Stefan Hoffmann

Die kleine Radtour

Frühling 2017

Max traute seinen Augen nicht, als er sie zum ersten Mal in der Sonnen-Apotheke entdeckte. Er wollte sich ein Mittelchen gegen Kopfschmerzen besorgen, aber beim Anblick der neuen Apothekerin brauchte er eigentlich sofort was gegen sein Herzrasen. Freundlich wurde er von ihr gefragt, was sie für ihn tun konnte. Max schätzte, dass sie einige Jahre später zur Welt gekommen ist als er, der die dreißig knapp überschritten hatte. Ergo war Max im ungefähren Alter wie Jesus, als dieser gekreuzigt werden musste, damit sich Gott wieder mit den Menschen versöhnen konnte.

Reich mir deine Hand! Ich bin überwältigt von deiner Schönheit. Dein langes, blondes Haar gleicht dem eines Engels. Heirate mich, bezauberndes Wesen!, sagte er natürlich nicht zu ihr, das dachte er nur. Er sagte zunächst gar nichts, stattdessen lächelte er sie an und sie schenkte ihm ein Lächeln zurück.
„Sie müssen hier neu sein“, vermutete Max. „Sie sind mir noch nie aufgefallen.“
„Stimmt, ich arbeite hier seit sechs Wochen.“
„Sieh an, seit sechs Wochen ...“
Max verlor auf einmal gewaltig die Sprache und ihm fiel nichts Besseres ein als das Wort Kopfweh.

Mit einer grünen Packung Tabletten verließ Max den Laden und schloss sein Rad auf. Klasse Frau, ging es ihm durch den Kopf. War sie verliebt, verlobt, verheiratet? Ihrem Dialekt nach kommt sie nicht von hier. Die würde ich gerne mal näher beschnuppern. Aber wie komm ich nur an sie ran? Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor sechs. Die Apotheke hatte bis halb sieben geöffnet. Max entschied sich, bis Geschäftsschluss zu warten, und die Zeit im Café der gegenüberliegenden Bäckerei zu verbringen. Also sicherte er sein Rad wieder, schaute kurz nach links und nach rechts und flitzte pfeifend über die Straße zum Bäcker.

Dort arbeitete zu dieser späten Stunde nur noch eine Verkäuferin, die erst für einen leeren Mund sorgen musste, bevor sie Max bediente. Sie hatte eine mollige Figur, die wahrscheinlich die Konsequenz war, dass sie sich selbst mit größtem Vergnügen von ihrem verlockendem Angebot bediente. Max machte es sich mit einer Tasse Cappuccino an einem Stehtisch bequem. Er und ein älterer, glatzköpfiger Herr Mitte 50 waren die einzigen Kunden im Geschäft. Max sagte kurz Guten Tag zum anderen Gast, der jedoch seinen Gruß nur zögerlich und leise knurrend erwiderte. Dass dieser Glatzkopf von Fremden gegrüßt wurde, war ihm wohl neu. Von seinem Platz aus hatte Max durch die großen Scheiben einen hervorragenden Blick auf die Eingangstür der Apotheke. Max begann, an einer Strategie zu basteln. Es fiel ihm nicht schwer nachzudenken, denn seine Kopfschmerzen waren wie von Geisterhand verschwunden.

Ich werde sie gleich fragen, ob sie mit mir einen Kaffee trinken möchte. Und zwar am besten hier. Haben wir es uns in der Sitzecke gemütlich gemacht, werde ich sie um einen Kommentar zu den Risiken und Nebenwirkungen eines Latte Macchiatos bitten. Als Zweites möchte ich wissen, ob die Verkehrstüchtigkeit eingeschränkt wird, wenn Knoblauch durchschlägt.

Mit dem Teelöffel befreite Max den Kaffee von der süßen Sahne, die er sich genüsslich munden ließ. Bei dieser Aktion machte er sich weitere Gedanken. Mit einer Apothekerin zusammen unter einem Dach zu leben, hat seine Vorteile. Sie weiß sofort Rat bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Zu ihr passt der Spruch mit der Axt. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann, wenn‘s dicke kommt, sogar den Auftragskiller. Führt eine Überdosis Kartoffelchips zu Sesselpupserei? Ist Liebe eine Droge und fällt sie unters Betäubungsgesetz? Fragen über Fragen, dachte Max, dabei weiß ich noch nicht einmal ihren Namen. Mal gucken, ob der Arbeitgeber Infos über ihre Person ins Netz gestellt hat.

Das Internet ist eine feine Sache. Dank Facebook und Youtube kann man heute der ganzen Welt zeigen, was für ein toller Mensch man doch ist und was man alles drauf hat. Max besaß eine reife und stabile Persönlichkeit, sein Selbstwertgefühl war bestens. Deswegen brauchte er niemanden etwas zu beweisen und war nicht süchtig nach Likes. Er lief keinen Leuten hinterher und der Zirkus um die Selbstdarstellung im Netz interessierte ihn wenig. Max nahm sein Handy zur Hand. Das wirklich Interessante am Internet ist, es steckt voller Informationen. Der Haken an dieser Sache ist nur: Entsprechen sie der Wahrheit oder nicht?

Sonne, Mond und Sterne, ihr treuen Lichter aus der Ferne, dichtete Max spontan. Sonnen-Apotheken gibt es wie Seesterne im Meer, aber was ist mit Mond-Apotheken? Gibt es tatsächlich eine Mond-Apotheke? Max juckte es in den Fingern und überprüfte dies zuerst. Bingo, und zwar in Cottbus. Sieht es in der Lausitz so aus wie auf dem Mond? Lebt man dort nach dem Mauerfall noch wie hinterm Mond? Fährt man dort noch stinkende Trabis und hört Radio Eriwan aus Röhrenradios? Max wusste es nicht, er hatte seinen Fuß noch nie auf diesen Fleck Deutschlands gesetzt.

Problemlos fand Max dann die Homepage der Sonnen-Apotheke seiner Stadt. Frau Olga Dimitrova, die Chefin, hatte hier die Namen ihrer kompletten Mannschaft veröffentlicht und von jedem Mitarbeiter ein freundliches Bild gepostet. Und da war sie auch schon! Katja Katzig, Apothekerin, Offizin. Offizin? Max hatte dieses Wort noch nie gehört, es klang für ihn irgendwie militärisch. Eine Novizin sagte ihm etwas, aber verflixt: Was war eine Offizin? Er wird es später recherchieren. Die restlichen Frauen aus dem Team kannte Max zum größten Teil und die meisten waren ihm nicht unattraktiv. Nur das Foto der bereits in die Jahre gekommenen Chefin selbst beeinträchtigte den positiven Gesamteindruck des Teams. Als Antwort auf die Aufstockung der NATO-Bodentruppen in der Bundesrepublik zur Zeit des Kalten Krieges diente Olga wohl dem Ostblock optisch als Waffe zur Abschreckung. Gut anzunehmen, dass sie sich deswegen bei der Bedienung der Kunden zurückhält und unauffällig im Hintergrund agiert.

