Cathryn Holister

Demon's Diary 2 - Feierabend

Der verdiente Feierabend war längst eingeleitet. 
Am besten ging dies für gewöhnlich im ‚Kaffeekeller‘: ein Etablissement, dessen mehr als dürftige Beleuchtung, klappriges Mobiliar, zwielichtige Kundschaft und ständig missgelaunter Thekenservice die Hauptkomponenten für ein exklusives After-Work-Ambiente ausmachten. Ranzige Gemütlichkeit. Die freudige Erwartung, den Tag in einem wohlverdienten Koffeinrausch abklingen zu lassen, tat dabei ihr Übriges. Keine Ahnung, wie groß der Laden eigentlich war. War es doch stets zu dunkel, um die genauen Ausmaße des Raums zu erfassen, und führte uns doch unser Weg ohnehin jedes Mal direkt an die Bar. 
So auch dieses Mal.
Ich hatte meinen Arbeitsplatz in der Chefetage infolge diverser, mir weder erfüllend noch dringlich erscheinender Aufgaben genervt verlassen. Zudem war der Chef sowieso gerade unterwegs. Mia hingegen hatte einige anstrengende Stunden in den Seelengruben hinter sich und war außerdem erkältet. Nach dem dritten dubiosen Cola-Phenol-Mix, den uns Kaflachx, der Barkeeper, mit den Worten „Einmal den Tag wegbrennen - bittesehr!“ ausgehändigt hatte, stellte sich nun endlich Entspannung ein.
„Ihr seid ganz schön früh heute“, grummelte er in Vorbereitung von Drink Nummer vier. Ich schenkte ihm nur einen müden Beschissener-Verwaltungsjob-Blick. Mehr Rechtfertigung bedurfte der vorgezogene Feierabend nicht.
„Der eine Aufseher in Kreis acht meinte doch tatsächlich, ich sei ein Sicherheitsrisiko“, schniefte dagegen Mia.
„Wie? Das ist ihm jetzt erst aufgefallen?“
Mia zog Chaos und Verwüstung förmlich an. Eine gute Voraussetzung, um es in der Hölle in eine leitende Position zu bringen. Zum Beispiel zur Obersten Seelenzuteilerin.
„Wegen der Erkältung!“, konterte sie eingeschnappt. „Und der vielen brennbaren Substanzen in Kreis a...tschiii!“ Ein flammender Nieser, der den vorderen Teil der Theke in Brand setzte, ersparte ihr eine nähere Erläuterung des just erwähnten Zusammenhangs. 
Kaflachx gab ein genervtes Brummen von sich. Eine frisch gezapfte Cola musste als spontanes Löschmittel herhalten. 
„Ach verdammt!“ Mia schnäuzte sich ausgiebig und unterdrückte eine weitere Niesattacke. Das Gerotze beobachtend umklammerte ich bereits besorgt meinen noch halbvollen Cocktail.
„Du hast nicht zufällig ein Hausmittel dafür, Kaf?“
Natürlich hatte er das. Kaflachx kannte Hausmittel gegen alle Dämonenleiden, die man sich vorstellen konnte. Die meisten waren auf Koffeinbasis und unterschieden sich somit kaum von den übrigen Drinks, die im Kaffeekeller serviert wurden. Allein aus diesem Grund halfen Kaflachx‘ Elixiere fast immer. 
„Den nimmst du am besten dreimal täglich“, knurrte er nach erfolgter Ersteinnahme. „Die Wirkung lässt sonst recht fix wieder nach.“
„Aber gerne doch!“ Mia grinste erleichtert und gleichermaßen beschwingt. Die Medizin wirkte offenbar so gut, wie sie schmeckte. 
„Na dann, auf den Feierabend!“, prostete ich ihr zu.
Jener hätte so schön werden können.
Dann klingelte ihr Handy. Sie warf einen Blick auf das Display.
„Anmêlek? Was will der denn?“
Anmêlek arbeitete wie ich in der Verwaltung. Abteilung Diesseitskommunikation. Nichts, womit wir uns im Regelfall auseinandersetzen mussten. 
Mia beschloss entsprechend, des Kontaktversuch zu ignorieren und lieber für rauschfördernden Koffeinnachschub zu sorgen.
