Wolfgang Küssner

Die reine Wahrheit

Der Angeklagte bestritt vehement, den ihm zur Last gelegten Mord begangen zu haben. Die Beweislage war keineswegs klar oder eindeutig. Lediglich Indizien sprachen für ihn als Täter. Ein Zeuge mußte somit im Strafprozeß für finale Aufklärung sorgen. Zur Herbeiführung einer wahren Aussage hielt das Gericht es für angebracht, den Zeugen nach der Vernehmung zu vereidigen. Der vorsitzende Richter sprach die vorgeschriebene Eides-Formel mit den ergänzenden religioesen Worten: „Sie schwoeren, bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß Sie nach besten Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen haben.“ Und der Zeuge hatte zu antworten: „Ich schwoere es, so wahr mir Gott helfe.“ Bekanntlich geht es hier um die Findung der Wahrheit. Nebenbei gefragt: Was geschieht eigentlich, wenn sich bei dieser Formel im weiteren Verlauf der Verhandlung der Eid als ein Meineid herausstellen sollte? Kann sich der Zeuge dann mit der offensichtlich ausgebliebenen Hilfe von oben herausreden? Aber das ist ein anderes Thema.

Die Wahrheit. Was ist die Wahrheit? Der chinesische Philosoph Laotse (6. Jahrh. v. Chr.) war der Meinung: „Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus.“ Doch schon bei der Eidesformel mußte ein Adjektiv her, um die Wahrheit zu konkretisieren. Es sollte nicht nur die Wahrheit, sondern die reine Wahrheit sein. Die einfache Wahrheit, die nüchterne oder manchmal auch ernüchternde, die nackte, die ungeliebte, die bittere Wahrheit; die schmutzige, die brutale, die unangenehme Wahrheit; die allgemeine, die klare, gute, die letzte, die grundlegende, die absolute, die relative, die anerkannte, die liebe Wahrheit. Dem Leser werden weitere Konkretisierungen einfallen. So ganz einfach scheint das mit der Wahrheit wohl nicht zu sein.

In Schleswig-Holstein sagt der Volksmund auf Platt: „Kinner un ool Lüüd seggt de Wahrheit.“ (Auf Hochdeutsch: Kinder und alte Leute sagen die Wahrheit.) Ein Sprichwort aus Ungarn ergänzt diese Aufzählung der Wahrheit sprechenden Personen noch um Narren und Betrunkene. Hätte der Richter im Strafprozeß warten sollen, bis der Zeuge das Greisenalter erreicht hat? Oder hätte er ihn einfach mit Alkohol abfüllen sollen, um der Realität auf die Schliche zu kommen? „Die Wahrheit kann nur eine sein“, hat ein Unbekannter als Aphorismus hinterlassen. Zwei plus zwei ergibt vier, zwei mal zwei ergibt vier, zwei hoch zwei ergibt ebenfalls vier, drei plus eins macht vier. Da gerade von Zahlen zu lesen ist: Unzählige Beispiele sind denkbar. Doch was ist die Wahrheit? Vielleicht ist der griechische Philosoph Protagoras (490 bis 411 v. Chr. mit Fragezeichen) mit seiner Feststellung „Es gibt nur relative Wahrheit“ näher an dem, was hier als Antwort gesucht wird.

Entspricht es der Wahrheit, daß das siebentorige Theben von Koenigen erbaut wurde, wie in den Geschichtsbüchern zu lesen ist? Haben die Koenige die Felsbrocken selbst herbeigeschleppt? Keine weiteren Helfer? Entspricht es der Wahrheit, daß Alexander der Große Indien einst eroberte? War er wirklich ganz allein? Das klingt ja nach Spaziergang. Entspricht es wirklich der Wahrheit, daß Cäsar die Gallier schlug? Ganz ohne weitere Soldaten? Nicht einmal einen Koch soll er dabei gehabt haben? Das und viele andere Dinge fragen sich Lesende (frei nach Bertolt Brecht). Ist es Lüge oder nur Unwahrheit, wenn Geschichten über Geschichte so geschrieben werden.