Aber Boss Olga ist clever, musste Max zugeben, und weiß, dass hübsche Damen Männer anziehen. Vielleicht sollte ich mich mal als Türsteher vorstellen und ihr zeigen, wie man mit markanten Sprüchen Kunden in den Laden lotsen kann. Auf St. Pauli scheint das ja zu funktionieren. Er fing an, schelmisch zu grinsen.

Max war ein einfacher Typ, der mit komplizierten Sachen nichts anfangen konnte, deshalb hatte er auch keine höhere Schulbildung. Seit knapp zehn Jahren war er als Kurierfahrer bei einem Unternehmen in der Großstadt tätig. Die Bezahlung ging so, es war jedoch nur ein Halbtagsjob. Weil Max aber ein bescheidener Typ war, der nicht alles haben musste, kam er mit seinem Lohn gut über die Runden. Er war froh, überhaupt einen Job zu haben, der ihm liegt. Für komplizierte Arbeiten, wie die eines Apothekers, dafür war er nicht geboren. Genauso wenig wie für handfeste, körperliche Schufterei. Max zog seinen Hut vor Menschen, die hart und schwer arbeiten konnten. Arbeit bedeutete für ihn, etwas für andere zu tun.

Sein koffeinhaltiges Heißgetränk schmeckte lecker. Es waren die kleinen Dinge im Leben, an denen Max eine Freude hatte, wie Kaffee in allen erdenklichen Variationen, am liebsten italienische Spezialitäten. Pizza, Pasta und Pistazieneis vom Italiener schätzte er ebenso wie ein spannendes Fußballspiel, am liebsten eines mit ‘nem Sieg über die Italiener.

Max fantasierte weiter. Frau Olgas Plan ginge jedoch voll in die Hose und es käme ihr teuer zu stehen, wenn die Kunden anfangen würden, ihre Mitarbeiterinnen zu schwängern. Aber eine Apothekerin kennt sich bestens aus mit den Gefahren des ungeschützten Verkehrs, und wie man diese vermeiden kann - sollte man annehmen. Doch Erinnerungen an Berichte über kettenrauchende Hausärzte, tablettensüchtige Drogenberater und schokoladenverrückte Diätassistentinnen machten Max stutzig. Falls die Belegschaft anfängt, sich durch Schwangerschaften zu reduzieren, sollte die Chefin das nächste Mal bevorzugt Novizinnen einstellen. Eine Novizin braucht keine Verhütung, sie widersteht der Versuchung - sollte man annehmen.

Der ältere Herr verließ die Bäckerei, ohne sich von Max zu verabschieden. Das hatte Max auch nicht erwartet. Wer einen Gruß nicht höflich erwidert, braucht sich nicht zu beschweren, wenn ihn bald keiner mehr anguckt und grüßt.

So ist das in den heutigen Zeiten. Viele machen, wie sie lustig sind, und ignorieren Gesetze und Vorschriften. Sie steuern auf eigene Faust ziellos übers Meer des Lebens. Für den Profit und für besondere Kicks werden Moral und Ethik über Bord geworfen. Die Feinheiten des zwischenmenschlichen Umgangs, wie ein Hallo, ein Tschüss, ein Danke- oder Bitteschön, die zeigen, dass Menschen wahrgenommen und respektiert werden, bleiben auf der Strecke. Heutzutage ist bei vielen die Wahrnehmung sowieso stark eingeschränkt, weil pausenlos auf das Display des Handys gestarrt wird. Mit schlechtem Benehmen herabwürdigen sich Menschen aufs unterste Niveau. Die Unhöflichkeit anderen gegenüber fällt eines Tages auf den Verursacher zurück und das Lächeln, das ein Mensch aussendet, kehrt zu ihm zurück. Davon war Max überzeugt.

Mit einem Auge beobachtete er, wie draußen der Glatzkopf nervös hin und herging und eine Taube verscheuchte. Dann steckte er sich eine Kippe an. Eine von Maxes besten Entscheidungen war, vor fünf Jahren mit dem Rauchen aufzuhören. Max beste war, an Gott zu glauben. Jeder kann an Gott glauben, da braucht man keiner Religionsgemeinschaft angehören. Und man braucht nicht nach Santiago de Compestela zu pilgern, damit einem die Sünden vergeben werden, das ist sowieso ein ganz großer Irrtum. Allein durch den Glauben an Jesus Christus werden dem Menschen die Sünden vergeben.

Plötzlich war da eine Dame um die Vierzig in einem kurzärmligen T-Shirt, die auf den Knurrer zukam. Was war das? Besitzt sie am rechten Oberarm ein kleines Tattoo, einen Ausschlag oder ist das einfach nur Dreck? Max konnte es aus der Entfernung nicht genau erkennen, aber er tippte auf ein Tattoo. Wahrscheinlich hat sie an versteckten Stellen noch Piercings zu bieten. Um den Bauchnabel moderner Mädels zu liebkosen, muss der Mann handwerkliches Geschick beweisen und zuerst die Flex aus dem Keller holen.

Mit einem Kuss auf den Mund begrüßten sich die beiden. Wer war das Weib? Seine Ehegattin, seine offizielle Freundin, seine heimliche Geliebte? Egal! Aber Max rätselte, warum Frauen auf mürrisch und übel gelaunte Macker standen. Er vermied, so gut es ging, den Umgang mit negativ eingestellten Menschen. Leichte Symptome von Miesepeter traten bei Max höchstens frühmorgens vor der dritten Tasse Bohnenkaffee auf.

Händchen haltend verschwand das Paar aus Maxes Blickfeld. Die auf den Boden geschnippte Zigarette nicht, sie verursachte noch einige geheimnisvolle Rauchzeichen. Die Hand einer Frau würde Max auch mal wieder gerne halten. Max trennte sich von Lucy vor zwei Jahren. Mit ihr war er fünfzehn Monate zusammen. „Hab dich lieb, mach keine dummen Sachen“ waren ihre letzten Worte, bevor er sie mit einem anderen im Arm erwischte. Einen Sechser im Lotto hielt Max für wahrscheinlicher, als das Spiel einer Frau zu durchschauen. Glaubwürdigkeit und Vertrauen waren für Max das A und O einer Beziehung, aber da wurde er schwer enttäuscht.