„Noch zwei doppelte Espresso für uns, Kaflachx!“ 
Ein bestätigendes Brummen und der weißhaarige, dreihörnige Dämon wandte sich der Espressomaschine zu. Das verzerrte Schrillen eines altersschwachen Telefons ließ ihn in seiner Routine jedoch regelrecht aufschrecken. Vermutlich war auch einfach seit Dekaden niemand mehr auf die Idee gekommen, im Kaffeekeller anzurufen. Mit verstörtem Blick kramte er das verklebte und angestaubte Gerät zwischen einer antiquarischen Strohhalmsammlung und leeren Colasirupkanistern hervor.
„Ja?“, raunte er in den Hörer, nur um Mia diesen kurz darauf mit einem verwirrten „Für dich...“ in die Hand zu drücken. Die Verwirrung sprang sogleich auf sie über.
Nach wiederholtem „Häh?!?“, „Was??“ und „Wieso?“ schloss Mia das Gespräch mit einem resignierten „Na schön, verdammt!“ ab. Sie stöhnte, stürzte den Espresso hinunter und erhob sich von ihrem Barhocker.
„Was ist?“, unterbrach ich ihren jähen Aufbruch. „Was wollte er denn?“
„Ich hab von irgendso‘nem Diesseitstrottel einen Beschwörungsruf bekommen.“
„Was? Sicher?“
Beschwörungsrufe an Dämonen waren nicht selten. Oft genug kamen schrullige Diesseitsbewohner mit Hang zu Allmachtsphantasien auf die Idee, einen von uns für ihre unbedeutenden Fragen oder Dienste einzuspannen. 
Aber mich irritierte etwas anderes. War es doch mehr als unwahrscheinlich, dass ausgerechnet eine von uns eine solche Anfrage erhielt. Denn der Protagonist des Beschwörungsrituals musste den Namen des Dämons aussprechen, den er zu belästigen gedachte. Und in dieser Hinsicht galten wir Zwei unter den Sterblichen als weitgehend unbekannt.
„Du hast doch nicht bei deinem letzten Diesseitstrip deinen Namen rumposaunt?“, hakte ich vorsichtig nach.
„Ach Quatsch! Für wie blöd hältst du mich?“
„So wie bei dem Spuk in dem Mädcheninternat neulich...“
„Bei dem Gekreische hat das doch kein Mensch verstanden.“
„Und dieser Exorzist letzte Woche?“
„Der dürfte wohl kaum in der Lage gewesen sein, das noch rum zu erzählen.“
Ein ungutes Gefühl kroch in mir hoch.
„Wer weiß, ob ich dann nicht auch...“
Weiter kam ich nicht. Der erneut losschrillende Apparat stand noch immer auf der Theke. Kaflachx ignorierte das Getöse diesmal in der vorausschauenenden Sicherheit nicht der avisierte Gesprächspartner zu sein. 
Mein ungutes Gefühl transformierte sich derweil zu einer handfesten Befürchtung. Ich griff nach dem schmierigen Hörer und hielt ihn tonlos an mein Ohr.
„Wusstä iech ja, dass iech euch beidä dort erreichä!“, tönte Anmêlek erfreut vom anderen Ende der Leitung.
„Du gibst offenbar nicht auf“, jammerte ich nur ob der Penetranz des kleinen Dreckskerls. „Und was ist es? Doch nicht etwa auch ein Beschwörungsruf?“
„Doch doch, habä gesehän, Bäschwörung iest von euch beidä.“
„Was? Wer ist denn so bescheuert, sich gleich zwei Dämonen ins Haus zu holen?“ 
Dies war in der Tat doppelt irritierend. Vor allem, wenn man die Risiken bedenkt.
 „Ja, iest abär. Mia, Cäy - so es hier stäht“, bestätigte Anmêlek nochmals mit Nachdruck. Ich seufzte.
„Na gut, na gut, ich geh ja schon.“
„Viel Spaß und bies morgän in Büro!“
„Du mich auch, Anmêlek.“
Ich legte auf und sah Mia gequält an. Beschwörungsrufe, so wusste ich von Kollegen, waren meistens vor allem eins: lästig. In den seltensten Fällen gelang es einem, noch eine Seele dabei abzugreifen. Dennoch war es unsere dämonische Pflicht, sie anzunehmen. Immer. Und direkt.
