Cathryn Holister

Demon's Diary 3 - Verhandlungssache

Wenn es etwas gab, das mich an den Ursprungsgedanken der Hölle als Ort der Hoffnungslosigkeit und endlosen Qual erinnerte, dann waren es Meetings.
Thema seit nunmehr zwei Stunden und einer gefühlten Ewigkeit war die Seelenverteilung im digitalen Zeitalter: Computerhacker - seelisches Himmels- oder Höllenmaterial? Fakenews auf Facebook posten - Sünde oder nicht? Blablabla... 
Abgeschaltet hatte ich schon nach den ersten dreißig Minuten. In diesen hatten wir die Bewilligung neuer Grubenfahrzeuge diskutiert, was nach langem Hin und Her von Ghabwiél abgelehnt worden war. 
Entgegen aller schlagenden Argumente hatte der himmlische Verwaltungschef den Bedarf dafür nicht eingesehen. Es war schlimm genug, dass größere Anschaffungen kostentechnisch über die lästigen Himmelsbürokraten abgewickelt werden mussten. Doch noch mehr als jenes pseudoeffizienzorientierte Getue hatte mich die Nachlässigkeit unseres CEOs genervt. 
Eigentlich war jener nie um irgendwelche Tricks verlegen, unsere höllischen Interessen aller Restriktionen zum Trotz durchzusetzen. Nur an diesem Tag schien er schlecht drauf zu sein. 
Ich schaute abwechselnd zu ihm und den beiden Engeln hinüber. Die Zähigkeit des bisherigen Verhandlungsverlaufs stand allen ins Gesicht geschrieben. Mein Chef hatte die Finger vor sich zu einem spitzen Dreieck der Anspannung zusammengepresst. Ich wusste, dass er Ghabwiéls Gedanken las, aber bei dieser Art Verhandlungen brachte ihm die Gabe wenige Vorteile.
Engel logen nicht. Sie hatten keine geheimen verschlagenen Pläne. Sie waren todlangweilig.
Überhaupt wirkte Ghabwiél für den obersten aller Engel nicht sehr eindrucksvoll: Starre ätherische Gesichtszüge, überkorrekte Allerweltsfrisur, zurückhaltender weißer Anzug, dessen eingewebte Goldfäden im Kragen als Einziges seinen Sonderstatus kennzeichneten. 
Sûnahyl links von mir, sein Adjutant oder so, sah fast genauso aus. Nur ohne die Goldfäden im Anzug, etwas kleiner und weniger ätherisch. Emsig überspielte er sein eigenes Unverständnis für die laufenden Besprechungen mit der Protokollierung unsinniger Gesprächsdetails.
Verfasser von Spam-Mails nach den letzten Verhandlungen eindeutig Hölle... Callcentermitarbeiter aber nicht... Was ist mit Erfindern irreführender Gewinnspielwerbung?...‘ Derartiges konnte ich seinem bisherigen Notizenwust entnehmen. Wahrscheinlich konnte er es gar nicht abwarten, das Ganze zurück in heimischen Gefilden fein säuberlich auf Verwaltungslatein abzutippen und in irgendeinem Hefter der Dokumentationsabteilung abzulegen.
Wie würde er wohl reagieren, wenn er erführe, dass die beiden Dämonen zu seinen Seiten die Stelle, auf der sein akribisch geführter Notizblock lag, den Abend zuvor noch als Unterbau für ziemlich hemmungslosen Sex verwendet hatten? Mal ganz abgesehen von dem Ledersessel, in dem Ghabwiél seit ihrer Ankunft bei uns seine steife Bürokratenpose zelebrierte... 
„Ahem, Cay?!“, unternahm der Hauptprotagonist meiner abschweifenden Gedanken jäh den Versuch, mich wieder auf den Boden der eintönigen Tatsachen zurückzuholen. 
„Ja, Chef?“ Ich sah ihn an. Unweigerlich kamen mir weitere Details der gestrigen Tischszene in den Sinn.
