Wolfgang Küssner

Alles Lüge! Alles Lüge - oder was?

Vergroeßerte Pupillen, Meidung von Blickkontakt, starrer Blick, Verdrehen der Augen, häufigeres Blinzeln, verschränkte Arme, übersteigerter Ausdruck, Kratzen an der Nase, Auswärtsdrehen der Handflächen, Lecken der Lippen, Roetung des Gesichts, unpassendes Lächeln, Auseinanderklaffen von Mimik und Wort, zoegerliche Aussprache, hohe Tonlage, Abweichen vom sonst gewohnten Sprachmuster und ein paar weitere Handlungen, Gesten, koennen Anzeichen für eine gerade vom Gegenüber gehoerte Lüge sein. Koennen wohlbemerkt darauf deuten, müssen es aber nicht. Doch was ist eine Lüge?

Ein arbeitsloser Schuster namens Wilhelm Voigt gab sich am 16. Oktober 1906 als Hauptmann aus; besetzte mit einem Trupp nicht im Denken geschulter, ergebener Soldaten das Rathaus der Stadt; verhaftete einfach den Bürgermeister und ließ sich die Stadtkasse aushändigen. Ein gelungener Coup. Das ganze ereignete sich in Coepenick – damals noch bei Berlin - und diente Carl Zuckmayer als Vorlage zu seiner Komoedie „Der Hauptmann von Koepenick.“ Lüge? Oder Koepenickiade?

Hein fuhr viele, viele Jahre zur See. Jedesmal wenn sein Schiff wieder in Hamburg vor Anker ging, zierte ein neues Tattoo seinen Koerper. Und zu jedem Bild gab es eine kleine Geschichte für seine Susanne. Die neue Meerjungfrau hatte er sich in Montego Bay stechen und gleich neben dem Rumfaß auf dem linken Oberarm platzieren lassen. Denn als er eines morgens über die Reling sah, schwamm sie gerade Backbord und bat ihn, sie mit nach Europa zu nehmen. Er holte die Nixe mit dem Kescher aus dem Wasser und in seiner Kajüte tranken beide dann zur Freude und Begrüßung kräftig vom guten Jamaika-Rum. Sie war in Sachen Rum offensichtlich geübt und konnte gut mit ihrem Retter Hein mithalten. Und so durfte ihr Bild den Platz neben dem Faß auf seinem Arm belegen. Lüge? Oder Seemannsgarn?

„Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.“ Diese Worte lesen wir bei Jesaja 7,14. Im Evangelium des Johannes wird vom Besuch Jesus von Nazaret bei einer Hochzeit zu Kana berichtet und wie er Wasser in Wein verwandelt habe. Bei der biblischen Überlieferung vom Auszug aus Ägypten führt Moses das Volk Israel durch das Rote Meer, das sich für diesen Durchmarsch einfach teilt. Bei Matthäus erfahren wir von einer Bootsfahrt der Jünger Jesu auf dem See Genezareth. Als ein Sturm aufkam und die Wellen hochschlugen, sei Jesus zu seinen Jüngern übers Meer gegangen, denn sie fürchteten sich. Diese waren sehr erschrocken, als sie ploetzlich den Wanderer auf dem Wasser sahen, befürchteten gar, einen Geist zu sehen und Jesus mußte sie mit den Worten beruhigen: „Ich bin es; fürchtet euch nicht.“ Lüge? Oder Wundererzählung, Geschichte?

Das Verhältnis zwischen Ost und West ist nicht das Beste. Zwei unterschiedliche Systeme wollen ihre jeweilige Überlegenheit in allen gesellschaftlichen Bereichen demonstrieren. Im Finale eines Langstreckenlaufs stehen nur zwei Läufer, einer aus dem Osten, einer aus dem Westen, am Start. Der aus dem Westen hat dann das Rennen gewonnen und sofort wurde verkündet: „West schlägt Ost ganz eindeutig. Unser Mann gewinnt erwartungsgemäß, während der Vertreter des Ostens Letzter wurde.“ Die Antwort der anderen Seite kam prompt: „Der Repräsentant des Westens wurde bei diesem historischen Rennen Vorletzter, während unser Mann einen sensationellen zweiten Platz erkämpfte. Lüge? Oder Auslegung, Ansichtssache?

