ein? Beim Blick auf den Kalender macht sich doch eher Enttäuschung breit, wird sicherlich geflucht, als an eine Feier gedacht. Zumindest auf Seiten der großen Zahl der Berufstätigen. Da fühlt sich ein immer treu arbeitender Mensch doch getäuscht, betrogen, belastet. Und verständlicherweise stellt stellt sich die Frage nach einem Lastenausgleich.

Schlägt das Zünglein einer Waage zu sehr in die eine Richtung aus, so kann durch Zugabe von ein paar Gewichten leicht und schnell ein Ausgleich erzielt, die Gerechtigkeit wieder hergestellt werden. Einen Lastenausgleich kennt auch das Internet, wenn bestimmte Server zu stark frequentiert werden, erfolgt eine Verteilung auf andere Netzwerke. In Deutschland kennt man den Länderlastenausgleich, in dem oekonomisch kräftige, potente Bundesländer den schwächeren einen Ausgleich zahlen, um Solidarität zu praktizieren, Gerechtigkeit, Chancengleichheit in Ansätzen herzustellen.

Was hat das alles nun mit den Feiertagen zu tun, wird sich der eine oder andere Leser fragen. Und die Antwort ist eine ganz simple. Zumindest in Thailand. Fällt hier ein Feiertag (ob nun der 1. Mai, oder der Geburtstag des Koenigs oder der Koenigin etc.) auf einen Samstag oder Sonntag, wo wird der darauffolgende Werktag zum sogenannten „Substitutionday“ erklärt. Substitution heißt so viel wie Ausgleich, Ersatz. Dem Berufstätigen geht also kein Feiertag verloren und er ist somit unverändert motiviert, an diesen Tagen auch entsprechend zu feiern.

Koennte das nicht eine Idee für die nächsten Tarifverhandlungen in Deutschland sein. Die Forderung nach Lastenausgleichstagen? Okay, man macht sich bei den Unternehmen damit nicht gerade sonderlich beliebt. Was werden die Arbeitgeber lamentieren: Das sei nicht machbar, schwäche die Produktivität, schmälere den Vorteil auf dem Weltmarkt, gefährde heimische Arbeitsplätze, sei der Anfang vom Niedergang einer erfolgreichen Oekonomie á la „Made in Germany“. Nun, eines ist sicher, die Unternehmer haben immer Wege gefunden und würden auch jetzt fündig werden, diese neuen, zusätzlichen, freien Tage in ihren Kalkulationen, Planungen, Preisen, Profiten zu berücksichtigen. Der Berufstätige hat diese Moeglichkeiten der Kompensation nicht.

Und mal so ganz nebenbei gefragt: Die meisten Feiertage kennt man in Deutschland in Augsburg. Steht diese Stadt etwa vor dem Ruin? Augsburg gehoert zu Bayern und somit zu jenem Land, das gewaltige Summen in den Länderausgleich zahlen kann, weil es oekonomisch so erfolgreich ist. Während dem Norden der Buß-und Bettag (angeblich zur Finanzierung der Pflegeversicherung) genommen wurde, hat nie jemand an Tage wie Allerheiligen, an Fronleichnam, an Augsburg gerüttelt. Ist das etwa noch gerecht? Widerspruch? Einspruch? Fehlanzeige.

Der Leser hat es sicherlich gemerkt, Fronleichnam, Allerheiligen sind Feiertage in den südlichen Bundesländern, den zwar widerwilligen, doch starken Einzahlern beim Lastenausgleich. Es scheint also keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Feiertage und der oekonomischen Leistungsfähigkeit zu geben.

Was spricht dagegegen, in punkto Feiertage einen Ausgleich  der Lasten á la Thailand einzuführen? Die Unternehmer würden es verkraften und die Beschäftigten hätten einen Grund zum Feiern.

„Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sei (unser aller) künftig Zauberwort.“ Goethe war kein Kostverächter; er würde diese kleine textliche Variante sicherlich akzeptieren.

 

Januar 2017

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