„Was denkst du...“ Erneutes Räuspern. Als wüsste er das nicht! „Ich meine, was hältst du von dem Vorschlag?“
Vorschlag? Mir war da wohl etwas entgangen.
„Äh ja, warum nicht“, überspielte ich meine situative Ahnungslosigkeit mit der erstbesten Phrase, die mir einfiel. Zwei überrascht dreinblickende Engel gaben daraufhin ein anerkennendes „Oh!“ von sich.
Die positive Reaktion sagte mir, dass ich gerade irgendwas versaut hatte.
„Ihre Assistentin ist offenbar überzeugter von der Ausgleichsmaßnahme als Ihr, Höllenfürst“, schwurbelte Ghabwiél und Sûnahyl protokollierte enthusiastisch. Mein Chef zog seine schwarzen Brauen hoch.
„Ist sie das?“ 
Anstatt die Gelegenheit zum sofortigen Widerruf zu nutzen, versuchte ich, mich mit Hilfe von Sûnahyls Notizen auf den aktuellen Gesprächsstand zu bringen.
Letzte Verhandlungsergebnisse fix... Blabla - Genehmigung durch... unverständliches Gekritzel - dafür Ausgleichsmaßnahmen laut Paragraf egal... las ich aus den Augenwinkeln. Bevor ich dazu kam, irgendetwas richtigzustellen, hellte sein Blick sich unvermittelt auf und er schenkte mir ein verheißungsvolles dämonisches Lächeln.
„Nun, wenn ich darüber nachdenke - vielleicht hat sie recht.“
Ersatzfläche zur Seelenunterbringung... himmlische Baumaßnahmen... bla, nicht wichtig - Platzfrage... abgegrenzter Bereich der unteren Kreise... Der unteren Kreise?! Bitte was? Ersatzfläche für die Himmelstrottel?! Doch nicht bei uns?!
„Aber ich denke, Sie sollten sich vorher selbst ein Bild von der Lage machen“, fuhr mein Chef unterdessen fort, „Speziell was die Eignung dieser potenziellen Ersatzfläche betrifft. Ich bin da ja etwas skeptisch.“
„Oh, ich kenne die unteren Kreise“, belehrte ihn Ghabwiél. „Besonders Kreis acht dürfte hier Möglichkeiten bieten.“
„Sie spielen auf die Gruben an. Nun, deren Zustand dürfte sich stark gewandelt haben, seit Sie diese zuletzt... besichtigt haben.“
„Mag sein. Meinetwegen. Sûnahyl, würden Sie eine Prüfung zum Zustand der avisierten Ersatzflächen in Kreis acht durchführen?!“
Die Anweisung schien den autoritätsgläubigen Engel aus dem Konzept zu bringen. Seine Schreibhand verkrampfte sich kurz und hinterließ einen unschönen Ausfallstrich im Protokoll.
„Äh, Sie meinen... vor Ort?!“, stammelte er.
„Natürlich vor Ort! Dort fixieren Sie alle Details und Anregungen für nötige Baumaßnahmen! Am besten jetzt gleich.“ Ghabwiéls Blick verriet, dass es hierzu nichts weiter zu argumentieren gab. Sûnahyl wirkte dafür plötzlich sehr blass. Zögernd erhob er sich von seinem Sessel.
„Wie komme ich denn... also, ich kenne mich hier ja nicht aus.“
„Oh, Cay wird Sie selbstverständlich begleiten“, polterte mein Chef in einen Anflug von Schadenfreude meinerseits. 
Na toll! Den Guide für einen verängstigten Engel zu mimen, hatte mir gerade noch gefehlt. Andererseits war es eine nette Abwechslung zu dem elendigen Meeting. Und letztlich gab es auch in diesem Punkt nichts zu diskutieren. 
