Angelika Lanbin

Himmlische Fliederbeersuppe


„Tot“, stellte Großvater trocken fest und blickte in das Innere des Honda Accord. „Du bist mausetot.“
„Ach nee, tatsächlich? Eine überaus geistreiche Schlussfolgerung von dir, Opa.“
Ann kochte vor Wut, aber der neben ihr schwebende ältere Herr blieb unbeeindruckt. „Hier passiert heute Nacht nichts mehr. Die finden das Wrack und deine Leiche erst morgen früh. Komm‘ Kind, deine Großmutter hat Fliederbeersuppe auf dem Herd. Die magst du doch so gern .“
„Opa, was redest du da?“ Ann kniff die Augen zusammen, ein bewährtes Mittel um aufzuwachen. „Ich muss nach Hause!“
Augenblicklich wechselte das Bild und sie befand sich im Kinderzimmer ihrer Zwillinge. Die Babys schliefen in ihrem Gitterbett, halb bedeckt von einem grauen Fellbündel.
Ann schrie auf. „Morpheus, du verdammtes Katzentier! Raus aus dem Kinderbett!“
Der Kater fauchte erschrocken, sprang aus dem Kinderbett und verschwand durch die halb geöffnete Tür.
„Wir sollten jetzt wirklich gehen“, sagte Großvater, der ihr gefolgt war. „Oma wird sich Sorgen machen.“
„Warum sollte sie sich Sorgen machen? Wir sind doch schon tot. Oder geht es noch toter? Wo ist Jasmin?“ Anns Stimme überschlug sich.
„Wer ist Jasmin?“
„Ich bring sie um!“ Ann rauschte durch das Haus auf der Suche nach dem Babysitter.
„Du kannst niemanden umbringen. Ann, nun sei doch vernünftig.“
„Ich will aber nicht vernünftig sein!“
Im Badezimmer fand sie das Kindermädchen entspannt in der Wanne liegen, mit Kopfhörern auf den Ohren.
„Jasmin! Komm‘ sofort raus aus dem Wasser!“
„Sie hört Dich nicht.“
„Verdammt, Jasmin! Warum hörst du nicht?“ Ann fasste nach den Ohrstöpseln des Mädchens, aber der Griff ging ins Leere.
„Ann, du kannst hier nichts ausrichten.“
Ann ignorierte ihren Großvater und glitt zurück ins Kinderzimmer. Die Babys quengelten. In wenigen Minuten würden sie anfangen schreien.
„Ich kann euch nicht zurücklassen. Was soll ich nur tun?“
„Liebes, sie hören dich nicht. Bitte komm‘ mit.“
„Ich gehe nirgendwo hin. Ich bleibe hier. Ich muss aufpassen.“ Verzweifelt schwebte sie über dem Kinderbett hin und her, in dem die Kleinen nun lauthals schrien.
„Du kannst hier doch gar nichts tun.“
„Ich verlasse meine Kinder nicht.“
Der Großvater seufzte und nach einer Weile sagte er: „Es gibt einen Weg zurück in dein altes Leben. Allerdings musst du jetzt wirklich erstmal mitkommen.“
„Das ist eine Falle.“
„Unsinn, keine Falle. Wieso sollte ich dir eine Falle stellen? Ich hab‘ dich doch lieb!“
„Das sagst du nur, damit ich mitkomme und dann gibt es doch keinen Weg zurück.“ Erleichtert nahm Ann wahr, wie das Kindermädchen barfuß ins Zimmer stolperte.
„Ann, ich verspreche dir, ich werde dich niemals belügen. Die Liebe zu deinen Kindern ist so groß, du kannst wieder ins Leben und zu ihnen zurück.“
„Wirklich?“
Nur widerwillig ließ sich Ann von ihren Kindern wegziehen und fand sich am Autowrack wieder.
„Und was jetzt?“ Nachdenklich betrachtete sie ihr zertrümmertes Gesicht im Innern des Wagens.
„Hör zu, Liebes. Im Jenseits gibt es keine Beschränkung von Raum und Zeit. Du gehst einfach in der Zeit zurück, bis kurz vor dem Unfall und schlüpfst in deinen Körper.“
„Das funktioniert? Kann ich mich dann an all dies erinnern?“
„Nein. Unser Gespräch findet auf Seelenebene statt, nur deine Seele hat die Erinnerung, nicht dein Gehirn. Du wirst dich erst nach deinem  Leben wieder daran erinnern.“
Ann dachte nach. „Wenn ich keine Erinnerung habe, wie soll ich dann wissen, dass mir ein Tier vors Auto läuft und ich beim Ausweichen an einem Baum knalle? Dann bin ich gleich wieder tot.“
„Du kennst sie doch, die Vorahnungen, die Gewissheit, dass gleich etwas passieren wird und du deshalb besonders aufmerksam bist …“

Ann fuhr durch die Nacht. Ein dichter Vorhang aus Schneeflocken blendete sie.
Plötzlich hatte sie einen unbestimmten Druck im Magen. Irgendwie ein mieses Gefühl. Vorsicht, ich muss vorsichtig sein! Sie nahm den Fuß vom Gaspedal und fuhr im Schritttempo nach Hause. Zuhause angekommen öffnete sie erleichtert die Haustür. Jetzt erst einmal nach den Kleinen sehen und dann eine heiße Fliederbeersuppe genießen, so wie Oma sie immer gekocht hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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