Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 14

„Legt eure Waffen ab oder der nächste Pfeil trifft euch“, forderte uns eine erstaunlich weibliche Stimme aus dem dichten Geäst der Eiche auf.

„Wow, ein sprechender Baum“, staunte der Kater. „Meine Dosenöffnerin hatte auch mal einen zu Weihnachten mitgebracht. Er konnte tanzen und Weihnachtslieder singen, bis er Bekanntschaft mit meiner Pfote machte. Ich steh‘ nun mal mehr auf Jazz.“

„Bei Golgans schwieligem Hintern, ein tanzender und singender Baum. Das sollte man bei uns auch mal einführen“, erklang eine begeisterte Stimme ein Stück den Bach hinunter, die offenbar zu einem Brombeerstrauch gehörte.

„Schnauze!“, befahl die Eiche, worauf es im Brombeerstrauch zackig raschelte, gefolgt von einem: „Verdammt, diese Scheiß -(zensiert) Dornen.“

„Aber er hat doch Recht. Ein wenig Unterhaltung könnte hier wirklich nicht schaden“, erklang es unterstützend aus einer Schilffansammlung, was der Eiche einen tiefen Seufzer entlockte.

„Haben wir nicht erst letzte Woche einen Händler überfallen“, rechtfertigte sich die Eiche.

„Ach das.“ Das Schilf raschelte leise. „Das tun wir doch andauernd.“

„Außerdem hat der weder gesungen noch getanzt“, merkte der Brombeerstrauch an.

„Aber herrlich gequiekt hat er, als du ihm deine Schwertspitze in den Hintern gerammt hast“, zischte die Eiche ungehalten.

„Nun ja“, gab der Brombeerstrauch widerstrebend zu.

„Würde es Euch viel Umstände bereiten, Euch wieder mit uns zu befassen“, mischte ich mich in die Unterhaltung ein. „Waffen besitzen wir im Übrigen nicht, sieht man einmal von dem spitzen Bemerkungen dieses Katers ab.“

„Ist in Ordnung“, stimmte die Eiche zu. Dann fiel etwas aus dem dichten Blattwerk, bei dessen Anblick mir glatt die Kinnlade herunter klappte.

„Das nenn ich mal ‘n reifes Früchtchen, Kumpel“, maunzte Mikesch anerkennend.

Dem war nichts hinzuzufügen. Meine Gedanken trieben angesichts der geballten Weiblichkeit, die sich auf der anderen Bachseite geschmeidig vom Waldboden erhob, plötzlich wie eine Ladung Treibholz auf einem wilden Fluß durcheinander. Wohl gerundete Körperformen waren eingezwängt in eine grüne Lederbekleidung. Langes blondes Haar umschmeichelte ebenmäßigen Züge.

Ich war hin und weg.

Das schien auch der Kater bemerkt zu haben.

„Brücke an Maschinenraum. Macht die Schotten dicht und schmeißt die Lenzpumpen an! Dem Kapitän läuft das Wasser im Mund zusammen“, spottete er und ergänzte: „Brücke an Vorderdeck, macht die Arterielle klar. Der Feind ist bewaffnet.“

In der Tat hatte ich dieses unerfreuliche Detail angesichts anderer, hervorstechender Eigenschaften glatt übersehen. Die linke Hand meines zu Fleisch gewordenen Traums umfasste einen mannshohen Langbogen aus Ebenholz, während die Rechte das Ende eines eingelegten Pfeils umschloss. Die Sehne war halb angezogen. Kein gutes Zeichen, wenn man am Leben hing. Trotz dieses unerfreulichen Umstandes staunte ich nicht schlecht, wusste ich doch, daß man eine gewaltige Kraft aufbringen musste, um einen solchen Kriegsbogen zu spannen. Gelang es einem jedoch, konnte man einen Mann noch in zweihundert Schritt Entfernung tödlich treffen. Wir hingegen befanden uns nur wenige Schritt entfernt. Diese Erkenntnis genügte, um mir die gute Laune endgültig vergehen zu lassen. Leider schien unser Gegenüber auch nicht gerade ein Ausbund an Frohsinn zu sein.

Ihr befindet euch auf dem Gebiet der W.H.“, fauchte sie gereizt mit der Stimme einer schlecht gelaunten Viper und zielte mit ihrem eingelegten Pfeil auf eine höchst delikate Stelle meiner Weichteile. Den Kater schien das nicht zu beeindrucken. Schließlich zielte der Pfeil ja auch nicht auf ihn.

W.H. wie willige Helferin oder warmherzige Hausfrau oder vielleicht wohlschmeckende Hausmannskost?“, fragte er mit seidenweicher Stimme, was ihm einen Blick einbrachte, auf den die Meduse mit Sicherheit neidisch gewesen wäre.

„Wilde Hilde“, klärte ihn die Amazone mit klirrender Stimme auf, als würde sie mit Eiswürfeln gurgeln, „Und wenn du so weiter quatscht, bist du bald Hausmannskost. Wieso kann der Köter eigentlich sprechen?“, wandte sie sich an mich.