Kommentarlos stand ich ebenfalls von meinem Sitz auf und warf ihm lediglich einen eindringlichen Blick zu, der folgende Kerngedanken einschloss:
a) War es wirklich nötig, mir für den kleinen Aufmerksamkeitspatzer gleich einen reinzuwürgen? 
b) Hast du dir das mit diesen bescheuerten Ersatzflächen auch gut überlegt?
c) Lass dich von dem blasierten Engel nicht (noch mehr) über den Tisch ziehen!
d) Bleibt es bei heute Abend?
e) Ich hasse Meetings!
Ich erhielt ein weiteres Lächeln zurück und interpretierte es als übergreifendes ‚Ja!‘, bevor ich mit Sûnahyl aus dem Raum verschwand.

Durch ein Portal in der höllischen Hauptverwaltung gelangten wir an den Rand des Kraters zu den untersten Höllenkreisen. Direkt daneben befand sich die Zuteilungsstelle, an der die Seelen ihrem ewigen Schicksal in Schmerz und Qualen entgegenblickten. 
Gerade war jedoch Mittagspause. 
Die Transportteufel, die ansonsten geschäftig die Seelenverteilung ausführten, saßen mit Schokoriegeln und Erfrischungsgetränk auf der Ebene vor der Zuteilungsgrube oder waren in die Stadt entfleucht.
Ein zitternder Sûnahyl folgte mir bedächtigen Schrittes in Richtung Grube.
„M-müssen wir nicht dort zum Krater?“
„Vorher brauchen wir noch einen Ausweis“, entgegnete ich mürrisch. „Vor allem du. Damit sie dich unten nicht versehentlich einkerkern oder sowas.“
„Oh.“ Er schluckte. „Ich hoffe nur, das dauert nicht zu lange.“
„Ach quatsch, der Boss hier hat immer ein paar Blankoausweise dabei. Sind ja schließlich nicht im Himmel, wo alles erst tausend Jahre beantragt werden muss.“
„Sie m-meinen, den Obersten Seelenzuteiler?! Sind Sie sicher, d-dass der m-mir sowas aushändigt?“
„Na klar, wieso nicht?“
„Man erzählt, es ist einer der fürchterlichsten, boshaftesten Dämonen überhaupt. Wie hieß er doch gleich? Min-Mi-Mi...“
„Nun lass mal das Mimimi und halt lieber mit Ausschau! Ach, da unten ist sie ja!“ Ich gab einen lauten Pfiff von mir, um die Aufmerksamkeit der rotflügeligen Dämonin im modischen Leder-Outfit auf uns zu lenken.
„Hey Mia“, winkte ich ihr zu.
„Hallo Cay!“ Sie flog direkt zu uns hinauf, nur um mir und meinem himmlischen Anhängsel sogleich einen konsternierten Blick entgegenzubringen. „Äh, und wer ist das?“
„S-sûnahyl“, erwiderte selbiger nicht weniger irritiert. „S-sie s-sind also...?!“
„Cay, was ist das hier? Irgendso’n Mitarbeiter-Austausch-Programm? Sag mir bitte nicht, die Zitterpappel da will hier’n Praktikum machen oder so.“
„Nein Mia, das nicht.“ Meine Miene verriet wohl einiges.
„Schlimmer?“
„Es g-geht um die I-Inspektion der E-Ersatzflächen als Ausgleichsmaßnahme für den fälschlich genehmigten Seelenzuschlag vom dreizehnten...“, wagte der Engel eine vorsichtige Erläuterung, wurde jedoch von einem harschem: „Häh? Versteh kein Wort von dem Bürokratenzeug“ von Mia unterbrochen.
„Der Chef hat bei den letzten Verhandlungen getrickst, die in der himmlischen Verwaltung haben es gemerkt und wollen jetzt im Gegenzug irgendwelche Gruben von uns besetzen“, ergänzte ich mein Verständnis der Situation. Dies lockte auch Sûnahyl wieder aus der Reserve.
