Anja Pompowski

Der dreibeinige Hund


 

Erst der Staubsauger, dann die Waschmaschine und nun ging auch noch der Fernseher kaputt. Lydia war verzweifelt. Ihr Dispositionskredit war fast ausgeschöpft, und es war erst Mitte des Monats.

 

Irgendwann, wusste Lydia, würde sie einen Bestseller schreiben. Die Bücher, die sie bisher veröffentlicht hatte, waren jedoch alles andere als erfolgreich. Dennoch, das Schreiben war ihre Berufung, und früher oder später würde ihr schon noch der große Durchbruch gelingen. Um sich bis dahin über Wasser zu halten, verkaufte sie auf Wochenmärkten Unterwäsche. Schlüpfer, die sie selbst garantiert nie tragen würde. Außerdem erteilte sie Marvin, einem Siebtklässler aus der Nachbarschaft, Nachhilfeunterricht in Deutsch und Englisch, was allerdings wenig Sinn machte. Der Junge gehörte einfach nicht aufs Gymnasium; aber das würde Lydia den ehrgeizigen Eltern natürlich niemals verraten.

 

Momentan reichte das Geld jedenfalls vorne und hinten nicht, sie brauchte dringend noch eine oder besser gleich zwei Nebentätigkeiten. Lydia suchte im Internet nach Stellenangeboten in ihrer Nähe. Babysitten war kein schlechter Job, fand sie, und es wurde meistens auch ganz gut bezahlt, aber solche Tätigkeiten waren nicht leicht zu bekommen. Putzhilfen wurden gesucht wie Sand am Meer. Putzen?, überlegte sie. Ich hasse putzen. Direkt fiel ihr ein, dass sie diese Woche Flurdienst hatte… Und dann stach ihr diese Anzeige ins Auge:

 

„Suche kurzfristig Urlaubsbetreuung für meinen mittelgroßen Mischlingshund.“

 

Das hört sich doch super an, dachte Lydia, die Tiere liebte. Kurz entschlossen griff sie zum Hörer. Schnell war sie sich mit der Besitzerin des Tieres einig. Für zwei Wochen Hundesitting sollte sie zweihundertfünfzig Euro bekommen. Leicht verdientes Geld, fand sie.

 

Schon am kommenden Wochenende wurde Bruno samt Zubehör und Futter gebracht. Lydia mochte den Hund auf Anhieb. Dies schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn der Mischling wich vom ersten Moment an nicht von ihrer Seite. Der Hund hatte nur drei Beine, kam damit aber offenbar recht gut zurecht.

 

„Bruno ist ein ehemaliger Streuner aus Rumänien“, erklärte sein Frauchen. „Er ist dort von Tierschützern schwer verletzt in einem Straßengraben gefunden worden. Offenbar wurde er angefahren. Das rechte Vorderbein musste amputiert werden. Ansonsten hat er zum Glück keine bleibenden Schäden davongetragen.“

 

„Du armer Kerl“, sagte Lydia zu dem Hund und streichelte ihm das Köpfchen. Sein trauriges Schicksal berührte sie sehr.

 

Lydia versprach, sich gut um Bruno zu kümmern, und sein Frauchen meinte, daran hege sie keinen Zweifel.

 

Schnell stellte sich aber heraus, dass der Mischling doch nicht ganz so unkompliziert war, wie vermutet.

 

Eigentlich hatte Lydia sich vorgenommen, dem Hund aus hygienischen Gründen den Zutritt in ihr Schlafzimmer zu verwehren. Sie konnte nicht verstehen, dass es Leute gibt, die ihre Tiere sogar in ihrem Bett schlafen lassen. Ihr schüttelte es bei dem Gedanken, sich nachts in eine vollgehaarte Decke zu kuscheln. Außerdem riecht so ein Hund ja auch mehr oder weniger streng. An Flöhe oder Zecken wollte sie gar nicht erst denken. Igitt!

