Doris E. M. Bulenda

Abzocke per Mail

An einem ganz normalen Morgen saß ich im Job an meinem PC, als ein Kollege mich bat, mal ganz schnell zu ihm zu kommen und ihm über die Schulter zu schauen.

„Hier, lies mal diese Mail. Was hältst du davon?“ Die Mail war von einem englischsprechenden, langjährigen Freund, mit dem Inhalt: Er wäre in einer großen Stadt in Spanien, wäre überfallen und komplett ausgeraubt worden. Er hätte kein Geld mehr, keinen Pass, keine Kreditkarte, keine EC-Karte. Er hätte gar nichts mehr, nicht mal mehr Kleidung. Und er bitte seinen guten Freund um Hilfe. „Sende mir 5.000 Dollar per Western Union, bitte ganz, ganz schnell.“ Dann kamen noch Dankesworte. Mein Kollege schaute mich fragend an.

Ich überlegte: „Also, ich finde zwei Sachen merkwürdig. Erstens ist er in Spanien, da braucht er Euro, keine Dollar. Und außerdem erscheint mir die Summe verdammt hoch. 5.000 Dollar sind doch sehr viel – ich denke mal, bis er von seiner Bank eine neue Kreditkarte per Express kriegt oder so – da würden ein paarhundert Euro reichen.“ „Ja, das habe ich mir auch gedacht. Aber wenn mein Freund doch in Not ist?“

Wir überlegten zusammen, dann schickte der Kollege eine Mail zurück: „Lieber K… bitte geh doch in das Hotel in dieser Stadt, in dem wir uns schon so oft getroffen haben. Ich rufe dich in einer Stunde dort im Foyer an.“ Die Mail war noch kaum draußen, da kam schon die Antwort: Er könne nicht von da, wo er gerade sei, weg. Er hätte kein Geld für ein Taxi, er brauche erst Geld, dass er das Internet überhaupt zahlen könne. Und sein Freund möge doch jetzt ganz schnell die 5.000 Dollar schicken. Letzter Satz „god bless you“. Mein Kollege zuckte zusammen. „Also, der ist absoluter Atheist. Der würde so was nie im Leben schreiben!“

Ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass da was nicht ganz koscher war. Aber dann zweifelte mein Kollege doch wieder: „Und wenn er es doch ist, wenn er nur verzweifelt ist, wenn er doch Geld braucht – und wofür hat man sonst Freunde?“ Wir redeten noch ein bisschen über die Sache, dann meinte ich, ich würde nie und nimmer so viel Geld schicken. Höchstens ein paarhundert Euro, damit würde er schon ein paar Tage durchkommen. Als Soforthilfe völlig ausreichend, aber 5.000 Dollar - echt nicht. „Nein, kann ich auch gar nicht. 5.000 Dollar habe ich nicht und kann ich auch nicht so schnell auftreiben. Aber jetzt weiß ich, was ich tue.“

Mein Kollege schrieb noch eine Mail: „Lieber Freund, 5.000 Dollar kann ich dir nicht schicken, die hab ich einfach nicht. Aber ich bin bereit, dir 1.000 Euro zukommen zu lassen. Nur wirst du sicher verstehen, dass ich mich überzeugen muss, dass du auch wirklich mein Freund K… bist. Bitte beantworte folgende Fragen: Wie hieß der Event, bei dem wir uns vorgestellt wurden und wo fand der statt? Sobald ich die richtige Antwort habe, schicke ich das Geld los.“

So prompt die Mail vorher gekommen war, jetzt kam nichts mehr. Wir gingen beide wieder zurück an unsere Arbeit. Nach der Mittagspause kam mein Kollege dann an meinen Schreibtisch. „Stell dir vor, ich habe meinen Freund am Telefon erwischt. Der ist nicht in Spanien, der ist in Österreich. Und er war zwar vor ein paar Tagen in Spanien, ist aber weder überfallen noch ausgeraubt worden. Aber er vermisst seinen Laptop. Ob er ihn verloren hat oder ob der geklaut worden ist, weiß er nicht. Aber – irgendjemand hat seinen Mail-Account gehackt und hat die genau gleiche Mail an alle, wirklich alle Mail-Adressen darin geschickt.“

Ich schaute verblüfft auf. Dann fragte ich: „Und, wie viele haben Geld geschickt?“ Mein Kollege lachte: „Hab ich auch als Erstes gefragt. Aber mein Freund weigert sich strikt, das zu beantworten.“ Wir lachten beide erleichtert – war ja nochmal gut gegangen. Dann meinte mein Kollege sinnierend: „Weißt du, der Gauner da war eigentlich ganz schön blöd. Nur wegen seiner Blödheit mit den Dollars und wegen der Gier, gleich 5.000 Dollar zu fordern, bin ich überhaupt skeptisch geworden. Hätte er mich nur um 500 Euro gebeten, hätte ich das Geld sofort und ohne Nachzudenken losgeschickt.“

Diese Sache werde ich nie vergessen – und ich bin seitdem noch misstrauischer geworden, wenn ich merkwürdige Mails bekomme. Man kann doch nicht vorsichtig genug sein. Traurig, aber wahr…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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