Aylin

Der blaue Arm des Gesetzes

Der blaue Arm des Gesetzes

 

Ich bin jetzt dreißig und immer noch werde ich nervös, wenn mich eine Polizeistreife rauswinkt.

Nicht, dass ich kriminell wäre, aber meine eigenwillige Interpretation von Geschwindigkeitsbegrenzungen oder irgendwelchen Straßenverkehrsschildern führt mich schon gelegentlich in solch eine Situation. Jetzt ist es wohl mal wieder so weit.

Ja, ich weiß, dass ich das Stoppschild ignoriert habe, aber es kam eben ein einziges Mal kein Auto auf der belebten Großstadtstrasse, als ich dort einbog. Ich war eilig, mein kleiner Sohn hatte Hunger und ich kam gerade von der Bank, die meine, von Mama geschenkten, dreihundert Euro noch nicht gebucht hatte, obwohl ich sie vor drei Tagen schon bar eingezahlt hatte. Ich war diesen Monat etwas knapp. Stromnachzahlung, neue Keilriemen fürs Auto, neue Schuhe für den Kleinen…und mein Dozentenhonorar hatte sich verspätet. Ich spüre, wie sich Schweiß auf meiner Stirn sammelt und zu jucken beginnt, als ich den verlängerten Arm der Staatsgewalt in Form der roten Kelle schwingen sehe.

 

Nicht, dass ich je etwas Schlimmes getan hätte, aber irgendwie erinnert es mich immer an den einen Tag, als die Minna noch grün war und ich unerfahrene 18 Jahre jung des Abends bei uns auf dem Dorf in eine Polizeirazzia geriet. Sie waren damals auf der Suche nach einem Rauschgiftclan und ich betete, dass der alte, rote Nissan Micra, den ich erst eine Woche lang besaß, niemals so etwas transportiert hatte.

Die stramme grüne Polizistin forderte mich auf, das Fenster aufzumachen und ihr die Papiere zu zeigen.

Draußen waren Minus acht Grad und das Fenster war eingefroren. Ich drehte und rüttelte, aber es wollte nicht aufgehen. „ Sie sollen das Fenster öffnen!“ raunzte die Dralle und klopfte mit grün betuchtem Arm gegen die Scheibe. „Jaja,“ haspelte ich und öffnete die Tür. Meine Papiere fielen zu Boden, mein Autoschlüssel auf die Strasse.

„ Sind Sie nervös?“ schnarrte die grüne Minna, der nun ein junger Mann mit Polizeihund zur Hilfe kam. Alle drei starrten auf mich. „ Machen Sie hinten mal auf!“ befahl der Hundeführer. „Jaja, sofort,“ sagte ich und wusste nicht, wie ohne Schlüssel. Ich beugte mich, um den Schlüssel aufzuheben und dachte an das Chaos, das in meinem Kofferraum lebte. Macces-Tüten, zahlreiche kluge Oberstufenbücher, eine Tüte mit gebrauchten Tampons, weil es mir immer so peinlich war, die in der Schule in den Mülleimer zu werfen, Colaflaschen leer, halbleer und voll.

„Steigen Sie sofort aus, was machen Sie denn da?“ schnarrte die Obrigkeit, deren riesiger, spitznasiger Groendal nun leicht brummte. Nein, ich hatte keine Angst vor Hunden. Aber dieser, nee, sympathisch war der nicht. Der Polizist hatte die Hand am Pistolenhalfter. Mir fiel das Herz in die Hose.

„ Ich komm schon, Momentchen.“ Endlich hatte ich den Schlüssel, stieg aus, ohne auch nur einen Blick von diesem grimmig dreinschauenden Hund zu nehmen, und öffnete den Kofferraum. Derweil kontrollierte die grüne Minna meine Papiere und nahm mich rhetorisch in die Mangel :“ Der Wagen gehört Ihnen nicht? Sie heißen Schneider und der Besitzer Krasnic? “. „ Doch, doch, aber er läuft auf meinen Schwiegervater, wegen der Steuer- äh Stiefvater.“ „ Krasnic, kommt der aus dem Osten , haben Sie Beziehungen nach Osteuropa, eventuell zu Drogen?“. „ Um Gottes Willen, nein! Mein Stiefvater kommt aus Mecklenburg. Wissen Sie, schöne Landschaft da, viele Seen…“. Sie lächelte nicht und wies den Hund an, in meinem Kofferraum zu schnüffeln. Ich dachte: „Wer weiß, was der Köter da findet“ und kaum dachte ich es, da schlug er an. Er wühlte in den Sachen, mir brach der Schweiß aus, obwohl es eiskalt war und dann, dann, nach ewig scheinenden Minuten baumelte ihm ein blutdurchtränkter Tampon von der Nasenspitze. Angeekelt sah sein Hundeführer ihn an und schnauzte „Aus!“ Die Polizisten gaben mir wortlos die Papiere, drehten sich barsch um und gingen zum nächsten Auto.