Die Freundschaft brach auseinander. Nach dieser bitteren und schmerzhaften Erfahrung mit seiner letzten Freundin nahm Max sich vor, nie eine engere Beziehung mit einer Frau anzufangen, die noch in festen Händen war. Er wollte nicht der Grund werden für den endgültigen Bruch einer Partnerschaft. Er wollte nichts zerstören und niemanden wehtun. Durch die Trennung schlitterte Max in eine Krise. Die Fragen „Wer bin ich?“ und „Was ist der Sinn des Lebens?“ beschäftigten ihn stark. Also machte Max sich auf die Suche, diese offenen Fragen zu lösen.

Vor der Verkaufstheke hatte sich mittlerweile eine kleine Schlange aus drei Personen gebildet.
Warum ausgerechnet eine Schlange bei Apothekern mit Heilung in Verbindung steht, hatte Max vor Wikipedia nicht gewusst. In der Bibel sorgt die kluge und rhetorisch geschickte Schlange gleich am Anfang für einen Haufen Ärger. Beim Discounter hingegen taucht sie zum Leidwesen aller Kunden immer am Ende auf, wenn‘s ums Bezahlen geht. In der Ehe gibt sich die Schlange dem Gatten erst nach dem sechsten Jahr zu erkennen. Und bei der Scheidung kennt die Schlange beim Manne absolut keine Gnade, wenn‘s ums Bezahlen geht.

Die Literatur ist voll mit autobiografischen Geschichten von Menschen, die einmal um die Welt reisen mussten, um herauszufinden, wer sie sind. Die Suche nach sich selbst endete bei Max bereits in seinem Badezimmer, wo er sich vor den Spiegel stellte und ohne sich zu belügen, Fragen über seine Person beantwortete, die er zuvor gesammelt und auf einem Blatt Papier notiert hatte. Warum auch in ferne Länder reisen, Deutschland ist so schön. Gläubige mit einer fragwürdigen Auslegung von religiösen Schriften machen heutzutage die Reise in ein Urlaubsland mehr und mehr zum riskanten Abenteuer als zum erholsamen Vergnügen.

Wer in fremde Länder reist, um Einheimischen näherzukommen und um ihre Kultur kennenzulernen, der braucht in diesen Tagen nur beim richtigen Nachbarn zu klingeln und ihn zu einem Plauderstündchen bei einer Tasse Tee oder Kaffee einladen. So erfährt man genügend über ein anderes Volk mit ihren Sitten und Gebräuchen und spart obendrein die Kohle für die Flugreise. Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens besorgte Max sich in einer Buchhandlung das Buch der Bücher, und es war keinesfalls ein Band aus der Harry-Potter-Reihe.

Max fing an, von einer steilen Schriftstellerkarriere zu träumen, die ihn in der Zukunft erwartet, weil er ein außergewöhnliches Buch schreiben wird. Ganz ohne pubertierende, atheistische Zauberlehringe, die weiße Kaninchen im Hut verschwinden lassen können, aber keinen Trick wissen gegen ihre Pickel und Mitesser. In dieser zukünftigen Zeit wird Katja treu an seiner Seite verweilen, weil sie ihr Leben in seine Hände gelegt hatte.

„Wir schließen gleich, junger Mann.“ Damit holte die Verkäuferin Max wieder zurück auf den blauen Planet. Max schaute rasch auf seine Uhr. Es war kurz vor halb sieben. Der Plan mit dem Kaffeetrinken hier hatte sich erledigt. Ein neuer Vorschlag musste ihm einfallen. Einfach woanders was Trinken gehen. Im romantisch gelegenen Waldcafé wäre eine Option. Da müsste man mit dem Rad hinfahren, aber hatte Katja ein Rad dabei? Max wusste es nicht. Sein Getränk hatte er gleich bei der Bestellung bezahlt, damit ihn das nicht aufhalten würde, falls es eng werden sollte mit der Zeit.

Das Wetter war von der Temperatur her sehr angenehm für einen Apriltag. Der Himmel war bedeckt, aber es war trocken, prima für Outdooraktivitäten. Nicht so prima für Fahrradfahrer waren gewisse KFZ-Führer. Autofahrer mit einer bedenklichen Einstellung zur Straßenverkehrsordnung machen das Radfahren mehr und mehr zum riskanten Abenteuer als zum sportlichen Vergnügen.
Nachdem Max die Bäckerei verlassen hatte, wusste er nicht so recht, wo er warten sollte. Dies erübrigte sich aber schneller als gedacht.

Sie kam aus der Apotheke und marschierte auf den Fahrradständer zu, wo außer Maxes Rad noch zwei andere standen. Max ging zügig über die Straße und sprach sie an, als sie gerade ihre Tasche in den Korb des Rades legte.
„Feierabend“, sagte Max und es klang mehr als Feststellung als Frage.
„Feierabend, endlich“, freute sie sich und musterte ihn.
„Sie erinnern sich? ... Scheinbar nicht?“ Max war verblüfft.
„Moment, Moment ... Doch. Vorhin. Wollten Sie nicht was gegen Kopfweh haben? Und sie verlangten das Original.“
„Genau!“ Und Max legte ordentlich los.
„Die Tabletten in der grünen Packung mit dem Kreuz als Firmenlogo. Zum Glück habe ich keine Schmerzen mehr. Mein Kopf ist frei, und das ist gut so, denn ich habe auf Sie gewartet.“
Die Apothekerin war verblüfft. „Aha, und wieso?“
„Bei auftretender Langeweile wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Apotheker. Sie sind mein Apotheker.“
„Ihnen ist langweilig? Da helfen keine Pillen. Wie wär‘s mit Arbeit?“
„Wurde mir bereits verordnet“, versicherte Max. „Morgen erst wieder.“
„Was machen Sie?“
„Ich bin Kurierfahrer.“
„Ein Bote also. Aber der Himmel gibt Ihnen keine Aufträge?“
„Wer weiß“, flüsterte Max vor sich hin und drehte das Volumen dann wieder auf. „Sie sind nicht von hier, kann das sein?“
„Hört man das?“
Max nickte. „Das hört man.“
„Ich bin vor zwei Monaten von außerhalb in die Nähe dieser Kleinstadt gezogen.“
„Sie wohnen also nicht direkt in dieser Stadt?“
„Nein, nicht“, erklärte sie. „Mit meinem Rad fahre ich gleich zum Bahnhof und dann geht es ab in den Zug Richtung nach Hause.“
„So hätte ich das auch gemacht. Zum Bahnhof sind es zu Fuß fast 20 Minuten und Busse fahren nur selten. Ich mag Rad fahren. Auf der Arbeit fahre ich einen Dienstwagen. Ist das vielleicht ein Dienstfahrrad?“
„Nein, es ist mein Privates. Es ist wirklich sehr praktisch, weil ich kein Auto besitze.“
„Ich auch nicht. Bei einem längeren Weg steige ich in einen Bus oder in eine Bahn. Dort trifft man immer wieder auf neue Leute und den Anblick von hübschen Frauen genieße ich.“
„Sieh an, so einer sind Sie also!“, lachte sie und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Casanova, ich habe Sie durchschaut.“
„Wieso Casanova? Seit wann ist das Betrachten des anderen Geschlechtes was Anstößiges? Es würde mir ganz und gar nicht gefallen, bei Ihnen wegzuschauen.“
Sie fühlte sich geschmeichelt.
„Solange Sie nicht anfangen, mir Ihre Fantasien zu erläutern, habe ich nichts dagegen.“

