Tobi Prel

Pucta Cumit Reihe - Teil 1: Rostige Welt

Regen prasselte auf seine Wange. Das Rauschen von Wind mischte sich mit fernen Donnerlauten und dem Platschen des kalten Niederschlags. Er öffnete seine Augen und sah sich um. Die dicken nassen Tropfen hatten ihn aus seiner Ohnmacht gerissen. Er lag in der Mitte eines Hofes, umgeben von zwei riesigen maroden Ziegelgebäuden, die sich die Natur Stück für Stück zurück holte. Verrostete Maschendrahtzäune und Mauern aus alten Ziegelsteinen  umrandeten das Gelände. „Wie war er hier hin gekommen? Was hatte ihn in diese Welt verschlagen?“ Er konnte sich nicht erinnern in dieses alte Industriegebiet gereist zu sein. Verwirrt erhob er sich aus seinem schlammigen Bett. Hinter den Zäunen konnte er eine trostlose, graue Sumpflandschaft erkennen, die allmählich in der Dunkelheit des Horizonts verschwand. Es war unmöglich auszumachen was  sich dahinter befand. Über seinem Kopf zog dichter Rauch den Himmel entlang, der mit den finsteren Unwetterwolken zu einem Brei verschmolz. Die Luft war stickig und dick, sie roch nach saurem Abfall und dem faulig nassen Schlamm. Er musste inne halten, um nicht ständig in Husten auszubrechen. In unregelmäßig langen Abständen konnte man ohrenbetäubend laute Kratzgeräusche vernehmen, als ob eine metallische Maschine anzuspringen versucht, allerdings ohne Erfolg. Es schien abwechselnd von den beiden Gebäuden zu kommen. Kein Lebewesen, nicht einmal ein Vogel war weit und breit zu entdecken. Es war ein unwirtlicher und unheimlicher Ort an dem er sich befand.

Er war zwischen zwei verfallenen Backsteinmauern erwacht, die vor langer Zeit einmal Rot gewesen schienen, mittlerweile aber nur noch aus finsterem Braun bestanden. Sie dienten offenbar als Stützen für ein System aus unterschiedlich breiten Rohren, das sich aus einem dicken Zentralrohr im Boden der Mitte des Hofes heraus gen Himmel erstreckte. Ein gigantisches Netz aus immer kleiner werdenden Teilstücken gliederte sich rechts sowie links davon ab und ragte weit über die beiden Stützmauern hinaus, bis es schließlich jeweils in den beiden Ziegelgebäuden verschwand. Es war ein beeindruckendes Gebilde. Meterhoch verästelten sich die Rohre, ähnlich einem Baum mit zwei gewaltigen Auswüchsen. Doch auch die Rohre hatten bereits ihre besten Tage hinter sich. Der Putz war schon vor einer Ewigkeit abgeblättert und aus den vielen Löchern tropfte nun stinkendes fauliges Wasser. Er bewegte sich zur Mauer rechts von ihm, stieg an ihr hoch und zog sich an dessen Kante ein Stück nach oben, um einen besseren Blick auf das Ziegelgebäude dahinter zu erhaschen. Das alte Fabrikgemäuer war in einem ähnlich verfallenen Zustand wie der Rest des Geländes. Es war bestimmt fünfzehn Stockwerke hoch und die meisten Fenster die es besaß waren eingeschlagen oder mit Brettern vernagelt. Einen Eingang wie eine Tür oder ähnliches konnte er nicht erkennen. Die Spitze des Gemäuers konnte er nicht genau erkennen, doch das Rohrsystem, schien in vielen der oberen Stockwerke mit dem Gebäude verbunden zu sein. Er kletterte herunter und begab sich über den matschigen Untergrund vorsichtig bis zum Ende der Mauer. Hier konnte er an den Rohren vorbei zum oberen Ende des Gebäudes sehen. Über dessen Seiten hinaus ragten die verrosteten Flügel eines riesigen Ventilators, die sich jedoch nicht von der Stelle rührten. Die Windmaschine schien außer Betrieb zu sein. Er drehte sich zum anderen Gebäude um, dort bot sich ihm ein ähnlicher Anblick. „War dies einst eine Art Kraftwerk? Hatten diese Geräte die Funktion die verpestete Industrieluft zu reinigen? Oder den Boden? Wozu sonst sind diese ganzen Rohre gedacht, die im Boden verschwinden?“ Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Doch was auch immer dies für ein Ort war, er hatte seinen Betrieb schon vor einer ganzen Weile eingestellt.