„Nur für ein paar Äonen. Solange wir bei uns einige Umbaumaßnahmen durchführen.“
„Wird die Blumenwiese neu bepflanzt oder was? Und dafür wollt ihr eine von unseren Gruben kapern? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Höllenleitung so einer Scheißidee zustimmt!“
Ich drängte mich ein Stück zwischen Mia und den Engel, bevor sie ihn in ihrem sich anbahnenden Wutanfall rücklings in den Krater schmiss.
„Das hier ist die Hölle, verdammt!“, fluchte sie. Ich musste ihr leider die unangenehme Wahrheit mitteilen.
„Der Chef hat die Angelegenheit schon abgenickt.“
„Was? Wohl nicht richtig ausgeschlafen der Gute!“ Ein vorwurfsvoller Blick ging in meine Richtung. „Wurden wenigstens die neuen Fahrzeuge genehmigt?“
Verhaltenes Kopfschütteln von Sûnahyl und mir. Der Engel sah aus, als würde er im nächsten Moment ohnmächtig werden.
„Was tut ihr eigentlich den ganzen Tag bei diesen beschissenen Verhandlungen? Da können wir dem Himmel ja gleich den kompletten Betrieb hier übergeben...“
„Reg dich ab, Mia“, versuchte ich mein Glück in Sachen Beschwichtigung. „Es ist nicht zu ändern. Außer Sûnahyl hier befindet die Situation vor Ort als ungeeignet. Nicht wahr, Sûnahyl?“
„Äh ich, äh ich, ähhh...“
Mia rollte mit den Augen. Aus einem Täschchen an ihrem Gürtel holte sie eine Metallflasche hervor, nahm einen Schluck und wirkte sogleich deutlich ruhiger.
„Na schön. Dann schauen wir uns die ‚Situation vor Ort‘ mal an. Hier...“ Sie streckte dem Engel die Flasche entgegen. „Bevor du uns abklappst.“
„Ich... ich schaff das schon“, riss dieser sich endlich zusammen und rückte seinen Notizblock unter seinem Arm zurecht. Mit den Worten: „Wenn du meinst“ genehmigte sie sich dafür noch einen weiteren Zug und schritt an uns vorbei in Richtung Parkplätze.
„Äh... fliegen wir nicht in den Krater?“, kam der vorsichtige Einwand von Sûnahyl.
„Wir haben da dieses Abgasproblem - die Sicht ist einfach zu schlecht. Und ich möchte ja nicht, dass du uns abstürzt.“
Bestätigendes Schlucken. 
„Deshalb nehmen wir einen der Transporter“, fuhr Mia beschwingt fort, während sie auf eine Reihe parkender Wagen zusteuerte. „Der hier sieht doch ganz ok aus.“
Relativ betrachtet stimmte ihre Einschätzung. Ausgehend von der Menge an Dellen, antiproportional zu der Anzahl funktionstüchtig wirkender Einzelteile, zählte der Transporter tatsächlich zu den besser aussehenden. Absolut betrachtet war er eine Schrottkiste.
Wir stiegen ein und verteilten uns auf den Sitzen. Mia rückte zum Lenkrad durch, da die Fahrertür klemmte. Ich platzierte mich daneben. Sûnahyl nahm auf dem zerschlissenen Rücksitz hinter uns Platz.
„Schnallt euch besser an!“ 
Mia war sonst alles andere als eine Sicherheitsfanatikerin. Wenn man die Straßen in den Krater kannte, war der Hinweis jedoch eine wichtige Voraussetzung, um im Anschluss an die Fahrt noch sämtliche Gliedmaßen an den richtigen Stellen zu haben.
Wir starteten nach diversen Anlassversuchen und einem bedenklichen Gerössel aus der Motorgegend in Richtung des Hauptabstiegs.
„Ich glau-be, ich weiß jetzt, wa-rum Sie neu-e Trans-port-fahr-zeu-ge be-antragt ha-ben“, kam kleinlaut von dem Engel hinter uns, der noch immer mit seinem Sicherheitsgurt beschäftigt war.