 

Darum bin ich seit diesem Tag immer recht nervös, wenn Polizisten mich rauswinken. Vielleicht aber auch, weil ich seit fünf Jahren meinen Führerschein nach einem Handtaschenklau nicht mehr besitze und nie Geld übrig hatte, mir einen neuen machen zu lassen.

Ich fahre langsam an die Straßenkante. Diesmal ist der winkende Arm des Gesetzes blau und gehört zu einer jungen, sympathischen Polizistin, die lächelnd die Papiere fordert. Diesmal funktioniert das Fenster, denn es ist ein fast neuer Seat, den ich von Paps Lebensversicherung gekauft habe, mit automatischen Fensterhebern. „Äh , Moment“, sage ich und krame in meiner Handtasche. Zwei Nuckel fallen heraus, drei Windeln…“ Ich kann sie im Moment nicht finden, die Papiere, vielleicht hat der Kleine sie herausgezogen irgendwie.“. Ich drehe mich um : „Hast du Mamas Papiere aus der Tasche genommen, Jonas?“. Mein kleiner Sohn lächelt und winkt der Polizistin zu.

Ich krame und krame und meine Migräne beginnt wieder in Kopf zu dröhnen. Meine Güte, wo sind denn die Papiere bloß. Ich weiß genau, dass ich sie eingesteckt habe. Die Sonne knallt mit dreißig Grad auf den Großstadtasphalt.

„ Wann haben Sie denn ihren Führerschein gemacht?“ fragt die Uniformierte geduldig. „ 2016“ antworte ich „ Quatsch, 2011. Ach nein, da habe ich meine Lehre abgeschlossen. Warten Sie, 2007 habe ich Abi gemacht und ein Jahr bin ich mit dem Auto zur Schule gefahren. Ja, 2006, das muss 2006 gewesen sein!“. Mittlerweile ist ein junge Kollege zum Auto gekommen und sagt: „ Sie wissen schon, dass da vorne ein Stoppschild steht?“. „ Jaja,“ sage ich und wühle weiter in meiner Tasche, „aber…“. Ich erzähle die ganze Geschichte, auch die von der Bank, von der Stromnachzahlung, einfach alles. Mein kleiner Sohn winkt unaufhörlich und bestätigt alles mit eifrigem Dadada. Die beiden Polizisten lächeln, nachdem sie meine Angaben im Polizeicomputer überprüft haben.

„Naja“, meint die Frau. „ Dann gebe ich Ihnen jetzt ein Strafmandat wegen des Stoppschildes. Von einer Verwarnung wegen nicht mitgeführter Papiere will ich auf Grund ihrer Kontolage mal absehen. Sind Sie mit 10 Euro einverstanden?“. „ Natürlich,“ beteuere ich. „ Dann zahlen Sie das bitte jetzt bar.“. Ich schaue in mein Portemonnaie. Es ist leer. Und das zur Monatsmitte. Die beiden Polizisten schauen auch hinein. Fassungslos. Nicht eine Münze ist darin zu sehen. Meine Hand zittert. Niemand holt einen Hund.

 

„Ich bin allein erziehend,“ flüstere ich, “ und habe noch ein paar Windeln für den Kleinen geholt.“. Es hört sich an wie eine Entschuldigung und ich erröte, weil es mir peinlich ist. Scheiß Leben, denke ich, Scheiß Alter, der mit seiner Neuen in seinem fetten Haus sitzt…

„ Fahren Sie“ sagt der Polizist und seine Kollegin nickt beflissen. „ Und alles Gute für Sie und den Kleinen!“. Flotten Schrittes marschieren Sie zu einem Audi Quattro mit Schlipsträger hinter dem Lenkrad und drehen sich nicht um.

(C)Aylin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aylin).
Der Beitrag wurde von Aylin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Auf den Schwingen der Poesie von Ilse Reese



70 Gedichte mit schwarz/Weiß Fotos eigener Gemälde

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Aylin

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Wahl-Nachlese von Aylin . (Gesellschaftskritisches)
Sie nannte ihn Schnucki von Christiane Mielck-Retzdorff (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Der Kurschatten von Margit Kvarda (Humor)