Wolfgang Küssner

Amelinghausen

Die Tage müssen recht trüb gewesen sein, dunkel, verhangen, vielleicht war es regnerisch oder neblig, daß vor lauter Langeweile die soeben Sesshaften in Erinnerung an den Bischof Amelung von Verden ihre kleine Ansiedlung Amelinghausen nannten, und das 1293 auch noch urkundlich fixierten. Warum kam man nicht auf die Idee, irgendeinen Glücksritter, Adligen als Namenspatron zu wählen? So müssen die mittlerweile gut viertausend Einwohner dieser Kleinstadt in der Lüneburger Heide bis heute mit diesem Namen klarkommen. Wo wurdest Du geboren? Wie heißt das? Wie bitte? Armelinkhausen? - Der Leser lasse sich die Silben einmal langsam auf der Zunge zergehen: Ame – ling – hausen.

Der Ortsname schreibt sich natürlich ohne R an zweiter Position. Ob es damit klanglich besser wird? Und die Silbe –ling schreibt sich nicht mit K am Ende, sondern ist das, was in der Sprache Suffix (eine an ein Wort angehängte Silbe) heißt. Aus Haft wird mit dem Anhang –ling ein Häftling, aus Strafe ein Sträfling, aus abkommen ein Abkoemmling, aus wider ein Widerling. Liebling, Frühling, Däumling, Riesling oder Lehrling moegen positiv besetzt sein, doch Wrestling, Feigling, Zoegling, Wüstling, Schädling? Tja, und aus A(r)me wurde Amelinghausen. Ist das etwa eine gute, angenehme Gesellschaft, Wort-Nachbarschaft? Und die beiden letzten Silben? Die Menschen wohnen nicht, leben nicht, nein, sie hausen dort. Also bitte. Noch einmal: Ame – ling – hausen. Und nicht zu vergessen: In der Lüneburger Heide. Da denkt man an Norddeutsches Tiefland, an Endmoränen, Geest und Sand, Truppenübungsplätze und Sperrgebiete, Panzer und Kanonen-Donner; man denkt  an Heide und Kiefern, an Birkhuhn und Heidschnucken. Und an Ame – lin..... Der Leser weiß schon.

Das sollte sich doch ändern lassen, befanden im Jahr 1949 die Mitglieder des dortigen Männerchores und erfanden das bis heute durchgeführte Heideblütenfest. Bei ihrem Sängerfest wählten die Stimmgewaltigen eine Heidekoenigin und erfreuten sich ihres Anblickes. Es gibt Weinkoeniginnen, Apfelkoeniginnen, die  Kartoffelkoenigin, eine Pflaumenkoenigin (wirklich, das ist kein Scherz, im münsterländischen Stromberg), eine Koenigin für die Kirschblüte, eine Lottokoenigin, warum sollte es also nicht auch ein temporär gekroentes Haupt für die Heide geben. Ist dem Leser aufgefallen, lauter Koeniginnen und wenn es um das Glück geht, wird von der Glücksfee gesprochen. Dann wäre da natürlich noch die Ameisenkoenigin, die Bienenkoenigin und der Koenig der Loewen. Das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden koennte.

Die Schäfer haben von ihren schnuckeligen Heid-Schnucken das letzte Unkraut fressen lassen; die Landschaft herausgeputzt; es ist Ende August und damit hoechste Zeit für das jährliche Heide-blütenfest, so auch in Ame – li.... Der Leser weiß, von welchem Ort die Rede ist. Die Zufahrtstraßen sind verstopft, ein Parkplatz schwer zu finden, viele Menschen versammeln sich langsam an der Hauptstraße, denn später wird sie sich ihrem Volk vom einem besonders geschmückten Blumenwagen zeigen, zuwinken – die Heidekoenigin. Jenny Elvers, in Ame – li.... geboren und laut Wikipedia „Schauspielerin, Moderatorin, Sängerin und Luder“ war im Alter von 18 Jahren in dieser Rolle zu erleben. Vielleicht wird nach dem Umzug noch ein Eis gegessen, Kaffee getrunken, ein spezieller Heidestrauß, oder ein Koerbchen mit blühender Heide gekauft, und dann geht es wieder zurück.