Die ersten hundert Meter auf der maroden und ungesicherten Straße, die spiralförmig entlang der Kraterwand zu den unteren Kreisen führte, glichen einem Ritt auf einer kaputten Waschmaschine. Wirklich unangenehm wurde das Ruckeln aber erst auf Höhe der Abfahrt nach Kreis sieben.
„Mei-hein Gu-hurt ra-hastet nicht ein!“, schallte es panisch von hinten. Darauf folgten ein kurzes Röcheln und ein dumpfer Schlag an die Decke. Dann an die Seite. Und ans Heck. 
Ausgerechnet, als sich die Straße unnötigerweise noch verengte, schleuderte es den Engel gegen die Frontscheibe und Mia ins Lenkrad. Sofort riss sie es zurück in die Ausgangsposition und trat auf die Bremse, nur um festzustellen, dass diese im Laufe der Fahrt stark nachgelassen hatte.
„Schätze, dann nehmen wir wohl die Abkürzung“, seufzte sie, als auch die beiden Hinterräder die offizielle Fahrbahn verließen. 
Der Transporter prallte an einigen Felsvorsprüngen ab, bevor er seitwärts am Kraterrand hinunterschlitterte. Zumindest hatte das Gewackel aufgehört.
„Na toll“, übertönte ich die Geräusche von kratzendem Fels auf Karosserie, „müssen wir jetzt von Kreis neun wieder hochfliegen?“
„Nee, wir haben seit neustem diese Abfangvorrichtungen.“
„Muss sich ja lohnen, was?“
Mia brauchte nicht antworten und tat es auch nicht. Sie griff nach Sûnahyl, der gerade bewusstlos war und in den Laderaum abzugleiten drohte.
Ein unsanfter Rückstoß deutete an, dass wir Kreis acht endlich erreicht hatten. Der Wagen landete auf der ohnehin schon defekten Fahrertür und wir kletterten über die andere Seite nach draußen. Ich zog den Engel am Kragen hinter mir her und platzierte ihn an einem Felsvorsprung. 
Der Gute sah wirklich etwas wüst aus: Mehrere Beulen an seinem Kopf schwollen nur langsam ab, der makellose weiße Anzug sah mittlerweile eher nach Lumpensammlung aus und seine Flügel hatten einiges an Federn gelassen.
„Hey Sûnahyl!“, unternahm ich einen Reaktivierungsversuch. „Du hast es überstanden! Kannst jetzt mit deiner Inspektion starten.“
Ein paar Wangenklatscher und er blinzelte mich aus blassblauen Engelsaugen an, schloss sie jedoch gleich wieder.
„Wsss...ihr seid ja vllg irre“, drang eine brüchige Stimme zu mir vor. „Dsss...ist Misshndlung ...nes himmlischn Gsandten!“
„Ach komm schon, Sûnahyl - was können wir denn dafür, wenn du dich nicht vernünftig anschnallen kannst?“
„Dss...ist ja whl...“
„Hier, ich hab dir auch deinen Block mitgebracht.“ 
In der Tat hatte ich die Überreste des Schreibblocks, der in meinem Fußraum gelandet war, irgendwann eingesammelt. So behutsam es ging, klemmte ich das Papierknäuel unter seine Armbeuge. 
„Gnnnhh.“
„Mia, wir brauchen mal etwas Medizin hier!“, bemerkte ich ob unseres lädierten und vor sich hin wimmernden himmlischen Gasts. 
Sie telefonierte gerade. Wortlos reichte sie mir ihre Metallflasche und ich hielt sie Sûnahyl an die Lippen.
„Hier, danach geht’s dir besser.“
Er nahm einen tiefen Zug und begann zu husten.
„Große Güte, was ist das?“
„Hochprozentiger Espresso, wenn ich mich nicht irre. Das sollte zumindest deine Nerven beruhigen, bis du dich wieder regeneriert hast.“
Starre Engelsaugen musterten mich und die Flasche. Dann ein weiterer Schluck, erneutes Röcheln und Sûnahyl richtete sich langsam auf.