Ein tiefes lautes Raunen erschütterte die Gegend. Plötzlich hatte er das Gefühl doch nicht so allein zu sein, wie er es bisher angnommen hatte. Er sah sich um, doch konnte nichts entdecken. Die Stille nach dem Laut beunruhigte ihn noch mehr. Nur der Regen und der Wind spielten ihr Duett. Dann hörte er doch etwas, ein schweres Schlurfgeräusch, als ob jemand etwas großes über den Boden bewegte. Mit jedem Moment wurde es etwas lauter. Er schlich die Mauer entlang bis zu deren anderem Ende, geradewegs hinzu auf die Quelle der Bewegungstöne. Er drückte sich gegen die kalt nassen Ziegelteine und blickte vorsichtig um den Rand herum. Vor seinen Augen stampfte eine gigantische Kreatur langsam über den matschigen Untergrund. Es war überzogen von dichtem schwarzen Fell, hatte eine kantige Körperform und vier Gliedmaßen, von denen die vorderen beiden erheblich länger waren als die hinteren zwei. Die unteren Enden seiner Extremitäten knickten, wie Hände, allerdings in die entgegengesetzte Richtung, von dessen Körper ab. Finger oder Zehen waren unter dem nassen Fell nicht zu erkennen. Die Fortbewegung der Kreatur ähnelte der eines Orang Utan. Doch es hatte die Größe eines Elefanten und besaß aufgrund seiner unnatürlichen Figur ein erschreckendes Antlitz. Er schnellte zurück, die Angst stieg in ihm auf. „Was war das für ein Monster?“ Sein Hals schnürte sich zu, er schluckte schwer und sank auf den matschigen Boden zurück. „Das kann nicht wirklich sein?“ Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und sich zu konzentrieren. Dann richtete er sich auf und ging behutsam an der Mauer entlang zurück zu deren anderem Ende. Er wollte das Wesen von Vorne sehen und einen zweiten Blick um die Mauer riskieren. Die Kreatur hatte sich kaum von der Stelle bewegt. Es schien sich Meter für Meter voran zu quälen. Mit großer Mühe setzte es eines seiner riesigen Vorderbeine vor das andere und zog anschließend den restlichen Rumpf hinterher. Die Fortbewegung musste eine enorme körperliche Belastung für es darzustellen. Es raunte und stöhnte leise nahezu bei jedem seiner 'Schritte'. Die Neugier packte ihn und so lehnte er sich weiter aus seinem Versteck, um besser sehen zu können. Der Kopf des Wesens war fest mit seinem Rücken verwachsen und ebenso wie seine vier Gliedmaßen fast viereckig. Es konnte wahrscheinlich den Blick nicht sehr weit von seiner Gehrichtung abwenden und musste sich wohl mit dem gesamten Oberkörper drehen, wenn es sehen wollte was sich seitlich von ihm befindet. Eine furchterregende und gleichsam bemitleidenswerte Kreatur. Einen Mund oder eine Nase besaß es nicht, jedenfalls war sie unter der Mähne des Wesens nicht sichtbar, lediglich zwei müde lange Schlitze befanden sich an dessen Haupt. Es schienen die Augen zu sein. Er schlich zurück hinter die Mauer. Zwar schien die düstere Kreatur keine direkte Bedrohung zu sein, aber sollte er in die Bahn de Wesens gelangen, könnte es schon allein durch sein Gewicht zu einer Gefahr werden. Das wollte er keineswegs herausfordern.

Er begab sich hinüber zur gegenüber liegenden Mauer, um von dort aus zum zweiten Gebäude zu gelangen. Er hockte sich an den Rand der Mauer und linste behutsam herum. Er entdeckte eine zweite Kreatur derselben Art, einige Meter von dem Gebäude entfernt, die sich behutsam in seine Richtung bewegte. Es beunruhigte ihn, doch er ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Es muss einen Weg hinaus geben, eine Tür, einen Ausgang!“ Er begab sich an das andere Ende der Mauer. Doch hier zog ein drittes Wesen seine Bahnen. Panik machte sich in ihm breit, er war umzingelt. Das permanente Raunen der Monster verursachte Chaos in seinem inneren Gemürszustand. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. „Was sollte er nun tun?“ Immer wieder rannte er von einem Ende der Mauer zum anderen, in ein paar Momenten würde eines dieser Dinger ihn bemerken, seine Möglichkeiten waren durch den Zaun, die Mauern und das große Zentralrohr sehr beschränkt. „Was wird passieren, wenn eines der Dinger mich bemerkt? Würde es ihn einfach zerstampfen?“ Er  wollte es nicht darauf ankommen lassen. „Was tun, was tun? Wohin? Verstecken!“ Er sah sich hektisch um. „Es musste doch etwas geben!“ In der Mitte der Mauer bemerkte er ein Gitter, das in den Schlamm eingelassen war, scheinbar eine Art Durchlauf für das Regenwasser. Die metallenen Stäbe in dessen Mitte waren verrostet und die meisten davon bereits auseinander gebrochen, doch es war groß genug um sich dort hindurchzwängen zu können. Zumindest war es einen Versuch wert. Mit einem schnellen Satz sprang er darauf zu und begann mit seinen Händen den Schlamm weg zu schaufeln. Das Raunen eines der Monster wurde immer lauter. Er grub und grub und brach zwei weitere Stangen des Gitters ab. Er hatte es fast geschafft, da bemerkte er nicht weit hinter seinem Rücken ein lautes Schnaufen. Angespannt drehte er sich um und blickte direkt in die Augen einer der Kreaturen, die regungslos an der Ecke der Mauer in ein paar Metern Entfernung stand. Das Monster schien überrascht, es musterte ihn von oben bis unten. Dann löste es seine Perplexität im Bruchteil einer Sekunde, verzog die Augen zu einem bedrohlichen Blick und stieß einen ohrenbetäubenden Ruf aus, Die Gegend erschütterte. Er bekam es mit der Angst zu tun, denn nun begann sich das Wesen zügig auf ihn zu zubewegen. Panischer und panischer schaufelte er schneller und schneller den Schlamm zur Seite. Er grub um sein Leben. Die anderen Wesen antworteten mit ähnlich lauten Rufen. Die blanke Angst hatte den vollständigen Besitz von ihm ergriffen. Um sich herum blendete er alle Sinneseinflüsse aus, er war vollständig im Tunnelblickmodus. Dann endlich war die Öffnung groß genug. Mit all seiner Kraft quetschte er sich durch das Loch im Boden der Mauer, durchtränkt von Matsch und Abwasser, bis er auf der anderen Seite der Mauer wieder aufstehen konnte.

