Bernhard Pappe

Sad Songs, Abschied, Aufbruch und die Weite der Welt

Sind Tage, an denen der Himmel eher grau ist und das Gewölk am Himmel seine Fracht auf die Welt hernieder lässt, prädestiniert für einen Ausflug in die eigenen Erinnerungen? Ich weiß es nicht, dennoch will ich diesen Ausflug an so einem Tage beginnen. Wenige Notizen liegen vor mir, die mir aufzeigen, dass dieser Ausflug schon länger geplant war und wohin die Reise geht. Doch jede Reise ist für Überraschungen gut, auch eine solche in das Reich der Erinnerungen…

Erinnerungen sind nichts wirklich Stabiles. „Ich sehe es vor mir als wäre es gestern gewesen“, das ist eine Schutzbehauptung, gar eine ungewollte Lüge. Die Farben einer Erinnerung verblassen, das Erlebte wandelt sich, bekommt eine neue Deutung. So wird es auch mir ergehen, wenn ich auf einen Abend im August des Jahres 1974 Bezug nehme. Ich kann die Augen schließen, kann mich sehen und dennoch sehe ich die Ereignisse und mich aus dem Blickwinkel des Jahres 2017 heraus. Ich werde nur eine kurze Spanne dieses Abends beschreiben. Damals hätte ich ihm seine heutige Bedeutung jedoch nicht beigemessen. Genug der Vorrede, ich will jene Minuten noch einmal für mich Revue passieren lassen.

An dem Abend war ich 18 Jahre, ein Teenager, der sein Abitur in der Tasche hatte und nach einigen Irrungen und Wirrungen doch noch einen Studienplatz zugesprochen bekam. Es war der Vorabend meiner Antrittsreise zum Studienort. Eine Reise, die mich weit weg von Elternhaus und Heimatort führen würde. Es war ein früher Aufbruch nötig und daher Zeit, zu Bett zu gehen. Ich stellte mein Tonbandgerät an. Der Raum füllte sich mit „Sad Songs“. Ich wusch den Schmutz und den Schweiß des Tages von meinem Körper. Plötzlich hielt ich inne, weil mir einfach Tränen über die Wangen liefen, die kein Ende fanden. War es die Musik? Die Songs aus den frühen Jahren der Beatles und der Rolling Stones, die Schmachtfetzen der Rock ’n‘ Roll Ära, die eigentlich nicht meine Zeit war oder die Songs von Sam Cook? Immer wieder sang Sam Cook, seiner charismatischen Stimme konnte ich mich nicht entziehen. Was wusch ich ab an diesem Abend? Ein wenig war es der Schweiß der Angst vor dem Neuen. Ein wenig war es die Provinzialität meines bisherigen Lebens. Dachte ich an all das an diesem Abend? Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, eine solche präzise Erinnerung daran zu haben. Es war mehr ein Gespür für den kommenden Wandel. Ich stand noch eine ganze Weile da und hörte mein Lieblingssongs. Es war ein Festhalten am Bekannten.

Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Nacht gut geschlafen habe. Es kam der Morgen des Abschieds und ich ging mit meinem Koffer zum Bahnhof. Ich verließ meine kleine Welt, um in einer größere einzutauchen, die voller neuer Menschen war (einer davon ist mir bis heute ein guter Freund geblieben). Eine Welt, die den Blick für neue Musik, neue Literatur, neue Kunst und neue Meinungen öffnete. Diese Welt, sie war groß und weit. Ich stand am Rande des schier unendlichen Feldes von Physik und Mathematik. Die Welt strömte auf mich ein und ich saugte sie auf mit all ihrer Faszination und auch mit all ihrer Schwere.

Hätte ich das an diesem Abend vor meiner Abreise ahnen können? Ich glaube nicht. Ein Kollege erzählte mir vor ein paar Wochen einmal, dass er in einem Vortrag eines Psychologen vernommen hätte, dass beim Hirnumbau eines Teenagers erst der Part der Emotionalität an die Reihe kommt und erst später der der Rationalität. Meine Tränen wuschen ein altes Leben ab, Emotionen siegten noch mit Leichtigkeit über das rationale, analytische Denken. Mit meinem Koffer verließ ich ein Leben, das ich in seiner Grundstruktur nie wieder betrat. Ich bin froh um die Weite der Welt, die heute noch viel größer ist als die Weite der Welt zu Studienzeiten. Was sagt mir meine Erinnerung? Sie ist heute ein Gefühl der Dankbarkeit, dass es diesen Abend gab, dass es diesen Abschied und diesen Aufbruch gab. Es hätte alles anders kommen können…

Die Musik ist in meinem Leben immer noch wichtig. Das Tonband ist längst moderneren Medien gewichen. Die „Sad Songs“ sind mir geblieben. Höre ich einen von ihnen, dann scheint in der Erinnerung manchmal dieser Abend vor mehr als 40 Jahren auf.

© BPa / 08-2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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