Max hatte Spaß an der Plauderei und wollte sich ein Bild von der Apothekerin machen. Also machte er munter weiter. „Was bedeutet Arbeit für Sie?“
„Die Arbeit in der Apotheke erfüllt mein Leben und macht mir Spaß. Ich verdiene mir meinen Lebensunterhalt und Geld ist schließlich eine Notwendigkeit in dieser Welt.“
„Wenn die Arbeit Spaß macht, warum freut man sich dann auf den Feierabend?“
„Arbeit bereitet auch Stress und in meiner freien Zeit möchte ich mich erholen und andere Dinge tun, die mir Freude bereiten.“

Vor etwas über einer halben Stunde fehlten Max noch die Worte und nun war seine Redseligkeit nicht mehr zu stoppen.
„Stimmt, da gibt noch jede Menge andere tolle Dinge, die Spaß machen außer Arbeiten. Da fällt mir noch zu was ein. Ich denke, Arbeit sollte auch Sinn machen. Bei manchen Menschen frage ich mich, ob deren Beschäftigung Sinn macht.“
„Bei manchen Künstlern frage ich mich auch, ob ihre Werke Sinn machen“, erklärte sie.
„Mich hatte mal ein Finanzjongleur, ein Risikoanlageberater, die Ohren vollgequatscht“, berichtete Max. „Der suchte Abenteuerer, die Spaß an gewagten Investitionen hatten, und daran verdiente er noch. Ich weiß aber, dass die Arbeit einer Klofrau Sinn macht. Wer wünscht sich keine saubere Toilette?“
„Da haben Sie recht. In meinen Kreisen kenne ich niemanden, der von Beruf Putzfrau ist. Aber meine Cousine ist Friseuse. Die Arbeit einer Friseuse macht auch Sinn.“
„Allerdings“, stimmte Max zu, „aber ihr Gequatsche ergibt oft keinen.“

Ein Auto hupte mehrmals und unterbrach für einen Moment die Unterhaltung, bis es weiter ging. „Was skrupellose Geschäftemacher betrifft“, wusste Max, „denen geht es nur ums Geld. Die wichtigsten Dinge des Lebens kann man sich aber nicht kaufen.“
„Die wären?“
„Frieden und Harmonie.“
„Und Gesundheit“, ergänzte die Apothekerin. „Vergessen wir die Gesundheit nicht“,.
„Fassen wir das Ganze einfach zusammen und nennen es Glück. Mit Geld kann man sich vieles kaufen und einiges erreichen, aber wie schnell verlieren die Dinge ihren Reiz? Wer erfreut sich über Jahre hinweg an der gleichen Sache? Mal abgesehen von Schlagermusik und den Zuschauern, die bei der Lindenstraße immer noch nicht wegschalten.“
„Ein treuer Freund fällt mir dazu ein. Ein treuer, zuverlässiger Freund, der sich nicht versteckt, wenn man ihn braucht.“

„Wie wir gerade festgestellt haben“, machte Max dann kurz noch mal klar, „kann man Gesundheit nicht kaufen. Aber man kann viel dafür tun. Bewegung ist gut für den Körper und hält fit. Wie wär‘s? Kann ich Sie zu einer kleinen Radtour überreden? Es gibt hier wirklich schöne Ecken, die Sie nicht kennen werden und die schnell mit dem Rad erreichbar sind.“
„Nein, das ist keine gute Idee“, bedauerte sie.
„Wunderbar! Ich hatte schon befürchtet, Sie sagen Ja.“
„Verzeihung, das verstehe ich jetzt nicht.“
„Hätten Sie zugestimmt, bräuchte ich Sie nicht zu überreden. Sind Sie Single?“
„Nein“, gab sie als Antwort. „Ich habe einen Freund, den ich liebe und gegen keinen anderen austauschen würde.“
„Das ist schön für Sie. Von dieser Radtour wäre Ihr Freund sicher nicht begeistert, kann ich mir gut vorstellen, deswegen lassen wir das eben. Mittlerweile bin ich alt genug, um zu wissen, dass im Leben nicht alles perfekt läuft. Aber das Leben ist trotzdem fantastisch und es kann unglaublich spannend werden, gerade wenn man selbst in Aktion tritt. Es gibt Menschen, die von morgens bis abends am Grübeln sind, kommen nicht von der Stelle, und die warten auf den Tag, der ihr Leben verändert, dabei beginnt dieser Tag mit jedem Morgen neu.“

Max überlegte kurz und dann ging‘s bei ihm weiter.
„Wissen Sie, ich bin noch jemand, der feste an Gott glaubt. Zwar erst seit knapp zwei Jahren, aber das spielt keine große Rolle. Für mich ist der Glaube an Gott der Schlüssel zum Glück. In meinem Leben ist Gott mein Steuermann und er wird für mich am Ende alles zum Guten regeln. Also blicke ich sorgenfrei und hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich bin dankbar für jeden neuen Tag, den Gott mir schenkt, und ich freue mich auf jede neue Überraschung in meinem Leben.“
„Ich hab schon schlimme Überraschungen erlebt“, verriet sie.
„Bei McDonalds wurde gestreikt?“
„Nein, da geh ich nicht hin. Was ich allerdings noch sagen wollte: Glauben ist kein Wissen.“
„Und die Forscher dieser Welt, glauben zu wissen. Aber wissenschaftliche Theorien werden häufig widerlegt, meist nur eine Frage der Zeit.“

