Gertraud Widmann

Wenn`s schmeckt ...

 

***** Der Guglhupf *****
 

Lang, lang ist`s her – in der Nachkriegszeit eben – aber ich kann mich noch recht gut an diesen Sonntag erinnern. Denn zum einen hatte die Mutter einen „Guglhupf“ (Napfkuchen) gebacken, was sowieso eine Seltenheit war und zum anderen, weil ... aber alles der Reihe nach.

Jedenfalls, der Guglhupf stand köstlich duftend und bestäubt mit viel  Puderzucker auf dem Küchentisch. Während unsere Mutter für die Erwachsenen Kaffee  aufbrühte und nebenbei für meinen Bruder und mich Kakao kochte, durfte (?) ich den Tisch decken.
Dazwischen musste ich aber immer mal wieder aus dem Fenster schauen – mir könnte ja sonst irgendwas entgehen.
   Auf einmal sah ich ein feuerrotes Motorrad den Rosenheimer Berg herauf kommen.
   »Mutti, Mutti, wir kriegen Besuch«, rief ich ganz aufgeregt.
Doch dazu muss ich aber vorausschicken:
   Die beiden auf dem Motorrad waren (sehr) entfernte Verwandte aus dem Schwäbischen. Sie kamen mindestens einmal im Monat und generell an einem Sonntag zur Mittags- oder Kaffeezeit. Mein Vater lästerte schon:
   »Wie wenn sie`s riechen würden, dass es bei uns mal wieder was Besonderes gibt.«.
Ja und jedes Mal kam von denen der gleiche Spruch:
   »… weil wir hält g`rad in der Näh` g`wäse sänd!«

Nein, geizig war meine Mutter nicht, auch nicht in der „schlechten Zeit“, aber heute war das Maß anscheinend voll. Reflexartig warf sie ein Geschirrtuch über den Kuchen – gtad g`staubt hat`s – und schob ihn vorsichtig unter die Ottomane (ein sofaähnliches Teil). Nur gut, dass die so hoch war!
   Da läutete es auch schon ... Mutter öffnete die Tür und dann
„entfaltete“ sie auch schon ihr schauspielerisches Talent. Ganz erstaunt rief sie aus:
   »Ja das ist aber eine Überraschung, wollt`s `rein kommen?«
(blöde Frage), säuselte sie zuckersüß. Dann aber kam der Satz den ich nicht kapierte:
   »Aber anbieten kann ich Euch heute leider nix, ich hab gaaar nix im Haus!«
Wieso konnte sie denen nix anbieten? Sie hatte doch den Kuchen gebacken? Wieso steht der aber immer noch unter der Ottoman`? Sicher hat sie ihn vergessen!
Schon platzte ich vorlautes „G`scheidhaferl“ heraus:
   »Mutti, was is denn nacha mit dem Gugelhupf, der da unter der Ottoman` steht?«

Was gäbe ich dafür wenn ich heute wüsste, wie die Mutter aus dieses Schlamassel wieder herausgekommen ist ... Aber dass sie mir hinterher für mein vorlautes Mundwerk eine saftige Watschn gegeben hat, davon kann man mit Sicherheit ausgehen.

 

***** Rainer`s Gulasch *****
 

Unser Freund Rainer war ein guter Esser, ein sehr guer Esser,
der immer einen gesegneten Appetit hatte. Ja und weil wir das gewusst haben, luden wir ihn zu seinem Geburtstag in ein Lokal ein, das für seine riesigen Portionen bekannt war.
   Es dauerte zwar eine ganze Weile bis wir alle unser Essen hatten, aber es schmeckte ganz ausgezeichnet – auch Rainer.
  
Plötzlich warf er sein Besteck auf den Tisch und hielt eine große, braune Glasscherbe in die Höhe – es sah aus wie ein Stück einer Bierflasche!
   »Ja Himmel Herrgott nochmal, dieses Trumm war doch jetzt glatt in meinem Gulasch!«, rief er entsetzt.
Eine Bedienung kam angerannt:
   »Schrein`s halt net so laut, das kann doch mal passieren!«
Wie bitte? Glasscherben im Essen, das kann "passieren"? Ja geht`s noch?
   »Gebens das her, sie kriegen ein neues Gulasch!«, zischte sie.
Dann griff sie sich den Teller, drehte sich um und ging. Sie war noch keine zwei Schritte von unserem Tisch entfernt, als einer unserer Freunde diesen Spruch losließ:
   »Gel Rainer, das geht immer wieder - mit dem Glasscherben.
Hast den wieder einmal in deiner Hosentasche mit dabei g`habt?
Schau, gleich kriegst nochmal eine Portion Gulasch!«
   Alle lachten ... außer der Kellnerin! Sie machte auf dem Absatz kehrt, ihr Gesicht war feuerrot, ihre Augen funkelten – kurzum, sie war stocknarrisch (wütend). Aber bevor sie einem von uns an die Gurgel hätte springen können, entschuldigten wir uns für diesen saublöden Scherz. Das Stück Glas aber, das war tatsächlich in Rainer`s Gulasch gewesen!

Geglaubt hat sie uns das wahrscheinlich sowieso nicht, aber Rainer bekam ein neues Essen: Ein Schnitzel - Gulasch war aus!

 


***** Der überraschte Ober *****


Vor etlichen Jahren waren wir im Spätherbst in Oberammergau. Die meisten Lokale und Hotels hatten bereits dicht gemacht, aber eine gutbürgerliche Gaststätte haben wir schließlich doch noch gefunden. Der Gastraum sah sauber und gemütlich aus und war vollbesetzt. Nur der kleine Tisch am Fenster schien auf uns gewartet zu haben.

Der Kellner, ein mürrisch drein blickender Zeitgenosse, „übersah“ uns erst geflissentlich, ließ sich dann doch gnädigerweise herab und bediente uns. Mein Mannbestellte Schweinebraten (als Bayer was denn auch sonst) und ich einen Kalbsbraten.
   »Kalsbraten ist aus!«, schnarrte der Ober - und ging.
Ja was sollte das denn?. Ich griff mir erneut die Speiusekarte und entschied mich nach kurzer Überlegung für einen Rehbraten.
Der Kellner kam doch tatsächlich wieder und nahm die Bestellung auf. Während wir auf unser Essenb warteten, sah ich mich in dem Raum ein bisschen um und da entdeckte ich ausgerechnet direkt mir gegenüber ein kleines Bild mit einem Reh ...
"Aber jetzt is`s scho wia`s is" wie man in Bayern sagt und ich ließ mir meinen Rehbraten schgmecken - er war köstlich.

Als der Ober später abservierte, hatte ich erwartet, dass er „Hat`s g`schmeckt?“ oder so etwas in der Art sagen würde - aber nix war`s. Er stapelte die Teller aufeinander und war im Begriff zu gehen. Na gut, dann sag ich`s halt, dachte ich mir.
   »Sehr gut hat es geschmeckt, Herr Ober!«
Schlagartig unterbrach der seine Tätigkeit, schaute mich mit einem erstaunten, fast ungläubigen, Gesichtsausdruck an. Dann kam ein wie aus der Pistole geschossenes:
   »Ach wasss!?«

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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