Im Februar 2003 erklärte der damalige amerikanische Aussen-Minister Colin Powell gegenüber der UNO, warum die Vereinigten Staaten und Großbritannien seit Oktober 2001 im Irak Krieg führten. Es habe eine wachsende Bedrohung seitens des Irak durch Massenvernichtungswaffen gegeben. Mit Dokumenten, Fotos etc. versuchte Powell, die Weltoeffentlichkeit von der Notwendigkeit dieser Maßnahme zu überzeugen. Die angeblichen Waffen wurden nie gefunden, die Dokumente zeigten alles, nur nicht das zu den Worten Powells Passende. Lüge? Oder Falschaussage, Täuschung?

Als Rotkäppchen das Haus der Großmutter erreichte, hatte der Wolf diese bereits gefressen und es sich in ihrem Bett bequem gemacht. Als Hänsel und Gretel sich im Wald verlaufen hatten und hungrig auf das Haus der Hexe stießen, knusperten sie von der offensichtlich nicht recht stabilen Behausung. Als das kleine Dornroeschen an ihrem fünfzehnten Geburtstag einen Rundgang durch das bescheidene Anwesen unternahm und im Turmzimmer einer Frau beim Spinnen zusah, wollte sie – so neugierig die Goeren nun einmal sind – es auch versuchen, stach sich mit der kleinen spitzen Spindel in den Finger und fiel mit dem gesamten Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf. Und dann erst jene Koenigstochter, die beim Spiel eine Kugel in den Brunnen fallen ließ, zunächst von einem hässlichen Frosch getroestet wurde, der ihr später auch noch einen Kuss abluchste und sich dann als Koenigssohn entpuppte. Lüge? Oder Märchen?

Ein aus Oesterreich stammender Diktator mit den Initialen AH inszenierte 1939 einen Überfall auf den Sender Gleiwitz. Es sollte nach polnischen Tätern aussehen. Er brauchte – längst auf der Karriereleiter in Teutonien oben angekommen – einen Vorwand zum Überfall auf Polen, um den Zweiten Weltkrieg beginnen zu koennen. Unmittelbar nach dem Überfall ließ AH wohl vorbereitet wissen: „Seit 5:45 wird jetzt zurückgeschossen.“ Lüge? Oder Tatsachenverdrehung?

Wir schummeln und mogeln, wir blenden und betrügen, wir verschaukeln und fabulieren, wir fälschen und manipulieren, wir bluffen, schwindeln, flunkern, erzählen Angler- oder Jägerlatein, Münchhausiaden oder Ammenmärchen, betreiben Gaunerei und Unsinn, tricksen mit Entstellungen und Illusionen, üben Arglist und Tücke aus, machen Falschaussagen, greifen zur Notlüge, zur Unwahrheit, machen Erfindungen, praktizieren Bauernfängerei, arbeiten mit Finten, Quatsch, Fiktionen und haben natürlich immer Ausreden parat. Alles Lüge – oder? Da sind so viele Synonyme, Verniedlichungen. Ab wann ist eine Lüge eigentlich eine Lüge?

Es ist gar nicht so leicht oder so einfach, alles andere als ein Spaziergang, Lügen zu erfinden, aufzutischen.? Die Lüge erfordert deutlich mehr Fantasie als die Wahrheit. In „Der ehrliche Lügner: Roman von tausendundeiner Lüge“ läßt der Autor Rafik Schami seinen Protagonisten Sadik verkünden: „Wer glaubwürdig lügen will, muß die Wahrheit dessen, worüber er lügt, genau kennen.“ Und von Martin Luther sind uns die Worte überliefert: “Man braucht sieben Lügen, um eine zu bestätigen.“ Das spricht doch alles für Rafinesse, für Kreativität, Einfallsreichtum beim Lügen – oder - was?

Ein deutsches Sprichwort sagt: „Lügen haben kurze Beine.“ Kommt die Wahrheit dann auf Stelzen daher? Was ist Wahrheit? Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden koennte.

 

September 2016

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Licht und Schatten von Sigrid Fischer



Licht und Schatten - Wege die Schizophrenie zu besiegen

Persönlichkeit und Gedanken von Schizophrenen wirken oft undurchschaubar und verworren auf die Umwelt. Als betroffene möchte ich dem interessierten Leser einblick in meine Seelenwelt und in das ständige auf und ab der Krankheit geben. So lassen mich Stimmungen und Gedanken ständig ins Wanken kommen. Dieses versuchte ich in diesem Buch durch Tagebuchaufzeichnungen und Gedichte wiederzuspiegeln.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Profilachse gegen Amateurheringe von Wolfgang Küssner (Humor)
Wer will schon Millionär werden? von Holger Gerken (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Menschen im Hotel VIII von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)