Maria von Däniken

Die "Heimlifeisse" spukt aus

1956: 6. Klasse.
Warum hält sich der Lehrer vermehrt länger bei einer Schülerin auf wenn wir schreiben? Warum nimmt er ihre schreibende Hand in die seine, als müsste er ihr das Schreiben erst beibringen? Wir sind doch in der 6. Klasse, sie eine der Besten. Sie sitzt mir schräg gegenüber. Aus den Augenwinkeln sehe ich wie er sich langsam ihrem Pult nähert, neben ihr stoppt und ihre Hand nimmt. Er beugt sich über sie, flüstert ihr etwas zu. Stille in der Klasse, wir sind am Aufsatz oder Diktat schreiben. Warum tut er das nur bei ihr? Kann mir einfach nicht vorstellen was da los ist. Nach den Turnstunden - auch bei Hr. X. - winkt er sie zu sich ins Zimmer während wir andern uns für die nächsten Schulstunden oder für den Heimweg umziehen. Einmal platzt mir der Kragen: "Warum ruft der eigentlich XY nach der Turnstunde fast jedesmal zu sich ins Zimmer, was machen die da drin"? rufe ich genervt. Sollen sie's nur hören, darum rufe ich extra laut. Die andern Mädchen um mich herum kichern. Wissen sie mehr?.... Ich bin ja noch so naiv...... 
Kurze Zeit später stehen Elterngespräche bevor. Die Einladung für diese sollen wir selber schreiben und den Eltern überbringen. Schön leserlich schreibe ich diese Einladung und wie befohlen, am Schluss: "Es ladet Sie ein, der Lehrer Hr. XY". Beim Schreiben dieser letzten Zeile kocht plötzlich Wut in mir hoch. Sowas wie: dem will ich zeigen was ich von ihm denke. Mit farbigen Buchstaben schreibe ich hinter Hr. XY: "LÖLIHUND". Ganz heiss wird mir dabei. Ich kann meine Erregung nicht für mich behalten. Meine Nachbarin sieht es, schaut mich gross an, beginnt zu kichern. Die vordere Nachbarin will wissen warum wir kichern, beginnt ihrerseits zu kichern, usw. Hr. X will wissen was dieses Gekicher da hinten soll. Jetzt wird's brenzlig. Er ruft mich nach vorn, will den Grund des Gekichers sehen. Gebannt folge ich seinen Augen beim Lesen. Angst verspüre ich nicht, eher Schadenfreude: "Jetzt hab ich's dir gesagt." Er steckt den Zettel in die Brusttasche, schaut mich überrascht an: "Werde mit deinen Eltern reden". Jetzt zitternd an meinen Platz zurück: "Was hast du angerichtet, was hast du dir da erlaubt?" geht mir durch den Kopf. Schrecklich der Heimweg. Meine Eltern dürfen es nie erfahren. Ich muss ihm zuvorkommen, aber wie? Es gibt nur einen Weg: ihn gleich am nächsten Morgen um Entschuldigung bitten. Gedacht, getan, über mich hinauswachsend. Am folgenden Morgen warte ich bei der Tür bis alle im Schulzimmer sind. Er kommt, wie alle Lehrer es tun, als letzter. Mit gesenktem Haupt stelle ich mich zitternd vor ihn: "Was ich gestern geschrieben habe tut mir leid". Erleichterung. Ein kurzes: "Ist in Ordnung, du hast dich entschuldigt", seine Antwort. Meinen Eltern hat er es nie gesagt. Heute denke ich: hatte er Angst? Meine Eltern hätten im Gegenzug einiges über ihn erfahren können?.....
Das "LÖLIHUND" hat mir nie leid getan - ich musste nur so tun als ob - das letzte Jahr bei ihm noch nicht zu Ende. Ohne genau zu wissen was da vor sich ging, empfand ich sein Verhalten als nicht gut. Und ich sah nicht alles.... Die damalige Sitznachbarin dieses Mädchens hat mehr gesehen als nur "Händchenhalten", hat sie mir erst vor kurzem erzählt. Heute käme er "in die Kiste".
aus "Kreuz und quer" bei meet-my-life.net: "Autobiografien lesen"

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Maria von Däniken).
Der Beitrag wurde von Maria von Däniken auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Und ich glaube von Werner Gschwandtner



Ein Mädchen mit einer Atypischen Pneumonie. Eltern am Rande der Existenz. Intrige und Schicksalsschläge. Und dennoch gibt es Hoffnung, Glaube und Zuversicht. Familiäre Erzählung in der Weihnachtszeit. Modernes Märchen welches durchaus wahr sein könnte. Werner Gschwandtner, litterarum.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Maria von Däniken

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Mit Stock über Stein und Sand durch die Wüste von Maria von Däniken (Autobiografisches)
Erinnerungen an 1944 (Zweiter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)
Ein Rehkitz hat sich verlaufen von Stefanie N. Gabel (Gute Nacht Geschichten)