Neben der Theke hatte Mia bereits ein Dreieck auf den kaum sichtbaren Boden gezeichnet. Die Koordinaten hatte sie fein säuberlich an den Spitzen eingetragen. Anerkennend zog ich die Brauen hoch.
„Wahnsinn - dafür, dass du das noch nie gemacht hast!“
„Es gibt ne App hierfür, schau!“
Ich trat zu ihr in das Dreieck. 
„Ernsthaft?“
Stolz präsentierte sie mir den praktischen Hack auf ihrem Smartphone. Tatsächlich. Schritt für Schritt-Anleitung, inklusive Formelgenerator. Man musste diese nicht mal selbst aufsagen. Ein Klick und die passende magische Reiseformel schallte aus dem Gerät.
Ein kurzes Aufblitzen, ein bestätigendes Surren und einen Moment später standen wir auch schon...

In einer Rumpelkammer. Beziehungsweise hingen dort ziemlich verkeilt. (Ich schätze, den ungewöhnlichen Fall des Doppeltransports hatte die App noch nicht ganz ausgearbeitet.)
Ein näherer Blick auf den kleinen vermüllten Raum offenbarte mehrere Stapel Kartons mit unbestimmten Inhalt, ferner ausrangiertes Mobiliar, Regale mit angestaubten Dosen und Kanistern sowie rostiges Werkzeug. Es stank nach Benzin und Pinselreiniger. Einen Augenblick lang hegte ich schon die hehre Vermutung, vielleicht doch nicht im Diesseits, sondern einfach im Durchgang hinter der Bar im Kaffeekeller gelandet zu sein.
Aber nein. Statt einem missmutig-zuvorkommenden Kaflachx stand uns nun ein pickeliger Teenager im schwarzen Kapuzenpulli gegenüber. Und er sah nicht so aus, als wolle er uns eine Cola ausgeben.
Vielmehr schmetterte er uns angesichts der Wahrnehmung unserer jähen Präsenz ein entsetztes: „Scheiße, Mann - er hat zwei Köpfe!“ entgegen. 
„Wenn du schon Dämonen beschwörst, solltest du massiv an deiner Schockfestigkeit arbeiten“, bemerkte ich, während ich meinen rechten Flügel unter Mias Arm hervorzog. Diese sortierte derweil ihr linkes Bein wieder an seinen Platz und nutzte auch gleich die Gelegenheit, um ihr Dekolleté zu richten.
„Alter!“ Vielmehr kam als verbale Entgegnung vorerst nicht zurück. Auf nonverbaler Ebene folgte dafür ein ausgiebiges Bestarren unserer enttüddelten Körper. Weit aufgerissene Teenager-Augen musterten intensiv unsere Hörner und Flügelpaare, jedoch weitaus intensiver den restlichen, menschlich anmutenden Teil darunter.
„Hast Du’s bald?“, kam entnervt von Mia. „Zum doof angeglotzt werden, hätte ich nämlich genausogut in Kreis acht bleiben können.“
„Vor oder nach den Löscharbeiten?“
„Hmm, wenn ich so drüber nachdenke, gucken die eigentlich immer ziemlich blöd, wenn ich da mal aufkreuze.“
„Ich dachte, ich hätte nur einen, also...“, unterbrach unser halbwüchsiges Gegenüber weitere Abschweifungen in Mias Arbeitsalltag. „Seid ihr überhaupt Dämonen?“
„Ist das etwa deine bahnbrechende Anfrage?“, entgegnete ich gereizt und breitete dabei drohend die schwarzbefiederten Flügel aus. Als ehrfurchtgebietende Geste wirkte das meistens. Mia konsultierte derweil nochmals die App. 
 „Im Übrigen müssen wir hier gar nichts beantworten, solange er uns nicht offiziell begrüßt“, gab sie einen wesentlichen Punkt zum Beschwörungsablauf wieder.
„Ach ja, genau...“ Hastig kramte der Typ nun ebenfalls sein Smartphone hervor.
Nach einigem Umherklicken und Scrollen hatte er die richtige Stelle anscheinend gefunden. Er versuchte, eine Art Haltung anzunehmen und begann mit bedeutungsvollem Räuspern, das Gerät in der Hand:
„Gegrüßt seist du oh dunkler Herr, äh, Herrschaften... äh... Damen... 
Mein Dank, dass du...ähm, ihr erschienen... 