 

In der ersten Nacht jaulte Bruno vor Lydias Schlafzimmertür herzzerreißend. Als er dann auch noch anfing, an der Tür zu kratzen, ließ sie ihn schließlich hinein, denn sie wollte keinen Ärger mit ihrem Vermieter. So schlimm ist es ja auch wieder nicht, wenn das Tier neben meinem Bett schläft, überlegte sie und stellte sein Körbchen ins Schlafzimmer. Nun war endlich Ruhe und Lydia schlief bald ein. Sie träumte von einer heißen Liebesnacht mit diesem attraktiven Schauspieler. Wie hieß er noch gleich? Ihr fiel sein Name nicht ein. Ach ja, George Clooney. Er küsste sie leidenschaftlich. Aber …, Moment, irgendwas stimmt da nicht, dachte sie. Was macht denn George mit seiner Zunge in meinem Ohr? Entsetzt schlug Lydia die Augen auf und blickte in Brunos dunkelbraune Knopfaugen. Im nächsten Moment leckte er ihr quer durchs Gesicht. „Pfuiii!!!“, schrie sie und drehte rasch den Kopf zur Seite. Der Mischling sprang vom Bett, lief in den Flur und kam mit seiner Leine im Maul schwanzwedelnd zurück. Offenbar muss er raus, folgerte Lydia. Sie blickte auf den Wecker. Drei Uhr fünfundvierzig. Na super! Sie versuchte, den Hund wieder ins Bett zu locken. Sollte er ruhig die Decke verschmutzen, ihretwegen sogar das Kopfkissen, wenn sie nur noch zwei, drei Stündchen schlafen könnte. Aber Bruno war erbarmungslos. Lydia seufzte, stand auf und zog sich kurzerhand einen langen Mantel über den Schlafanzug. Ich gehe ja nur rasch mit ihm vor die Tür, dachte sie. Um diese Uhrzeit ist sowieso noch niemand unterwegs, der mich sehen könnte. Bruno hatte da wohl andere Pläne, denn er machte keine Anstalten, sein Beinchen zu heben, sondern zerrte sie immer weiter, bis zu dem kleinen Wäldchen am Ende der Siedlung. Wahrscheinlich ist es der Hund gewöhnt, nur an Bäume zu pinkeln, überlegte Lydia. Unterwegs kam ihnen der Zeitungsbote entgegen, der grinsend grüßte. Soll der doch denken, was er will, dachte sie. Den sehe ich sowieso nie wieder. Lydia irrte, denn auch in den folgenden Tagen weckte der Rüde sie zu solch unchristlicher Zeit auf dieselbe Weise. Ab dem vierten Tag stellte sie sich ihren Wecker auf halb vier, um sich der feuchten Hundezunge nicht mehr aussetzten zu müssen.

 

Als Lydia Bruno zum ersten Mal für ein paar Stunden alleine ließ, um in der Fußgängerzone als Bunny verkleidet für eine Telefongesellschaft Flyer zu verteilen, und völlig verschwitzt und fix und fertig die Wohnungstür aufschloss, kam der Hund ihr schwanzwedelnd entgegen. Er freute sich wie verrückt, und Lydia dachte noch, dass sie sich daran gewöhnen könnte, jedes Mal, wenn sie nach Hause käme so begrüßt zu werden. Kaum war sie jedoch im Flur, bekam sie einen Riesenschreck, denn der Rüde hatte die Wohnung regelrecht „auf links gedreht“. Lydias Schuhregal war komplett abgeräumt, alle Schuhe lagen in der Wohnung verteilt, die abgebissenen Schnürsenkel daneben. Ein paar Topfpflanzen hatte Bruno von der Fensterbank geworfen, die Vorhänge im Wohnzimmer heruntergerissen und an die Yuccapalme gepieselt. Zwei Dekokissen waren aufgerissen, die Füllwatte herausgezupft. Außerdem hatte er den Mülleimer in der Küche entleert und die Essensreste, die sich darin befanden, gefressen. Diese mussten ihm schlecht bekommen sein, denn auf dem Sofa lag Erbrochenes. Im Fernsehen lief Zoo und Co. Ob der Hund das Programm selbst gewählt hatte?

 

Nun fiel Lydias Blick auf etwas Rundes, das unter dem Couchtisch lag. „Oh nein!!!“, rief sie entsetzt und holte den Kopf ihres Teddys hervor, dem nun die Ohren fehlten und ein Auge. Sie hatte den Steiffbären zu ihrem fünften Geburtstag bekommen. Der Bär sah, jedenfalls bis heute morgen, noch immer aus wie neu, denn Lydia behandelte ihre Sachen stets sehr pfleglich. Jetzt wurde sie richtig wütend. „Wo ist dieser verdammte Köter?!“, rief sie laut und drehte sich suchend um. Bruno stand direkt hinter ihr, legte den Kopf schief und sah sie fragend an. Er hatte keinen Schimmer, was er falsch gemacht haben könnte.