Max probierte kurz die Schelle an dem Fahrrad der Apothekerin aus.
„Klingel-linge-ling. Schlimme Überraschungen“, fuhr Max fort, „wer kennt die nicht? Passen Sie auf, ich seh das alles so. Wenn ich mir etwas wünsche, aber bekomme es nicht, oder man nimmt mir etwas weg, dann, und davon bin ich überzeugt, dann hat Gott mit Sicherheit etwas Besseres für mich in Aussicht. Ich glaube noch an das in Schlagern besungene große Wunder. Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Für einen gläubigen Menschen ist dies keine billige Floskel, sondern hohe Weisheit. Und zum Glauben gehört immer ein hartnäckiger Geduldsfaden, der auch dann nicht reißt, wenn man von plagenden Zweifeln besessen wird. So seh ich das. Was ist mit Ihnen? Glauben Sie an Gott?“

Die Apothekerin zögerte einen Augenblick.
„Ich glaube durchaus an die Existenz eines höheren Wesens, welches über uns steht.“
„Damit meinen Sie aber jetzt nicht Doktor Brinkmann von der Schwarzwaldklinik?“
„Nein“, antwortete sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Max bohrte weiter. „Haben Sie eine Beziehung zu diesem Wesen?“
„Nein. Nicht wirklich.“
„Sind Sie konfessionslos?“
„Nein.“
„Sie sagen gerne Nein."

Die Apothekerin schielte hoch zum Himmel, wo mittlerweile einige dunkle Wolken zu entdecken waren.
„Nicht unbedingt. Manchmal sage ich auch das Gegenteil von Nein. Aber an Wunder glaube ich schon. Medizinische Wunder kommen immer wieder vor. Oder die Sache mit dem Schutzengel, wenn Menschen schwere Unfälle beinahe unverletzt überleben.“
„Für mich ist es ein Wunder, dass die Menschheit Modern Talking überlebt hat. Ich finde, Wunder stehen nur dann im Widerspruch zu Wissenschaft und Natur, wenn beim Betrachten der Dinge der Faktor Gott nicht berücksichtigt wurde. Schließlich werden alle Dinge im ganzen Universum von dem unsichtbaren Wesen Gottes durchdringt. Haben Sie darüber schon mal nachgedacht: Vielleicht heilt in erster Linie Gott die Menschen und die bunten Pillen aus der Pharmaindustrie dienen Ihm nur als Alibi.“
„Das wäre eine Möglichkeit, den Placebo-Effekt zu erklären“, sagte die Apothekerin und checkte kurz die Uhrzeit auf ihrem Handy.
„Sorry, leider muss ich Ihnen jetzt erklären, dass ich mich sputen muss, meine Bahn fährt bald.“
„Ich will Sie nicht aufhalten. Einen schönen Tag noch, genießen Sie den Feierabend und Danke für die kleine Sprechstunde.“

Intermezzo

Die Liebe! Zwei einsame Herzen finden sich. Von tiefen Gefühlen überwältigt schwört man sich ewige Liebe. Unzertrennlich will man fortan durchs Leben marschieren, dabei weiß man noch nicht einmal, wie der andere seinen Lebensunterhalt finanziert. Frauen sehen der Wahrheit nicht gerne ins Gesicht, wenn das Herz im Spiel ist. Und Männer sehen den Frauen nicht gerne ins Gesicht, wenn er Dinge zurecht biegt. Dass der Mann laufend im Bierkönig einer Dame die ewige Liebe und unverbrüchliche Zuneigung schwört, wird deshalb lieber verschwiegen.

Einige schwören sich keine ewige Liebe, sondern wollen mit der neuen Bekanntschaft nur so schnell wie möglich auf die Matratze, bevor er als Casanova entlarvt wird und sie als arbeitslose Friseuse aus dem Osten.

Aus Liebe zur Familie heben in Italien Katholiken in Krisen kurz das fünfte Gebot auf, um dem verfeindeten Clan eins auszuwischen. Nach der Massenschießerei tritt das Gebot wieder in Kraft, als wäre nichts passiert. Die Weste und das Gewissen bleiben somit rein.

Die Kirche ist eine Institution, wo die Liebe das Thema überhaupt sein sollte, aber durch fatale Fehlentscheidungen sorgte sie in ihrer Geschichte für reichlich Tod und Verderben. Im Mittelalter wäre es nie zu den blutigen Kreuzzügen gekommen, wenn das Glaubensvolk nicht auf einen machthungrigen Scheinheiligen aus dem Katholikenmilieu, auch Papst genannt, gehört hätte, sondern auf Jesus, der den Frieden predigte und sich auch so verhielt. Nur in einem Haus Gottes wurde Jesus mal rabiater, als er Händler aus dem Tempel schmiss. Da Jesus selbst Gott war, hatte er auch das Recht dazu, über diese Geschäftemacher zu richten.

Wohin das führen kann, wenn man sein Vaterland über alles liebt, davon können wir Deutsche ein Liedchen singen. Die Amerikaner, allen voran Präsident Trump, scheinen immer noch nichts aus der Historie gelernt zu haben.

9 3/4 Wochen später

Auf der Hauptstraße herrschte am frühen Nachmittag reges Verkehrsaufkommen und Radfahrern wurde übel mitgespielt. Max schaute nach hinten und streckte den Arm aus. Dann bog er links in die Nebenstraße ab, um so der Falle zu entkommen. Diese Woche erfuhr er durch Lucys jüngeren Bruder Michael Neuigkeiten von seiner ehemaligen Flamme. Bei Lucy herrschte auch Verkehr. Ob reger, konnte Max nicht beurteilen, aber sie hatte sich immerhin vom evangelischen Pfarrer schwängern lassen. Dieser schwor bei Gott, die Schlange hätte ihn verführt. Lucy hingegen behauptete, der Teufel hat sie überwältigt und flachgelegt.

Max dachte darüber nach, welche Version mehr der Wahrheit entsprach, aber er kam zu keinem überzeugenden Ergebnis. Flunkern und Tricksen tut einfach jeder mal, deshalb ist niemand gut außer Gott. Dies wurde ihm irgendwann bewusst. Max hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, dass Katja gar keinen Freund hatte, sondern sie hat sich nur ihm gegenüber etwas widerspenstig verhalten und sich einen kleinen Scherz erlaubt, um seine Entschlossenheit, sie zu erobern, auf die Probe zu stellen. Könnte sein. Aber Max glaubte ihr, dass sie in festen Händen war. Davon ging er aus.

Auf der Nebenstraße war es deutlich ruhiger und Max radelte gemütlich weiter. Auf der rechten Seite kam gleich die Sonnen-Apotheke, auf der linken die Bäckerei. Der Deutsche liebt kerniges Brot. Ja, das tut er. Darüber hinaus liebt der Deutsche würziges Bier und die Raserei auf der Autobahn. Nach dieser Jagd entspannt er sich daheim vor dem Fernseher bei einem Krimi mit weiteren Gläsern würzigem Bier. Die BILD kauft er nur, um beruhigt festzustellen, dass andere noch wesentlich schlimmer sind als man selbst. Zweimal im Jahr fliegt er nach Mallorca, aber nur des Wetters und des Bierkönigs wegen. Außerdem gibt es an jeder Ecke Bratwurst und die BILD.

