Elena Jochim

Hasenbrot

 

Hasenbrot

 

Am Rande eines großen Waldes wohnte ein Jäger mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Das Mädchen hieß Waltraud und der Junge Walter. Ihr Zuhause war ein kleines Jägerschlösschen. Der Vater verweilte meist den ganzen Tag im Wald. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder.

Eines Tages kam der Jäger mit reicher Beute nach Hause. Er stellte seinen schweren Rucksack auf einen Stuhl ab und begann den Inhalt auf den Tisch zu legen.

Waltraud sah mit großen Augen zu, während ihr Vater einen großen Vogel, verschiedene Pilze, Beeren und Blätter herausnahm. Neugierig fragte sie ihren Vater: „Was ist das denn für ein Vogel?“

„Das ist ein Fasan“, antwortete er.

Und der Jäger begann ihr zu erzählen, dass Fasane sehr schöne Vögel seien und am liebsten in Mischwäldern mit Kiefern und Birken lebten. Im Frühling führen die Fasane für ihre Hennen einen Balztanz auf. Bei diesem Tanz springen sie in die Höhe und geben gluckernde Laute von sich.

Außerdem erzählte der Jäger von Birk- und Haselhühnern, die auch zur Familie der Fasane gehören. Waltraud holte ihr Schulbuch und der Vater zeigte ihr die großen Vögel, die alle lange Schwänze und rote Schöpfchen haben.

„Im Frühling essen diese Vögel gerne Knospen und im Herbst gerne Beeren“, sagte der Vater, während er auf Himbeeren, Heidelbeeren und Preiselbeeren zeigte.

Auf einer Flöte machte er dann die Laute der Vögel nach. Mit Leichtigkeit konnte die Jägerstochter diese wiederholen.

„Was hast du heute noch mitgebracht?“, wollte Waltraud wissen.

„Mach die Augen zu und gibt mir deine Hand“, flüsterte der Vater mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Er gab seiner Tochter ein Stückchen Kiefernharz und bat sie dran zu riechen. Der hellgelbe Harz sah wie ein Edelstein aus und roch sowohl süß als auch scharf.

„Das sind die Tränen der Kiefern!“, erklärte der Vater. „Wenn der Baum von jemandem beschädigt wird, kommen an der verwundeten Stelle sofort die Tränen. Auf diese Weise wird die Wunde gereinigt und verheilt später.“

Als ob sich der Jäger für heute besonders vorbereitet hätte, holte er noch zahlreiche Wurzeln, Waldkräuter und Blümchen aus seinem Rucksack. Seine Tochter half ihm. Auf dem Rucksackboden lag die letzte Pflanze, diese erkannte Waltraud und schrie freudig: „Die kenne ich! Das ist Klee!“

„Leider nicht“, widersprach der Jäger und lächelte dabei. „Ja, du hast Recht, es sieht Klee zum Verwechseln ähnlich. Diese Pflanze heißt jedoch Hasenkohl. Und die Hasen lecken sich ihre Pfoten danach.“

Unter dem Hasenkohl lag noch ein Stückchen Brot. Es war ein Überrest der zünftigen Jägerbrotzeit.

Waltraud sah verwundert das Brot und fragte darauf ihren Vater: „Gibt es etwa alles im Wald? Auch Brot?“

„Und da wunderst du dich oder?“, stellte der Jäger freudig fest. “Der Wald schenkt uns tolle Erfahrungen für all unsere Sinne. Denn im Wald kannst du riechen, sehen, fühlen, hören und vieles schmecken. Schließlich, gibt es da Pilze, Kräuter, Kohl…“.

„Hasen…, Hasenkohl, genauer gesagt!“, unterbrach Waltraud und freute sich über ihr Wissen. „Und Brot?“

„Und Brot, ja, das ist ein Hasenbrot. Probier mal!“, sagte der Jäger und reichte ihr das Stückchen Brot.

Waltraud nahm das Brot, das nach Waldkräutern und Pilzen roch, und probierte es vorsichtig.

„Das Brot schmeckt ja toll, wie alles aus dem Wald!“, rief Waltraud mit vollem Mund. „Und viel besser als das von unserem Bäcker“, fügte sie gleich hinzu.

Von dieser Zeit an brachte der Jäger immer Hasenbrot aus dem Wald mit. Seine Kinder aßen es und schwärmten in höchsten Tönen: „Das Hasenbrot schmeckt viel besser als das von unserem Bäcker!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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