 

Es klingelte an der Tür. Herr Hartmann, der Hausmeister, beschwerte sich, dass aus Lydias Wohnung den ganzen Nachmittag über lautes Bellen und Jaulen zu hören gewesen sei. „Hundehaltung ist im Übrigen laut Mietvertrag verboten“, belehrte er sie. Lydia entschuldigte sich und erklärte, der Mischling bliebe nur für ein paar Tage, er gehöre einer Freundin, die verreist sei. „Ich werde dafür sorgen, dass er sich künftig ruhig verhält“, versicherte sie und hoffte, dass der Hausmeister ihr nicht ansah, dass sie selbst daran zweifelte. Am Ende wird mir wegen der Töle noch die Wohnung gekündigt, dachte sie. Ich bin ja ohnehin schon wieder mit einer Monatsmiete in Rückstand. Sie hoffte, dass die zwei Wochen schnell umgehen würden.

 

Lydia vermied es nun, Bruno allein zu Hause zu lassen. Musste sie Besorgungen machen, nahm sie ihn mit. Wenn das nicht ging, ließ sie ihn im Auto, wo er sich merkwürdiger Weise immer ruhig verhielt und auch keinen Schaden anrichtete.
 

Auch zum Markt kam der Hund mit. Als Lydia gerade mit einer älteren Dame in einem Verkaufsgespräch über Büstenhalter in Größe DD vertieft war und nicht mitbekam, dass währenddessen ein älterer Herr eine dreier Packung weißer Feinrippunterhosen in seine Einkaufstasche verschwinden ließ, knurrte Bruno böse und fletschte die Zähne, woraufhin der Mann das Diebesgut hastig zurücklegte und davoneilte.

 

Schnell gingen die vierzehn Tage vorbei, und einerseits war Lydia froh darüber, wieder ausschlafen zu können, nicht mehr bei Wind und Wetter raus zu müssen, ja, insgesamt uneingeschränkt ihr altes, gewohntes Leben führen zu können. Andererseits hatte sie sich ein wenig an den Hund gewöhnt. Sie genoss es regelrecht, wenn er sich nachts an sie kuschelte, was sie sich früher nie hätte vorstellen können. Außerdem fühlte sie sich nicht mehr so allein, denn Lydia hatte, wie viele Schriftsteller, wenig soziale Kontakt. Die langen Spaziergänge mit Bruno im Wald inspirierten sie, und sie war in kurzer Zeit mit dem Schreiben an ihrem neuen Buch ein ganzes Stück weitergekommen.

 

Dann kam der Tag, an dem der Mischling abgeholt werden sollte. Gegen Mittag, wie Lydia mit seiner Besitzerin vereinbart hatte.

 

Am späten Abend war die Dame noch immer nicht erschienen, und Lydia wählte die Telefonnummer, die sie ihr hinterlassen hatte. Doch wie sich herausstellte, war die Rufnummer laut automatischer Ansage nicht bekannt. Lydia war verwirrt. Wahrscheinlich ist da ein Zahlendreher drin, vermutete sie. Aber warum meldet Brunos Frauchen sich nicht bei mir? Sie hat doch meine Nummer… Und wenn sie den Hund nun gar nicht abholt? Vielleicht hat sie mir absichtlich die falsche Telefonnummer gegeben. Sie hatte sich mit „Frau Meier“ vorgestellt. Meier, wie zigtausend andere Leute auch heißen. Nach ihrer Adresse hatte Lydia die Hundebesitzerin dummerweise nicht gefragt. Aber wahrscheinlich hätte sie mir ohnehin eine falsche Anschrift genannt, dachte sie. Wer weiß, ob die Frau überhaupt Meier heißt. Sie blickte zu Bruno hinüber, der total entspannt auf dem Sofa lag und leise schnarchte. Ich kann den Hund beim besten Willen nicht behalten, komme mit meinem Geld ja ohnehin kaum über die Runden. Wovon soll ich auch noch Hundesteuern, Tierarztkosten, Futter und wer weiß was noch alles bezahlen?