Dem Wohlstand verdankt der Deutsche seiner starken Wirtschaft mit ihrer famosen Rüstungsindustrie. Deutsche Waffen erfreuen sich weltweit größter Beliebtheit bei Partnern als auch bei Nichtpartnern, wobei oft nicht ganz klar ist, wer Partner und wer Gegner ist, nicht erst seit Erdogan an der Macht ist. Der Deutsche liebt Vereine und gemütliche Kneipen mit Sky. Wütend wird er bei einem miserablen Fußballspiel. Dieser Frust entlädt sich meist erst Tage später an einem defekten Leergutautomaten.

Max warf einen Blick in die Apotheke, aber sie war menschenleer, weder Mitarbeiter noch Kunden waren drinnen zu sehen. Seit seinem ersten Gespräch mit Katja Katzig war Max noch für ein paar Stippvisiten in der Apotheke gewesen und nur ein einziges Mal stand er Katja gegenüber. Über ein „Geht‘s gut?“ mit knapper Bejahung ging das Gespräch nicht hinaus. Max wollte sie nicht von der Arbeit mit privaten Gesprächen abhalten. Dies war nun bereits über einen Monat her. Letzte Woche hatte er das Pech, von der Chefin persönlich bedient zu werden. Die gruselige Optik von Olga Dimitrova brachte Max komplett aus der Spur, sodass er am Schluss vergaß, sich die neue Apotheken-Umschau geben zu lassen.

Max blickte nach links und nahm gerade noch wahr, wie Katja in die Bäckerei huschte. War das Zufall? Für Max war Zufall ein Synonym für die hervorragende Regie Gottes, also nutzte er seine Chance. Er stellte sein Rad an der Apotheke ab und überquerte im Eiltempo die Straße. Eine Kundin verließ im Moment die Bäckerei, als Max sie betrat. Katja registrierte ihn nicht, sie war mit dem Begutachten des Angebotes beschäftigt. Da Katja allein an der Verkaufstheke stand, war sie an der Reihe.

„Dies da, das runde Teilchen dort ...“, verlangte sie von der Verkäuferin und zeigte mit dem Finger auf eine kulinarische Verführung.
Max stellte sich hinter sie und meinte ganz trocken: „Das gibt‘s nur auf Rezept.“
„Huh!“ Sie hatte sich leicht erschreckt und drehte sich um. „Sie sind‘s!“
„Die mit Rosinen gemästete Rheinische Marzipanschnecke ist verschreibungspflichtig, der Glukoseanteil ist zu hoch“, witzelte Max.
„Eine Rheinische Marzipanschnecke. Den Namen muss ich mir merken.“
Sie wandte sich wieder der Verkäuferin zu. „Packen Sie‘s bitte ein.“
„To go also“, mischte sich Max wieder ein. „Wohl das Lunchpaket?“
„Haben Sie noch einen Wunsch?“, nuschelte die Verkäuferin. Die Apothekerin negierte dies und bezahlte. Die Tüte mit der Schnecke verschwand in ihrer Tasche. Max hatte sich unterdessen an einen Stehtisch begeben und musste seine Vermutung loswerden. „Fachbegriffe aus dem lokalen Bäckereiwesen scheinen Ihnen nicht geläufig zu sein, Frau Apothekerin. Das müssen wir noch üben.“

„Aber nicht heute.“ Sie gesellte sich zu Max und damit stieg die Anzahl der Gäste im Café auf zwei.
„Gesund ist die Schnecke kaum“, mahnte Max, „das wissen Sie ja.“
„Ich weiß. Aber sie schmeckt vorzüglich.“
„Warum verhalten sich Menschen laufend wider besseres Wissen?“, wollte Max von ihr wissen.
„Gute Frage, die einem Experten gestellt werden müsste.“
Max massierte kurz sein Kinn. „Wen meinen Sie damit?“
„Einen Seelendoktor, der keinen Hang zur Schizophrenie hat.“
„Gibt‘s den überhaupt?“
Sie blieb stumm, sah Max schmunzelnd an und zog einmal kurz die Schultern hoch.
„Darf ich die Medikamentenexpertin zu einem Käffchen einladen? Oder sind Sie dagegen allergisch?“
„Gerne. Klingt gut!“

Als die zwei Gläser Milchkaffee ihren Platz auf dem Stehtisch fanden, ergriff Max wieder das Wort.
„Früher Feierabend heute?“
„Ja, hab kürzlich paar Überstunden geleistet, deswegen hab ich heut früher frei.“
„Ah so. Ja, Menschen verhalten sich ab und zu recht seltsam und widersprüchlich in ihrem Leben. Finden Sie nicht auch?“
„Ich kenne das“, stimmte sie zu. „Menschen mit vernachlässigter Gesundheitspflege gibt man nützliche Tipps, die dann doch nicht befolgt werden. Einige brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie kein hohes Alter erreichen.“
„Werden weiterhin waghalsige Videos gedreht, erwartet einigen Youtubern ebenfalls kein langes Leben.“
„Ja, traurig. Was glauben Sie? Was erwarten Menschen vom Leben? Doch keinen frühen Tod?“