Der russische Revolutionär und Staatsmann Lenin formulierte einst: „Die Wahrheit ist immer konkret.“ Vielleicht kann sich der Leser der Wahrheit nähern, den Begriff konkretisieren, wenn er nach Synonymen Ausschau hält. Da gäbe es Sachlage, Realität, Sachverstand, Tatsache, Dasein, Sein, Existenz, Leben, Praxis. Koennen die Begriffe eventuell weiterhelfen? Wie wäre es mit Wirklichkeit, Richtigkeit, oder mit Klarheit, Unwiderlegbarkeit, Prägnanz, Bestimmtheit, Reinheit, Authentizität, Echtheit? Unter Umständen kommt der Leser auch mit Wissen, Vertrauen oder Gewißheit weiter. Eines wird aber immer offensichtlicher -  die Wahrheit kommt sehr, sehr vielfältig, in recht unterschiedlichen Gewändern daher. Das hatte auch die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans (1819-1880), genannt George Eliot, erkannt, in dem sie formulierte: „Unwahrheit ist so einfach, Wahrheit so schwierig.“ Mit dieser Feststellung hatte sie sich allerdings gegen den griechischen Dramatiker Euripides (480-406 v.Chr.) in Position gebracht. Bei ihm war klar: „Die Sprache der Wahrheit ist einfach.“ Nun denn, das ist jetzt aber eine andere Geschichte, die die beiden unter sich ausmachen sollten.

In den zurückliegenden zweitausend Jahren – und auch schon früher – haben sich Wissenschaftler und Philosophen, Apostel und Schriftgelehrte, Propheten und Schriftsteller, Laien und Professoren, Aufklärer und Theologen, Verklärer und Päpste und wer weiß nicht alles, Gedanken zum Thema Wahrheit gemacht. Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx, Papst Benedikt und Immanuel Kant, Thomas von Anquin, Aristoteles und Jürgen Habermas, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche und viele, viele andere, haben für Gesellschaft, Philosophie und Religion, für Recht und Ordnung die Wahrheit interpretiert. Ob kritischer Rationalismus, oder der deutsche Idealismus, ob in der Erlanger Schule, in der Kohärenz-Theorie.... Oh, Entschuldigung. Der Leser soll nicht gelangweilt werden. Sonst gilt zum Schluß nur noch das Wort von Theodor Fontane: „Die Wahrheit ist der Tod.“ Diesmal allerdings für den Verfasser dieser Zeilen.

Apropos Religion: Daß unterschiedliche Glaubensrichtungen beim Thema Wahrheit in Erklärungsbedrängnis geraten koennten, hatte der roemische Historiker Tacitus wohl schon vor gut 1900 Jahren befürchtet. Den moeglichen Kritikern wollte er offensichtlich den Wind aus den Segeln nehmen, in dem er berichtete und wissen ließ: „und man fand es froemmer und ehrfurchtsvoller, an die Taten der Goetter zu glauben als Gewissheit zu suchen“ (aus Tacitus, Germania 34.1). Gewissheit im Sinne von Wahrheit. Die Religionen sind dank fehlender Aufgeklärtheit damit eine zeitlang über die Runden gekommen. Doch Wissen stellt neue, andere Fragen. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde formulierte seinen Zweifel, seine Skepsis an den wahrheitsfernen Themen mit den Worten: „Religionen sterben, wenn ihre Wahrheit erwiesen ist.“

Der Minister bestritt im Parlament vehement, in der Oeffentlichkeit einen falschen Eindruck mit seinen Interviews über die reale Lage im Land erweckt zu haben, mit der nüchternen Wahrheit hinter dem Berg gehalten, ja, den Wähler hinters Licht geführt, das Volk gar belogen zu haben. Der Politiker wurde von der Opposition an seinen geleisteten Eid erinnert. Und? Was findet man dort? In der Eidesformel für den Bundespräsidenten, für den Bundeskanzler als auch für die Minister (wie im konkreten Fall), ist vom Wohl des deutschen Volkes, von Gerechtigkeit und Pflichterfüllung, von Gesetzeswahrung etc. die Rede. Doch den Begriff der Wahrheit, den gibt es in dieser Eidesformel nicht. Die Schoepfer des Eides wußten wohl, daß Politiker....., naja, lassen wir das lieber. Denn ehrlich gesagt, Wahrheit in der Politik ..., das wäre, nach all der Erfahrung, dann doch ein wenig überraschend.

Hoffentlich ist der Leser jetzt nicht enttäuscht, wenn er eine klare Antwort zum Begriff Wahrheit in diesen Zeilen vermißt. Da waren – man wird sich erinnern – schon ganz andere Kaliber, Koryphäen mit beschäftigt. Letztlich brachten sie uns nur relative Klarheit, sorry, relative Wahrheit. ... Nun, vielleicht ist das mit der Lüge ja doch einfacher? Aber bitte -  dieses darf jetzt keinesfalls als  Aufforderung verstanden werden, hier entsprechende Kreativität zu entfalten. Nee, nee. Aber wäre es nicht schoen, wenn wir uns dem nähern koennten, auch wenn wir sie bei all der Lüge zuerst gar nicht erkennen werden, was die reine Wahrheit ist?

 

September 2016

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