Nun hör‘ mein dringliches Begehr, 
Bei dem du mir mögest dienen... ich meine, ihr... ihr dienen.“
„Ihr dienen? Äh ja.“ Die holprige Performance löste nicht gerade Begeisterung bei mir aus.
„Na, immerhin gibt er sich Mühe“, bemerkte Mia fast schon beschwichtigend. „Auch mit den Kerzen und so.“
Das Arrangement sah in der Tat lehrbuchmäßig aus: die Zeichnungen auf dem maroden Fußboden, die Aufstellung der Kerzen, Schutzsymbole - nicht, dass ihm das helfen würde - aber es zeigte eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Mit seiner Ansprache schien er dagegen noch nicht fertig zu sein.
„Nimm, also nehmt hier mein Opfer als Lohn für euren Dienst!“ Er wies auf eine Anordnung, die er außerhalb seines Kreises arrangiert hatte: ein Pfefferminzbonbon, ein Zettel mit einem roten Fleck - vermutlich Blut - und ein toter Hamster.
„Igitt. Mia, müssen wir das jetzt wirklich einpacken?“
„Laut App ist das Zeug schon korrekt. Ja nun. Ich würde ja das Bonbon nehmen.“
„Na gut“, gab auch ich mich versöhnlich, „dann nehme ich halt den Zettel. War’s das jetzt mit den Formalitäten?“
Kontrollierende Blicke auf diverse Mobilgeräte. 
Mia nickte.
„Also, was willst du, Sterblicher?“, ergriff ich schließlich die Initiative, um seine Aufmerksamkeit wieder auf die aktuelle Beschwörungslage zu lenken.
„Ähm... hier.“ Er griff nach einem Umschlag neben sich auf dem Boden und streckte ihn uns zögerlich entgegen.
„Sollen wir jetzt deine Post austragen oder was?!“ 
„Nein, nein“, setzte er zu einer näheren Erläuterung an, „das ist die Liste.“
Die Liste?! Aha.“ Mia nahm ihm den knittrigen Brief ab und riss ihn unsanft auf.
„Ja, ihr seid doch Rachedämonen, oder?“
„Wir sind was?“ Daher wehte also der Wind. Ein Zettel mit einer Reihe von Namen, den Mia just aus dem Umschlag zog, bestätigte meine Vermutung. Ich warf einen Blick auf die Zusammenstellung. Keine Prominenz. Politiker, Künstler, Serienmörder, überhaupt für uns wertvolles Seelenmaterial: Fehlanzeige.
„Wer sind denn Kevin, Bob und Randall?“, griff ich wahllos ein paar der Namen auf.
„Aus der Parallelklasse. Sie zocken mich immer ab. Und sie haben mich einen Loser genannt.“
Ich schenkte ihm einen überdeutlichen Merkst-du-jetzt-selber-oder?-Blick. Aber aller Voraussicht nach merkte er nichts.
„Und Mr. Hurley?“
„Sozialkundelehrer. Nimmt mich ständig dran, obwohl er weiß, dass ich keine Ahnung von dem Kram habe.“
„Glaube ich gerne...“
„Ha ha, Tiffany Honeywell“, amüsierte sich Mia über den Namen einer weiteren Rachekandidatin. „Ist das ne Prinzessin?“
„So ähnlich... Sie hat mit mir Schluss gemacht.“ 
„Ach tatsächlich?“
„Na ja, eigentlich waren wir nicht so richtig zusammen. Aber jetzt redet sie nicht mal mehr mit mir... seit der Sache mit ihrem Hamster.“
„Ok, erspar uns das“, intervenierte ich, bevor er noch weiter in das Beziehungsdrama einstieg. „Und Lara-Marie? Wollte die auch nichts von dir?“
„Nein, das ist meine widerliche große Schwester“, kam es trotzig zurück. „Sie klaut andauernd Sachen von mir. Und ich bin mir sicher, dass sie heimlich meinen Rechner kontrolliert.“
Ich gab ob der banalen Schilderung einen angestrengten Seufzer von mir.
„Und was sollen wir deiner Meinung nach jetzt mit denen anstellen?“
„Na, äh... was Dämonen eben machen... Seelen matern und quälen, in den Wahnsinn und zum Selbstmord treiben und so...“
„Klingt ja nach deinem Job, Mia.“
„Vergiss es, Cay! Weißt du, wie viele das sind?“
Ich zählte nach. Etwa zwanzig. Für sein Alter hatte der Typ sich schon ein paar ordentliche Ressentiments zusammengesammelt.