Bevor Max dazu was äußerte, nahm er einen Schluck aus seinem Glas.
„Hm, lecker. Keine Ahnung. Eine Erwartungshaltung ist für mich irgendwie was Passives. Ich würde es so formulieren: Was machen Menschen aus ihrem Leben? Welche Ziele haben sie? Welche Prinzipien? Welches Leitbild? Wenn mir jemand diese Fragen beantwortet, kann ich mir ein gutes Bild von der Person machen. Ich zum Beispiel orientiere mich an den Prinzipien der Bibel und Jesus ist mein Leitbild.“
„Ich erinnere mich noch ganz gut an unser erstes Gespräch draußen vor der Apotheke. Ist schon ein Weilchen her, ich weiß. Danach verspürte ich innerlich einen Drang, mich mit dem Thema Gott näher zu beschäftigen und habe unter anderem das Neue Testament durchforscht. Es ist fantastisch, diese frohe Botschaft. Mittlerweile bin ich ein Fan von Gott.“
„Ein Fan von Gott, das gefällt mir“, lobte Max. „Trotzdem werden Sie nicht alles verstanden haben.“
„Richtig, vieles habe ich nicht verstanden, aber mir wurde bald klar, worum es im Kern geht.“
„Und? Worum geht‘s?“
„Um das menschliche Fehlverhalten gegenüber Gott und die dadurch notwendig gewordene Vergebung und Versöhnung.“
„Vergebung und Versöhnung, das ist wahre Liebe“, fand Max und gratulierte.
„Bravo! Ich versteh übrigens auch nicht alles, was in der Heiligen Schrift steht, besonders im Alten Testament. Aber es geht nicht darum, alles zu verstehen. Es gibt Schriftgelehrte, die meinen, oder sagen wir, die glauben, alles verstanden zu haben und darauf gründet sich ihre persönliche Bibelauslegung. Das hat was Besserwisserisches. Wenn solch ein religiöser Neunmalklug eine Kirche oder eine Glaubensgemeinschaft gründet, ist oft ein Sektencharakter unverkennbar. Nimmt man allgemein Bibellehrer unter die Lupe, zeigt sich mitunter ein krasser Widerspruch zwischen ihren Worten und ihrem Handeln. Wenn sich zum Beispiel herausstellen sollte, dass sie mehr den Wohlstand lieben als Gott. Hier benötigt man Einblicke in ihr alltägliches Leben, ob sich der christliche Glaube dort überhaupt widerspiegelt.
Erzählen können die alle gut, das erinnert mich immer an die sprachgewandte Schlange. Etwas verschweigen und etwas hinzudichten, und schon wird aus der Wahrheit eine gefährliche Halbwahrheit. Dem Wort Gottes darf nichts hinzugefügt oder weggelassen werden. Auch wenn‘s nur Kleinigkeiten sind, aber daran erkennt man Irrlehrer. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Da muss man höllisch aufpassen. Um eine Lüge zu entlarven, muss man die Wahrheit ganz genau kennen. Die beste Investition überhaupt ist, Zeit mit Gebet zu verbringen. Und Zeit mit der Heiligen Schrift. Für diejenigen, die daran glauben, ist der Lohn ein All-inclusive-Urlaub im himmlischen Paradies bis in alle Ewigkeit. Ohne Krieg, ohne Terror, ohne Naturkatastrophen.“

Max widmete sich kurz dem Kaffee, bis er wieder anfing.
„Mögen Sie Bücher?“
„Ja, ich mag Bücher. Habe schon viele gute Sachen gelesen.“
„Auch hier muss man vorsichtig sein. Der Volksmund spricht allgemein immer von einem guten Buch, und ich kann nicht leugnen, dass manche Bücher einen hohen Unterhaltungswert aufweisen, aber eigentlich gibt kein gutes Buch außer der Bibel. Dieses Buch ist die Wahrheit und jedes andere literarische Werk, welches nicht im Einklang mit ihrem Weltbild und ihrer Botschaft steht, ist vom Bösen. In diesen Büchern hat sich die hinterlistige Schlange eingeschlichen, die versucht, Menschen mit ihren Lügen zu beeinflussen und sie von der Wahrheit abbringen. Mein Tipp lautet deshalb immer: Wer sich für das Wort Gottes interessiert, dann bitte nur zum Original greifen. Die Bibel ist perfekt. Sie wurde zwar von Menschen geschrieben, aber unter der vollen Kontrolle von Gott. Gott ist makellos und macht keine Fehler. Wer ist schon perfekt außer Gott?“
„Stimmt“, sagte Katja, „Ist es aber nicht das Unperfekte, dass uns Menschen einzigartig macht?“
„Natürlich“, erwiderte Max. „Niemand ist fehlerfrei. Und wer schlau und einsichtig ist, der lernt aus seinen Fehlern und schiebt sie nicht anderen in die Schuhe. Gott ist genial und macht alles richtig. Gott kann alles, nur sterben und lügen nicht.“
„Dann kann er ja nicht alles, oder?“
„Natürlich muss man die Frage, ob Gott sterben oder lügen kann, mit Nein beantworten, aber die Frage ist falsch gestellt. Die Lüge geht auf das Konto der Schlange. Den Tod gibt es erst, seit Adam und Eva von den verbotenen Früchten genascht hatten, weil sie der Schlange und nicht Gott geglaubt hatten. An diesem Verhalten hat sich bis heute bei den meisten Menschen nicht groß was geändert.“
„Wie müsste man die Frage formulieren?“
„Kann Gott ewig existieren, ohne dabei ein einziges Mal zu lügen?“

„Ja, die Lüge“, meinte Katja. „Kunden gegenüber kann ich mir keine Lügen erlauben. Bei undurchsichtigen Personen mit indiskreten Fragen halte ich in meinem Privatleben Flunkern für nicht verkehrt. Diese Leute haben gar kein Anrecht auf die Wahrheit.“
„Undurchsichtige Personen“, sagte Max, „da spann ich gleich den Bogen zum Papst. Was treibt der alles in seinem verschlossenen Vatikan? Und ist der Papst wirklich ein würdiger Stellvertreter Jesus auf Erden? Kommt er seinem Wesen her dem von Jesus gleich? Besitzt er den Heiligen Geist? Das ist nämlich der Stoff, aus dem die wahren Helden sind, die Sterne Gottes. Wir Menschen sind das Abbild Gottes, Ihm ähnlich. Aber in diesen Tagen entfernen sich die Menschen immer von diesem Abbild, weil sie mit ihrem Schöpfer und seinen Geboten nichts zu tun haben wollen und lieber das machen, wo sie Bock drauf haben. Das geht leider auf die Dauer in die Hose. Es hat schlimme Konsequenzen, schließlich ist Gott auch Richter. Die Spaßgesellschaft verdrängt die Sinnfrage. Die Sinnfindung ist die ursprünglichste Form der Selbstverwirklichung. Wer hat sich noch nicht den Kopf über die Frage nach dem Sinn des Lebens zerbrochen? Es ist das Thema überhaupt bei Menschen in Not. Dabei ist es so einfach. Man muss sich nur mit dem richtigen Buch beschäftigen. Gott über alles zu lieben ist der Sinn des Lebens. Wer Gott aufrichtig liebt, hält auch seine Gebote.“
„Ja, die Liebe“, seufzte sie.

