Anja Pompowski

Charly und Noname

Er hat ihn ihr zum Geburtstag geschenkt. Zum Fünfzigsten. Charly hat sie ihn genannt.

 

Eigentlich wollte sie immer Kinder haben, aber die Karriere hatte Vorrang und irgendwann war es dann zu spät. Darüber ist sie sehr traurig und deshalb dachte er sich, so ein kleiner Hund wäre bestimmt das Richtige für sie.

 

Das Kerlchen hat einen exzellenten Stammbaum, die Eltern des Welpen haben diverse Preise bei Hundeausstellungen gewonnen. Deshalb war er auch nicht billig, der kleine Jack-Russel-Terrier. Laut tierärztlichem Befund ist er kerngesund; er wurde bereits gechipt, entwurmt und gegen alle erdenklichen Krankheiten geimpft. Ein „ganzer Kerl“.

 

Charly war erst 16 Wochen alt und sah zuckersüß aus mit seinem hellblauen Halstuch mit der Aufschrift „It´s a boy“.

 

Sie hat geweint vor Glück, hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Vom ersten Moment an liebte sie diesen kleinen Hund über alles. Es soll ihm an nichts fehlen.

 

Der Terrier besitzt zwei Körbchen, eines im Wohn- und eines im Schlafzimmer, am liebsten schläft er aber in Frauchens Bett.

 

Als er noch klein war hat sie mit ihm einen Welpenkurs besucht, das war wichtig für sein Sozialverhalten. Anschließend ging sie mit ihm zur Hundeschule; er hat dort viel gelernt, hört auf alle Kommandos. Sie ist mächtig stolz auf ihn. Einmal in der Woche steht Agility im Hundesportverein auf dem Programm. Charly liebt auch Schnüffelspiele über alles. Jeden Abend nimmt Frauchen ihn zum Joggen mit. Früher ist sie selten gelaufen, aber der Terrier ist überaus bewegungsfreudig und braucht viel Auslauf. Natürlich bekommt er auch das beste Futter, wie schon die ansprechende Werbung dafür verspricht. Portionsfertig in goldfarbene Schälchen verpackt.

 

Ein völlig anderes Leben führt hingegen ein Jungbulle ohne Namen – nennen wir ihn der Einfachheit halber Noname -.

 

Noname wurde geboren in einem milchverarbeitenden Betrieb. Ein Kalb von vielen. Genauer gesagt, ein Kalb von 4 Millionen Milchkälbern, die jährlich in Deutschland geboren werden, und zwar allein deshalb, weil der Milchfluss einer Kuh nur dann gewährleistet ist, wenn diese jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringt.

 

Direkt nach seiner Geburt wird Noname von seiner Mutter getrennt. Logisch, denn die wertvolle Kuhmilch wäre ja viel zu schade für ihn gewesen, zumal er ja nur ein Bulle ist und damit praktisch wertlos. Im Alter von 3 Wochen wird Noname an einen holländischen Mastbetrieb verkauft und dort zunächst mit Antibiotika vollgepumpt, um Atemwegs- und Durchfallerkrankungen vorzubeugen.

 

Während Charly mit seinem Frauchen ausgelassen durch die Felder läuft, bleibt es Noname verwehrt, seinen Spiel- und Bewegungstrieb auch nur halbwegs auszuleben. Denn Noname wird mit mehreren Leidensgenossen auf Vollspaltenböden aus Beton gehalten. Dieser Untergrund wird während der gesamten Mastdauer nicht ein einziges Mal gereinigt und ist durch die Exkremente der Tiere naturgemäß extrem rutschig. In kurzer Zeit hat Noname gelernt, sich nur noch ganz vorsichtig zu bewegen.

 

Tagein, tagaus döst Noname auf engsten Raum vor sich hin, unfähig, sich auch nur einmal hinzulegen. Von einer bequemen Liegefläche kann er nur träumen.

 

Nie bekommt Noname die Sonne zu sehen.

 

Ganz im Gegensatz zu Charly hat Noname, und dies ist wohl das einzig Positive in seinem Leben, nur eine sehr geringe Lebenserwartung. Nach nicht einmal 6-monatiger Mastzeit tritt er seine zweite und letzte Reise an, nämlich zum Schlachthof. Die Reise dauert lange, es ist sehr heiß, Wasser gibt es während der gesamten Fahrt nicht. Kein Wunder, dass ein Jungbulle auf diesem Transport qualvoll verendet.

 

Auf dem Schlachthof angekommen wird Noname durch einen Bolzenschuss in den Kopf betäubt. Die Einzelheiten des Schlachtvorganges soll den Lesern hier erspart bleiben.

 

Sein Fleisch wird zu Hundefutter verarbeitet, portionsweise verpackt in dekorative goldfarbene Schälchen.

 

Die Sorte Rind mit Leber mag Charly besonders gern.

 

 

 

 

 

 

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