„So, wir können los“, hatte auch Mia ihr Gespräch beendet. „Um den Wagen kümmern sich zwei meiner Leute.“

Wir zogen los. Mia voran und ich mit dem wankenden Sûnahyl hinterher. Mit der linken Hand hielt er nach wie vor die Flasche umklammert. Die Rechte krampfte sich derweil um den Notizblock.
Wir passierten unter anderem die Giftgasgräben in Grube neun, die Flammengrube, die Feinstaubgrube sowie das Abwassersystem. Der Engel musterte die jeweiligen Szenarien, verzog meistens angewidert oder entsetzt das Gesicht und trabte schnellen Schrittes weiter. Trotz des beißenden Gestanks, der versmogten Luft und der glühenden Hitze hielt er sich wacker. Tapfer unterdrückte er Brechreiz und Hustenanfälle wie vermutlich auch die ein oder andere kritische Bemerkung zur modernen Umsetzung der klassischen Höllenstrafen.
„Sind alle Gruben so... äh, extrem?“, konnte er sich schließlich doch nicht verkneifen.
„Extreme Sünden, extreme Strafen“, war Mias kurz angebundene Antwort.
„Nach euren ganzen tollen Verhandlungen bekommen wir ja nur noch die Härtefälle“, fügte ich hinzu, „ansonsten hätten wir das Seelenkapital für größere Neuanschaffungen sicherlich auch selbst.“
„Aber demnach müssten dann ja einige Gruben etwas, naja, dünner besiedelt sein“, überspielte Sûnahyl meinen impliziten Vorwurf. Das Pflichtbewusstsein des Engels war mir unbegreiflich. Selbst nach einem Höllentrip wie diesem hielt er an der bescheuerten Idee mit den Ersatzflächen fest.
„Höchstens Grube eins“, merkte Mia an, „das sind die Verführer. Da haben wir eigentlich nur noch Restbestände von früher. Die könnte man auch zu den Betrügern in Grube drei packen.“
„Dann könnten wir uns die ja mal...“ Ein erneuter Hustenanfall schnitt ihm das Wort ab. Wir waren im innersten Kreis fast einmal rum und hier zog die Mischung aus Abgaswolke und Giftgas besonders stark herüber. Ein Schluck aus der Flasche half und der Engel taumelte weiter neben mir her.
„So, da wären wir. Ist ja echt nicht viel los hier vorne.“ Mia sah sich in der Grube um. Diese wirkte geräumig, wenn auch nach hinten recht verwinkelt. Ein stetiges Surren lag in der Luft. Gepaart mit dem Knistern kleiner, züngelnder Blitze, die hier und da an Boden und Wänden auftauchten.
„Hast du auch deine guten Gummisandalen an, Sûnny?“ 
Der Engel blieb ihr die Antwort schuldig. Stattdessen zuckte  er schlagartig zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus.
„Argh! S-sind d-das etwa offene Stromkabel?“
„Aber sicher doch“, bestätigte Mia. „Für die Verführer und so.“
„S-sollten die nicht einfach ausgepeitscht werden?“
„Peitschen - Stromkabel - passt doch genausogut! Und was glaubst du, wie viel Personal man bräuchte, um hier jedem eine Einzelbehandlung zu geben?!“
„Hwssss!“
„Ach, einfach ein paar himmlische Lüsterklemmen drüber, dann geht das schon, oder Mia?!“
„Naja, eventuell auch noch ein paar Meter Isolierband.“
„Dann verlegt ihr hier ein bisschen Rollrasen, Wolkentapeten, Duftkerzen...“
„Gut beheizt ist es ja.“
„...sanfte Musik, Kabelanschluss...“
Sûnahyl wirkte unserer Kooperationsbereitschaft zum Trotz unaufmerksam. Vielleicht lag es an dem steigenden Koffeinpegel. Oder den giftigen Gasen. Oder den permanenten Begegnungen seiner unbeschuhten Engelsfüße mit den offenen Kabelenden. Genau ließ es sich nicht sagen.