„Und zum in den Wahnsinn treiben, wären ja auch noch ein paar Informationen aus der Verwaltung notwendig“, fügte sie schnippisch hinzu. Sie spielte auf unsere Akten an, die einen Überblick zur moralisch-psychologischen Konstellation sämtlicher Menschenseelen abgaben. Verwaltungskram halt. Und vor allem: Arbeit.
„Hör mal“, wandte ich mich wieder unserem sterblichen Gegenüber zu, „wir haben eigentlich Feierabend.“
„Ja, seit zwei Stunden“, zischte Mia. Da die Zeit im Diesseits deutlich schneller verstrich als in unseren heimischen Gefilden, durften es sogar schon einige Stunden mehr geworden sein.
„Ihr habt was?“
„Außerdem hab ich genug Seelen, die ich ewigen Qualen überstellen muss“, fügte sie ungehalten hinzu. „Da kann ich nicht mal eben für ein paar Tage blau machen, nur um deine komische Liste hier abzuarbeiten.“
„Und ich hab auch noch reichlich Akten auf dem Schreibtisch. Da sind deine persönlichen Widersacher für mich ziemlich zweitrangig.“
„Warum startest du nicht einfach ’nen kleinen Amoklauf, so wie frustrierte Teenager wie du das gewöhnlich machen?“, kam ein proaktiver Vorschlag von Mia. „Du besorgst dir ne Knarre, ziehst los...“
„Müsste ich mich dann nicht hinterher erschießen?“, unterbrach jener ihre weitere Ausführung des Szenarios.
Aus meiner Sicht sprach dieser Faktor allerdings eher dafür.
„Oder du wirst Finanzbeamter“, fiel mir noch eine subtilere Möglichkeit zur Umsetzung des Wahnsinn-und-Qualen-Aspekts ein. Doch er winkte ab.
„Nein, das dauert ja ewig - ich will meine Rache jetzt. Und ich will, dass die Wichser dabei drauf gehen!“
Ich sah den Kerl ob der drastischen Worte prüfend an. Er hatte nicht einmal größere Ambitionen. Keinen teuflischen Plan, keine Machtphantasien, bei denen es lästige Gegner aus dem Weg zu räumen gab. Er war einfach ein pubertierendes, jähzorniges Arschloch, dem nichts Besseres einfiel, als sein mangelndes Selbstbewusstsein damit zu kompensieren, ein paar Dämonen seine Drecksarbeit machen zu lassen.
‚Du wirst noch sehen, was Ewigkeit bedeutet‘, kam mir ein unvermittelter Gedanke.
„Wie wär’s mit ner Bombe?“, schlug ich unschuldig vor und seine Mine hellte sich auf.
„Ja! Ihr könntet die Schule sprengen!“
„Wir?“, echauffierte sich Mia, aber ich stieß sie von der Seite an.
„Ja klar, du müsstest uns nur dabei assistieren. Als Dämonen können wir schließlich nicht ohne Weiteres mit den Objekten des Diesseits interagieren.“
Mia hatte begriffen und grinste. Meine Angabe war natürlich eine dreiste Lüge. Wir konnten so viel interagieren, wie wir wollten. Wir hatten nur schlicht keinen Bock dazu. 
Unser menschliches Gegenüber fiel jedoch voll drauf rein.
„Was... was braucht ihr denn?“
„Och im Darknet findest du bestimmt ‘ne Anleitung“, sinnierte Mia. 
„Auf jeden Fall wäre Sprengstoff nicht schlecht.“
„Wir haben noch Feuerwerkskörper im Keller!“, kam sofort die ernsthafte Reaktion auf meine scherzhafte Anmerkung.
„Na dann mal los“, ermunterte ihn Mia. „Und wenn du schon mal da bist, bring auch ‘ne Cola mit!“
„Cola hab ich hier.“ Er zog einen Kasten zwischen einigen Kartons hervor. „Bin gleich zurück!“ Emsig löschte er die Kerzen und schob ein paar Kanister und Gartengeräte aus dem schmalen Durchgang zur Tür, bevor er sich auf den Weg nach draußen machte. 