 

Das Hundefutter ging zu neige. Lydia kaufte drei Kilo Trockenfutter und entschied, wenn auch das aufgebraucht sei und sich Brunos Frauchen bis dahin noch immer nicht gemeldet hätte, würde sie den Hund ins Tierheim bringen.

 

Und so kam es.

 

Auf dem Weg ins Tierheim hatte Lydia einen Kloß im Hals. Ihr war speiübel. Bruno lag nichtsahnend auf der Rückbank und chillte. Ich komme mir so schäbig vor, dachte sie. Eine Tierheimmitarbeiterin erwartete sie bereits, denn Lydia hatte am Tag zuvor dort angerufen und von dem Dilemma berichtet. Es sei kein Problem, versicherte man ihr am Telefon. „Bringen Sie den Hund vorbei, wir werden uns bemühen, ein schönes Zuhause für ihn zu finden.“

 

Als die Tierheimmitarbeiterin Bruno aber nun sah, zog sie ihre Stirn kraus. „Dass der Rüde nur drei Beine hat, haben Sie gar nicht erwähnt.“

 

„Ach so“, entgegnete Lydia. „Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.“

 

„Na ja, durch diese nicht unerhebliche Behinderung verringern sich die Vermittlungschancen natürlich erheblich. Um ehrlich zu sein, gehe ich sogar davon aus, dass diesen Hund wahrscheinlich niemand haben möchte.“

 

Lydia war entsetzt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Bruno kam in einen Zwinger, und als die Tür seines Käfigs geschlossen wurde, sah er Lydia fragend an. Diese hatte Tränen in den Augen. Reiß dich zusammen, sagte sie sich. Sie wollte die Sache jetzt ganz schnell hinter sich bringen, verabschiedete sich rasch von der Tierheimmitarbeiterin und eilte, ohne sich noch ein letztes Mal nach dem Hund umzuschauen, Richtung Ausgang.

 

Bruno jaulte. Jämmerlich jaulte er. Logisch, er kann ja nicht allein bleiben, dachte sie. Er muss sich daran gewöhnen, ist wohl für längere Zeit allein.

Vielleicht sogar für immer …

 

Jetzt war Lydia am Auto angekommen, öffnete die Wagentür, stieg ein, schnallte sich an, drehte den Zündschlüssel um, legte den Rückwärtsgang ein. Sie wollte losfahren. Schnell weg hier… Aber sie konnte nicht. Wie erstarrt saß sie im Auto und hörte Bruno jaulen. Sie zitterte, konnte nicht schlucken, so groß war der Kloß in ihrem Hals. Lydia schluchzte laut, und Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Oh, Gott! Sie legte die Hände auf ihre Ohren, um den Hund nicht mehr hören zu müssen. Aber es nützte nichts, sie hörte ihn trotzdem, und sie wusste, sie würde ihn auch später noch hören, wenn sie zu Hause war und in ihrem Bett lag, allein, ohne Bruno. Und sie würde ihn auch morgen noch jaulen hören und übermorgen …

 

Lydia hatte keine Wahl, sie stieg aus dem Wagen aus, schlug die Tür zu und lief zurück zum Tierheim. Unterwegs überschlugen sich ihre Gedanken. Irgendwie muss ich das hinkriegen. Ich suche mir einfach eine billigere, kleine Wohnung, irgendwo am Stadtrand, wo Haustiere erlaubt sind. Ich könnte Zeitungen austragen, muss ja ohnehin in aller Herrgottsfrühe mit Bruno raus. Dass ich da nicht sowieso schon früher drauf gekommen bin... Und außerdem wird mein nächstes Buch garantiert ein Bestseller; eines, das alle begeistern wird. Den Titel weiß ich schon: Der dreibeinige Hund.

 

Als Lydia die Eingangstür erreicht hatte, war sie sich sicher, dass sie das Richtige tat. Das einzig Richtige. Jetzt weinte sie nicht mehr. Sie fühlte sich unendlich erleichtert. Die Tierheimmitarbeiterin ließ sie hinein und sagte: „Sie werden es nicht bereuen.“

 

„Ich weiß“, antwortete Lydia.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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