Nach einem weiteren Zusammentreffen mit der höllischen Stromversorgung machte er einen Satz und hüpfte dabei fast in meine Arme.
„Wirst du jetzt anhänglich?“, bemerkte ich spöttisch, was aber nur einen erneuten Annäherungsversuch nach sich zog.
„Oh, bitte... diese verf... diese unseligen Kabel. Könnten Sie mich nicht, ich meine...“
„Tragen?“, vervollständigte ich.
„Womöglich noch auf Händen?“ Mia sah ihn anklagend an.
„Ist ja gut, ich hab es verstanden!“, stöhnte er auf. „Es ist eine schwachsinnige Idee. Ich werde es vermerken! Aber bitte ersparen Sie mir weitere Qualen, bitte!“
„Na schön.“ Ich grinste zufrieden und drehte ihm meinen Rücken zu. „Spring auf!“
Er überlegte nicht zweimal und wickelte sich von hinten um meinen Hals. Nun blieb nur noch zu wünschen, dass nicht irgendwelche Kollegen von uns vorbeikamen, die unser bizarres Gespann begutachteten. Die spöttischen Bemerkungen hätte ich mir sonst noch die nächsten Dekaden anhören können.
Entsprechend war am Ende von Grube eins Schluss mit der Huckepackaktion. Der Engel glitt von meinem Rücken. Seine Augen waren erfüllt von einer Mischung aus Benommenheit und Dankbarkeit. Vermutlich hätte er mich am liebsten umarmt.
„Meinen ergebensten...“
„Schon gut“, wehrte ich den Vorstoß ab, „Hauptsache, du bist wieder halbwegs fit für die Rückfahrt.“
Nur einige Meter weiter erreichten wir unseren Startpunkt beim Wagen. Er stand inzwischen aufrecht. Die größten Macken im Blech waren einigermaßen ausgedellt. Sogar einen Satz neuer Reifen hatte Mias Handwerkercrew aufgezogen.
„Es wäre gut, wenn sie diesmal auch nach den Bremsen geschaut hätten“, bemerkte Mia und rüttelte an der Fahrertür. Zu ihrer Verwunderung sprang diese auf. Dafür fehlte die Beifahrertür. Für einen Ersatz war wohl keine Zeit mehr gewesen.
„Ihr wollt doch nicht ernsthaft schon wieder mit dieser Kiste fahren?“, zeterte Sûnahyl.
„Siehst du hier eine andere?“ Mia stieg bereits auf ihren Sitz. 
„Ich steige da ganz bestimmt nicht noch mal ein!“
„Willst du hier warten? Könnte natürlich etwas dauern, bis wir wieder zurück sind.“
„Oder willst du fliegen?“, ergänzte ich und deutete mit dem Kopf in Richtung Krateröffnung. Gelbliche Nebelschwaden waberten dort durch eine Suppe aus staubiggrauem Dunst.
„Oh Grundgütiger!“ Er kramte nach der Flasche. „Aber ich sitze diesmal vorne!“
„Meinetwegen.“

Eine holprige Fahrt mit angehendem Schleudertrauma später erreichten wir die Ebene vor dem Abstieg. Selbst auf planem Untergrund glichen die Fahrgeräusche einer altersschwachen Motorsäge. 
Zumindest kamen wir ohne größere Schäden an. 
Sûnahyl hatte sich inzwischen wieder vollständig regeneriert. Bis auf den zerfransten Anzug und den in Mitleidenschaft gezogenen Notizblock sah er aus wie zuvor. Allerdings hatte nach den diversen Beruhigungsschlucken während der Fahrt seine Haltung nachgelassen.
„Ssinwirenlich da?“, lallte er, als Mia auf den Parkplatz zusteuerte.
„So ist das. Ich freue mich, wenn Ihnen unsere kleine Tour gefallen hat und begrüße sie gerne wieder an Board.“ 
Diesmal funktionierte die Bremse besser. 