Ein Windstoß zog hinein und verteilte einmal mehr den beißenden Benzingeruch in der Luft. Offenbar hatte unser rachelüsterner Freund sein kleines Beschwörungsritual im Geräteschuppen durchgeführt. Das erklärte auch das ganze Gerümpel. Was für eine Respektlosigkeit!
Mia beugte einer beleidigten Hassrede meinerseits vor, indem sie mir eine Cola reichte. 
„Ist jetzt nicht der Kaffeekeller, aber immerhin.“ 
Sie kramte in einem Möbelhaufen zwei wackelige Hocker hervor und baute sie neben einem Stapel Kisten auf. Zufrieden mit ihrem Werk bezog sie einen der alternativen Thekenplätze. Ich nickte ihr anerkennend zu und nahm einen Zug aus der Flasche. Diesseitige Cola schmeckte zwar nicht ganz so gut, aber zumindest erfüllte sie ihren berauschenden Zweck.
„Im Prinzip hätten wir natürlich auch abhauen können“, fiel mir nach einer halben Flasche ein. 
„Och, wo es gerade lustig wird. Außerdem war es doch deine Idee, Cay-hay-hay...chhh.“ Eine mittlere Hustenattacke schnitt ihr vorübergehend das Wort ab.
„Hast du dich verschluckt?“
„Chh...oh Mann, keine Ahnung. Bin irgendwie schon wieder so verschleimt.“ 
Kein Wunder. Nach jenseitiger Zeitrechnung lag die Einnahme von Kaflachx medizinischem Cocktail bereits über zwölf Stunden zurück. 
„Vielleicht sollten wir doch besser gehen“, überwog bei Mia letztlich die Vernunft.
Bevor wir nähere Schritte für unsere Abreise einleiten konnten, deutete jedoch eine knarrende Tür die Rückkehr unseres nervigen Beschwörers an. Zufrieden lächelnd trat er in den Raum, einen übergroßen Pappkarton in den Armen.
„Soo“, flötete er, „hier habe ich reichlich alte Feuerwerkskörper, etwas Schießpulver, Spraydosen, Knete und Zündschnur.“
„Hast ja ganz schön lange gebraucht“, entgegnete ich trocken. „Wie weit entfernt ist denn euer Keller?“
„Na im Haus natürlich.“ Er stellte den Karton ab und sah sich um. „Sagt mal, habt ihr die Cola getrunken?“
„Wieso, was dachtest du denn?“, räusperte sich Mia und nahm direkt einen Schluck zur Unterdrückung einer weiteren Hustenattacke.
„Und die Barhocker? Sagtest du nicht, ihr könntet mit den Objekten des Diesseits nicht ohne Weiteres interagieren?“
Ich rollte genervt mit den Augen. Nach der Schuppen-Erkenntnis hatte ich ohnehin die Schnauze voll von dem Kerl.
„Na und?“, gab ich patzig zurück. „Wir sind Dämonen - schon vergessen? Was glaubst du denn, zu was wir alles in der Lage sind?!“
„Scheiße, ihr wollt mich einfach die ganze Arbeit machen lassen! Hinterher hätte ich mich noch selbst in die Luft gejagt!“
„Das war der Plan“, seufzte ich und nippte ebenfalls an meiner Flasche. Mia schniefte vor sich hin.
„Wisst ihr was, ich glaube, ihr seid gar keine richtigen Dämonen!“, begann er wütend herumzuwirbeln. „Wahrscheinlich seid ihr irgendwelche beknackten Freundinnen von Lara! Genau!“
Amüsiert verfolgten wir sein Gezeter. Laut seiner Verschwörungstheorie hatte seine Schwester seinen Rechner gehackt und so von seinen Beschwörungsplänen erfahren. Wir waren als mutmaßliche Dämonen über eine Klappe in der Decke in den Schuppen geklettert. Flügel und Hörner waren natürlich nur angeklebt. Gut gemacht, zugegeben, aber bei dem Flittchenlook hätte er eigentlich gleich darauf kommen können.
„Überhaupt“, fuhr er keifend fort, „Dämonenweiber - was für ein Schwachsinn!“ Er trat zornig gegen die Kiste, die sich aufgrund ihrer Ausmaße nur wenig bewegte. Allein eine kleinere Staubwolke löste sich von dem darin wohl schon längere Zeit gelagerten Inhalt. Sie reichte allerdings, um Mias ohnehin strapazierten Schleimhäuten, den nötigen Impuls für einen episch-infernalen Nieser zu geben.