Köter?“, fauchte Mikesch wutentbrannt. "Hast du Tochter eines Waldschrats gerade Köter gesagt? Köter...

Ssssssssttttttttttttt

..klingt gar nicht mal so schlecht. Ehrlich. Gibt Schlimmeres.“

„Er ist ein Kater, der nicht aus dieser Welt stammt. Nimm ihn einfach nicht so ernst“, versuchte ich die wilde Hilde zu beschwichtigen, während mir durch den Kopf ging, was ich über sie gehört hatte. Angeblich war sie der heißblütige Kopf einer Bande von Strauchdieben, die den guten alten Schärwutt Forrest unsicher machten. Auf der anderen Seite sollte sie aber auch gelegentlich den Armen der Gegend helfen, die allzu sehr unter der Knute der Landesherren litten. Nun, abgerissen genug sah ich aufgrund der Behandlung, die mir das dichte Unterholz des Waldes hatte angedeihen lassen, ja aus. Da konnte ein Appell an die Hilfsbereitschaft der wilden Hilde ja nicht schaden.

„Vielleicht kannst du uns ja helfen. Wir suchen den Verursacher dieser Spuren“, sagte ich und bemühte mich standhaft, meinen Blick nicht nach .. nun ja... abschweifen zu lassen. Statt dessen wies ich mit einem vermutlich leicht dümmlichen Grinsen auf die Pferdespuren am Uferrand während meine Phantasie Kapriolen schlug, in der auf jeden Fall kein Kater vorkam.

„Du hast ihn nicht zufällig gesehen?“, brachte ich mit trockener Stimme heraus, während der Kater sich lässig mittels seiner rechten Pfote das entsprechende Ohr putzte. Doch die wilde Hilde schüttelte zu meiner Enttäuschung den Kopf, worauf der Kater sein Putzritual einstellte und sich streckte.

„Tja, das ist Pech, Robina Hoodelchen“, schnurrte er. „Wir zockeln dann mal wieder los. Sorry, aber der Dummbatz und ich werden ......“

Ssssssssttttttttttttt.

„... dir gerne noch ein wenig Gesellschaft leisten. Wer kann schon einer solch netten Einladung widerstehen?“

Statt einer Antwort zu geben, pfiff Hilly, wie ich die wilde Hilde inzwischen still umbenannt hatte, auf höchst undamenhafte Weise – mit unerfreulicher Konsequenz. Gleich ein halbes Dutzend Sträucher am Bachlauf spuckten mit Dornen gespickte, grüngewandte Strumpfhosenträger aus, die uns mit finsteren Blicken musterten. Der größte von ihnen war ein wahrer Hüne. Seine linke, mächtige Faust umklammerte einen Langstock während die Rechte auf dem Knauf eines schartigen Schwertes lag, das in einer Lederschlaufe an seiner rechten Seite hing und offenbar regelmäßig in Gebrauch war. Mir wurde mulmig zumute. Mikesch hingegen war so unbekümmert wie gewöhnlich.

„Jau, jetzt geht die Party richtig ab. Habt ihr ‘n anständiges Bier mitgebracht, Jungs?“, begrüßte er den finsteren Haufen von Strauchdieben fröhlich.

Klappe, Fellbündel!“, schnauzte der Hüne, der den Haufen offenbar anführte, denn auf einen Wink von ihm wurden wir mit militärischer Präzision eingekreist. Nach einem geselligen Bierabend sah das nicht aus.

„Wenn ich dann bitten dürfte..!“, forderte Hilly uns auf.

Ich nickte ergeben, während der Kater protestierend maunzte, bevor er sich mir anschloss. An Flucht war nicht zu denken. An einen Kampf noch weniger. Ein kurzer Rundblick bestätigte mir, daß unsere Begleiter über mehr Schwerter und Bögen verfügten, als die Waffenkammer von Ignaz beherbergte. Das führte mir eindrucksvoll vor Augen, daß wir wirklich dringend an unserer Aufrüstung arbeiten mussten. Soviel stand fest. Was unsere Zukunft hingegen anging, stand gar nichts fest. Zumindest nichts Gutes. Ich fragte mich, was wohl in dem Kater in diesem Moment vorging.

„Was hältst du davon?“, raunte ich Mikesch leise zu.

„Keine Ahnung, Kumpel. Entweder sind wir auf’m Kostümball oder in `ner Neuauflage vom guten alten Robin Hood gelandet oder stecken einfach nur mitten in der Scheiße, und zwar bis zu den Ohrspitzen. Such dir was aus“, brummte Mikesch, der zum ersten Mal einen niedergeschlagenen Eindruck machte. Selbst sein Schwanz hing kraftlos herunter. Das beunruhigte mich mehr, als die miesepetrigen Begleiter um mich herum. Aber im Moment konnte ich nichts tun, um ihn aufzuheitern.

Wird fortgesetzt............

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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