„Jaja, Hellishhhtours“, kicherte der Engel. 
„Und empfehlen Sie uns weiter!“, fuhr Mia feixend fort. Sie nickte in Richtung der Parkplätze, wo wir bereits erwartet wurden.
Das ungleiche Duo hatte sich neben dem Portalhäuschen positioniert und machte einen ungeduldigen Eindruck. Ghabwiél hatte die Flügel wie zum Abflug ausgebreitet. Er strich die Falten in seinem Blazer glatt, als wolle er sich für die Rückreise nochmals so richtig rausputzen. Unser CEO in seiner üblichen schwarzen Tracht aus Jeans, Hemd und Ledermantel stand mit verschränkten Armen und nervös flatternden Flügelspitzen daneben.
„Hat ja ganz schön gedauert“, raunte er mir beim Näherkommen zu.
„Nun, wir wollten schließlich keine potenzielle Ersatzfläche auslassen“, konterte ich mit ironischem Lächeln.
„Dann war die Inspektion ja zumindest gründlich“, bemerkte Ghabwiél anerkennend, wenn auch leicht gehetzt. „Über die Ergebnisse würden wir Sie aber zu einem späteren Zeitpunkt informieren. Sûnahyl, reichen Sie mir bitte das Protokoll!“
„Dsprohokoll?“ 
Ich beschloss, ihm eine Hilfestellung zu geben und deutete auf das Papierbündel, das mittlerweile einen Platz in seiner Jackentasche gefunden hatte. Mit ausladender Geste kramte er es hervor und gab es an seinen Vorgesetzten weiter.
Jener warf nur einen kurzen Blick auf den verknitterten Haufen. Er verzog das Gesicht zu einer eisigen Miene.
„Haben Sie etwa getrunken, Sûnahyl?“
„Wss?“
„Das kommt bestimmt von den Dämpfen im Krater“, gab Mia eine spontane Rechtfertigung für unseren angeschlagenen Begleiter ab.
„Na gut, dann machen Sie sich bitte bereit zur Abreise!“
Eine Säule aus Licht schwang sich von Ghabwiéls Füßen empor, aus der kleine Blitze züngelten. Sûnahyl schreckte kurz zurück, taumelte aber dann zu seinem Chef hinüber, um es ihm gleich zu tun. Zugegeben, sein Lichtstrudel war etwas unrund. Die Blitze dafür umso zuckender.
Mit einem „Wir melden uns!“ von Ghabwiél verschwanden die beiden Engel in jenem leuchtenden Sog.
„Und“, kam sogleich die erwartungsvolle Nachfrage, „wie war die Inspektion mit dem Engel?“ 
Mia grinste. 
„Ich schätze, er war beeindruckt.“
„Hast du eigentlich deine Flasche zurück?“, fiel mir noch ein.
„Oh!“

Mia sollte sie nicht wiederbekommen. Dafür erhielt ich nach etwa zwei Wochen den offiziellen Report zu unseren Verhandlungen. Demnach wurden das Hacken von Computern sowie das Fehlverhalten in sozialen Medien nicht als höllenwürdig eingestuft.
Ich seufzte. Wieder kein Zuwachs an Seelenkapital!
Ein Vermerk zu potenziellen Ersatzflächen tauchte dagegen nicht auf. Stattdessen waren aus irgendeinem Grund vierzig neue Fahrzeuge genehmigt worden.
Den himmlischen Schrieb in der Hand stürmte ich in die Chefetage. 
„Du wirst es nicht vermuten, aber...“, begann ich. Sein dämonisches Lächeln verriet mir, dass mein Chef längst bescheid wusste.
„Hast du etwas anderes erwartet?“
Wenn ich recht überlegte: nein, eigentlich nicht. Ich warf einen verschmitzten Blick hinüber zum Besprechungstisch.
„Alles Verhandlungssache“, flüsterte er und nahm mir das Papier ab.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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