 Vor allem die Spraydosen in Verbindung mit den umherwabernden Benzin- und Lösungsmitteldämpfen trugen einen maßgeblichen Teil zu der nachfolgenden Explosion bei, der das Dach sowie Fenster und das meiste der Innenausstattung zum Opfer fielen. Die Feuerwerkskörper fügten dem Ganzen noch ein paar hübsche Glitzereffekte hinzu.
„Ich denke, damit hat sich unsere Verpflichtung hier erledigt“, rief ich Mia nach einer Weile zu und schmiss den Klumpen, der mal eine Colaflasche in meiner Hand gewesen war, beiseite. „Oder willst du noch Feuerwerk gucken?“
„Nee Cay, lass uns abhauen. Ich bräuchte mal wieder etwas Medizin.“
Von dem Beschwörungsdreieck am Boden war mittlerweile nicht mehr viel übrig. Ganz zu schweigen vom Boden.
Wir machten uns auf den Weg, um uns draußen ein Taxi zu bestellen. Fast waren wir schon durch die nicht länger vorhandene Tür geschritten, als hinter uns eine Stimme aus dem Do-it-yourself-Inferno ertönte.
„Scheiße, was ist das denn für ‘ne Beschwörung?!“
Sie gehörte einem wieselgesichtigen, vierflügeligen Dämon, den ich locker kannte. Abteilung fünf. Customer Relations oder so.
„Die Chefzuteilerin und die Assistentin vom Boss?!“, hatte er uns derweil ebenfalls identifiziert. „Was macht ihr Zwei denn hier?“
„Ja äh.. eigentlich sind wir ‘nem Beschwörungsruf gefolgt“, gab ich ihm die wahrheitsgemäße Erklärung für unsere unerwartete Präsenz.
„Was ihr beide?“
„Ja. Komisch, oder? Und du?“
„Na ja, ich auch.“
„Ach was?!“ Verwirrt blickte ich mich um. Doch der potenzielle Ansprechpartner für derlei Rückfragen stand nicht mehr zur Verfügung. Zumindest nicht mehr hier.
„Wahrscheinlich hat diese Diesseitshütte die Anwesenheit von drei Dämonen nicht verkraftet“, mutmaßte er im Hinblick auf unser flammendes Umfeld.
„Ja, wahrscheinlich“, bekräftigte ich der Einfachheit halber seine Fehleinschätzung und warf einen auffordernden Blick in Richtung Ausgang.
„Wir wollten gerade ein Taxi rufen“, meldete sich Mia hinter einem brennenden Brettergerüst zu Wort. „Willst du mit?“
„Ja, gerne. “

Draußen nieselte es leicht. Eine willkommene Abkühlung nach der Hitze im Schuppen. 
„Ist ja schon ziemlich bescheuert, gleich drei Dämonen zu beschwören“, merkte unser Kollege an, während wir auf das Taxi warteten. „Hab ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt.“
„Wer weiß, was dem Trottel so für Beschwörungsfehler unterlaufen sind“, gab Mia schniefend ihre Einschätzung ab. „Hat dich Anmêlek dafür eigentlich auch aus dem Feierabend geholt?“
„Anmêlek? Nein. Ich kriege meine Beschwörungsrufe immer direkt.“
„Ach?“
„Ja, per App. Wobei diesmal hat’s ein bisschen gedauert. Musste wohl erst ein Update laden. “
Unser Taxi fuhr vor. Mia kroch als erste auf die Rückbank. Der Nieselregen trug vermutlich nicht gerade zur Verbesserung ihres infektiösen Zustands bei.
„Nach dir äh,...“ Ich trat einen Schritt zurück, um den Dämon vorzulassen und nicht unmittelbar neben der schniefenden Mia zu sitzen. „Wie heißt du eigentlich?“
Ich schlüpfte hinter ihm auf den Sitz und zog die Tür zu. 
„Ach so, Mhyacaî und ihr?“
Den entsetzten Blick konnte ich mir nicht ganz verkneifen. Mia gab ein genervtes Brummen von sich, das wie „Anmêlek, der verfluchte Idiot!“ klang. 
Für die nächsten drei Tage meldete sie sich krank.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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