Max erzählte weiter. „Jeder definiert Liebe anders. Für mich gilt: Ein Gläubiger, der laufend tut, was Gott missfällt, liebt nicht wirklich Gott. Oder ein Patriot, der Steuern hinterzieht, liebt nicht wirklich sein Land. Und ein Ehemann, der mit einer anderen Frau eine Affäre anfängt, liebt nicht wirklich seine Gattin.“
„Da sagen Sie was ...“, flüsterte sie.
„Gott ist der beste und zuverlässigste Freund, den man sich nur wünschen kann. Was gibt es Schöneres, als den Big Boss zum Freund zu haben?“
Sie nickte. „Ich bin gerade dabei, eine persönliche Beziehung zu Gott aufzubauen.“
„Super!“, freute sich Max. „Und Ihr irdischer Boss? Chefin okay? Wie arbeitet es sich so unter dem Kommando von Frau Dimitrova? Spucken Sie‘s aus, ich petz auch nicht.“
„Ja doch, sie ist in Ordnung, solange sie keine Entscheidungen trifft.“
Ein Lachen schob sich in Maxes Gesicht.
„Hat Frau Apothekerin einen Sinn für Humor? Machen wir einen kleinen Test. Also ... mal gucken ...“, und Max überlegte einen Moment. „Das ist gut. Ist der versehentliche Verzehr des Beipackzettels unbedenklich?“
Das „Jaaaaaaaa“, zog sich hin und nach einer kurzen Denkpause und ging sie ins Detail. „Aber nur vor den Mahlzeiten.“

„Na dann guten Appetit. Ich verrate Ihnen etwas. Ich weiß nicht, an wie vielen weiblichen Geschöpfen ich Appetit gefunden habe, aber ich kann Ihnen versichern, Sie waren die Einzige in den letzten zwei Jahren, die ich um ein Date gebeten habe.“
„Soso ...“
„Mein Ziel ist keineswegs wie ein Scheich aus dem Orient zu leben, mit einer Karawane aus verschleierten Frauen, die er alle paar Stunden nachzählt, ob noch alle da sind.“
„Stellen Sie sich mal vor, er hätte plötzlich eine zu viel?“
„Dann wird‘s eine Novizin sein, die sich das mit dem Orden noch mal anders überlegt hat.“

Als beide mit dem Lachen fertig waren, plauderte Max weiter.
„Ja, Sie haben Humor wie Gott. In diesem Punkt sind Sie Ihm schon mal ähnlich. Vielleicht stelle ich noch mehr Gemeinsamkeiten fest, vielleicht bei einem kleinen Date. Wenn zwei Menschen sich verabreden, heißt das noch nicht automatisch, dass dies der Anfang einer großen Liebe ist.“
„Vielleicht wäre es der Anfang einer langen Fehde?“, mutmaßte die Apothekerin skeptisch.
„Der wunde Punkt beim Mann ist meistens sein Stolz und bei euch Frauen ist es die Eitelkeit. Egal, wie es zum Streit gekommen wäre, wir hätten die Fehde mit einem Fechtduell aus der Welt schaffen können. An einem Sonntag zur Morgendämmerung am Flussufer. Sie mit dem Äskulapstab und ich mit der Luftpumpe. Aber das lassen wir doch besser.“
„Ja, das lassen wir besser.“
„Heute habe ich schon oft ein Ja von Ihnen gehört.“
„Ja, das stimmt“, kicherte sie. „Steckt sogar in meinem Vornamen.“
„Ich weiß, wie Sie heißen. Katja Katzig. So steht‘s groß im Internet. Darf ich Katja sagen?“
„Sie gehen aber ran!“, posaunte sie. „Ja, in Ordnung. Und wie dürfte ich nun sagen?“
„Die Katja darf jetzt Max zum Max sagen.“

Katja reichte ihm die Hand und Max drückte sie sanft mit seiner rechten.
„Ja, im Internet finden sich nützliche Informationen zu Personen“, bestätigte Katja.
„Find ich auch, vorausgesetzt sie sind nicht erfunden. Nicht erst seit Axel Springers BILD geht es um den Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Gut und Böse, in dieser Weltzeit. Noch was. Durch ihre Kommentare verraten sich endlich die Komiker dieser Welt. Bei Donald Trump wusste ich es schon vorher und bei meiner Friseuse hat sich mein Verdacht bestätigt. Donald Trump hatte die Chance, Abertausende Menschen aus der Dritten Welt vor dem Hungerstod zu retten, stattdessen verpulverte er ein Großteil seines Vermögen beim Wahlkampf.“
„Hat nicht jeder eine zweite Chance verdient? Vielleicht besinnt er sich eines Tages und wird zu einer Mutter Theresa bei dieser humanen Katastrophe. Die finanziellen Mittel hätte er.“
„Glaub ich weniger, sein Ego lässt das nicht zu. Er strebt nach Macht, will höher und höher. Ich geh davon aus, eines Tages setzt sich dieser Macho in eine Kirche und hält sich für Gott.“
„Und was würde danach passieren?“
„Dann käme der ganz, ganz tiefe Fall ...“

Nachdenklich leerten die beiden die Gläser. Da das Wetter so schön war, schlug Max vor, nach draußen zu gehen und das Licht der Sonne zu genießen. Katja fand den Vorschlag super und Max beglich eben schnell die Rechnung.
Als die zwei unterm freien Himmel waren, flog eine Taube über ihre Köpfe und ihr Geschäft verfehlte die beiden knapp. Gemeinsam gingen sie über die Straße zur Apotheke, wo auch Katjas Rad stand.

„Wenn Tauben dich aus der Luft bescheißen ...“
„Und?“ Katja war neugierig. „Wie geht‘s weiter?“
„Nimm‘s nicht persönlich, es hat nicht viel zu heißen.“
„Hey, das reimt sich. Von dir?“
Max nickte. „Ist ein Hobby von mir. Aber wenn Freunde dich um Geld bescheißen, solltest du den Bund besser zerreißen.“
„Oh Max, ich liebe deine Sprüche, besonders solche weisen.“
„Danke Katja, ich muss auch ein Kompliment loswerden. Ich kenne deinen Freund nicht, aber der Kerl hat einen ausgezeichneten Geschmack, was Frauen betrifft.“
„Er hatte“, korrigierte Katja schmunzelnd und nestelte mit einer Hand in ihrem langem Haar, das ihrem hübschen Gesicht einen würdigen Rahmen verlieh.
„Er hatte?“ Max wunderte sich. „Wie soll ich das verstehen?“
„Er hat mich vor Kurzem wegen einer anderen verlassen“, verriet sie ihm und fing an, zu lachen.
„Dafür sind ... bist du aber in äußerst prima Stimmung.“
Max war durcheinander, verstand die Welt nicht mehr und kratzte sich am Kopf. „Bist du auf Droge?“
„Ja klar, was denkst du denn! Ich sitz doch an der Quelle“, scherzte sie. „Naja, weil ...“
„Weil was?“ Max war ganz gespannt.
„Naja weil ...“, sagte der blonde Engel, „jetzt klappt‘s ja wohl doch noch mit der kleinen Radtour.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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