Doch heute soll es weiter gehen. Etwa 10.000 Kilometer von Ame – li.... entfernt, auf der thailändischen Insel Phuket, wird der Autor dieser kleinen Geschichte an Begebenheiten in der Lüneburger Heide erinnert. Natürlich wächst hier keine Heide und folglich gibt es auch keine Heidekoenigin – obwohl die Elvers sicherlich schon vor Ort war. Doch es gibt so kleine Momente des Alltags, die an das Heideblütenfest erinnern, wieder denken lassen. Vielleicht ist es auch ein wenig weit hergeholt. Immerhin ist die Distanz zur Heide und zu Amelinghausen beträchtlich; mein letzter Besuch zu diesem Blütenfest mindestens fünf Jahrzehnte alt. Doch das hat damals offensichtlich Eindruck gemacht, da ist etwas hängen geblieben.

In der Hochsaison von Anfang Dezember bis Mitte April sind die Strände voll mit erholungssuchenden und unternehmungslustigen Urlaubern aus vielen Teilen der Welt. Ob das Fahren von Jetskis für alle Badegäste ein Vergnügen ist, sei dahingestellt. Jedenfalls werden diese Rennmaschinen den Touristen offeriert und müssen  mit einbrechender Dämmerung vom Strand entfernt und ins nahe Nachtquartier gebracht werden. Für diesen Transport werden die Jetskis auf kleine, einachsige Wagen gehievt, hinter ein Moped gespannt und langsam durch die Straßen gefahren. Da koennen schon mal drei, vier, fünf Jetskis aneinandergekoppelt sein, auf denen dann Hilfskräfte sitzen, um diese teils längeren Kolonnen durch den Verkehr zu lotsen.

Wer nun, wie der Autor, längere Zeit hier (also nicht in Ame – li...) lebt, kennt natürlich etliche Mitarbeiter, spricht mit ihnen, weiß um das täglich Prozedere. Geht man auf Augenhoehe, würdig mit den Beachboys um, erzählen sie manchmal über ihr Leben, Familie, Heimat, gedeiht eine Vertrauensbasis. Da wäre zum Beispiel Myo, ein junger Burmese, der eigentlich von einer Zukunft als Ingenieur träumt, doch aufgrund der argen oekonomischen Verhältnisse in seinem Land Myanmar, zur Arbeit in Thailand gezwungen ist. Die Entlohnung für seine Leistung ist ausgesprochen gering, doch deutlich besser als in der Heimat. Er kann von dem wenigen Geld etwas sparen und sich eines Tages vielleicht doch noch seinen Traum erfüllen. Seine Hoffnung.

Doch jetzt ist Myo einer unter vielen, austauschbaren, rechtlosen, schlecht bezahlten, ausgenutzten Beachboys, der z.B. nicht müde wird, dem Schreiber dieser Zeilen die nicht gerade einfache Sprache seiner burmesischen Heimat beizubringen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal zu erzählen wäre. Oh, drifte ich jetzt vom Thema ab? Hier sollte es doch um die Heidekoenigin und um diesen Ort Amelinghausen gehen, oder?

Also abends, wenn Myo mit seinen Kollegen und den Jetskis ins Nachtquartier fährt, sehe ich ihn häufig auf einem dieser Sport-Boote sitzen. Sieht er mich, ist ein leichtes Lachen in seinem Gesicht zu erkennen, vielleicht ein wenig Stolz; er hebt leicht die Hand, winkt mir zu. Die ersten Male wirkte er auf mich, wie eine Prinzessin auf der Erbse. Myo war natürlich weder von Erbsen noch von Blumen, sondern von Blech umgeben. Und da war auch  keinerlei Ähnlichkeit mit Jenny Elvers. Doch dann, nach einigen Wiederholungen dieser Szenerie, kam mir das Bild von der winkenden Heidekoenigin aus Amelinghausen in den Sinn.

 

Januar 2017

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