Er erhob sich und klopfte ein paar Schlammreste von sich ab, dann hörte er, wie das Monster hinter ihm lautstark gegen die Wand pochte. Sein Blick sondierte aufgeregte die Gegend. Die anderen beiden Wesen bogen bereits an dem linken und rechten Ende um die Mauer und hetzten in seine Richtung. Die Panik war wieder da. Er musste einen Ausweg finden und zwar schnell. Direkt vor ihm befand sich der Ziegelbau. Er untersuchte ihn gründlich. Klettern konnte er nicht, es gab kaum Möglichkeiten sich an der nassen Fassade festzuhalten und die meisten Fenster waren unpassierbar. Er würde abrutschen und fallen oder eines der Monster würde ihn vorher erwischen. Eine Tür oder einen Eingang konnte er auch an diesem Bauwerk nicht ausfindig machen. Es war eine Sackgasse! Er drehte sich um, vielleicht konnte er zurück über die Mauer und an dem Rohrgeäst empor klettern. Doch die Steine begannen bereits zu zerbröckeln. Das Wesen hämmerte mit all seiner Kraft dagegen. Mit ein paar weiteren Schlägen würde es hindurch gebrochen sein. Es gab keinen Weg hinaus. Er war gefangen und konnte nicht entkommen. An den Wesen gab es kein vorbei, sie füllten den gesamten Raum zwischen der Mauer und dem Ziegelgebäude. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Schicksal zu akzeptieren. Ruhig setzte er sich auf den schlammigen Boden und schloss die Augen. „Mach das es schnell geht.“ Seine Atmung war tief und gelassen. Er hörte, wie die Wand zerbrach und nun auch die letzte Kreatur auf ihn zu stampfte. Es würde zwar noch etwas dauern bis sie ihn erreichten, aber er war bereit dafür.

Ein unangenehmer Schmerz ergriff Besitz von seinem Kopf. Er versuchte seine Augen zu öffnen und sich zu orientieren. Doch er konnte nur noch verschwommene Umrisse erkennen. Sein Blick war verzerrt, es gab nur noch verrauschte Bilder. Ein grelles Fiepen nistete sich zudem in seinem Gehörgang ein, das sekündlich lauter wurde. Er kippte auf die Seite, es war ihm nicht mehr möglich sich aufrecht zu halten. Die Ohnmacht war nahe. Doch er musste gegen seine erschöpften Sinne ankämpfen, um sich ein Bild davon machen, was gerade um ihn herum geschah. Mit letzter Kraft konnte er wahrnehmen, dass die Kreaturen noch weit von ihm entfernt waren. Doch da war etwas anderes viel näher. Ein rundliches Ding das kurz vor ihm ... [Fortsetzung folgt]

Anmerkung: Diese Geschichte stellt die erste Episode einer Reihe aus mindestens drei Teilen dar, die ich versuche in regelmäßigen Abständen bei eStories hoch zu laden. Die Erzählungen werden alle unter der Thematik Surrealismus laufen, die 'Pucta Cumit Reihe' und Träume verarbeiten, die ich seit meinem sechsten Lebensjahr regelmäßig durchlebe. Natürlich habe ich sie etwas angepasst, damit sie ins Kurzgeschichten-Format passen und interessant zu lesen sind. Ich hoffe es gefällt euch.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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