Christa Astl

Sein zweites Glück

 

 

Agnes war schon in reiferen Jahren, stand bereits kurz vor der Pension. Sie war alleinstehend, hatte nur einen kleinen Freundeskreis, da sie sich nicht an Menschen binden konnte und wollte. Da flatterte die Einladung zum Klassentreffen nach 45 Jahren ins Haus. Klar, dass sie daran teilnehmen wollte! Auch wenn sie seit damals von niemandem mehr etwas gehört hatte, es interessierte sie doch, was aus den ehemaligen Mitschülerinnen geworden war und wie sie sich verändert hatten.

Nach anfänglichem Abtasten fand man sich gleich wieder so zusammen, wie es in der Schulzeit war. Einige Freundschaften wurden erneuert, gefestigt, man versuchte in Verbindung zu bleiben. Wie in alten Zeiten, mit handgeschriebenen Briefen, geschmückt mit Bildern und Zeichnungen, schrieb sie einer der alten Freundinnen, man erzählte sich die Lebensgeschichten, die aktuellen Ereignisse, auch gesundheitliche Probleme wurden erörtert, - und Einladungen zum Besuch ausgesprochen.

Agnes hatte ihren ganzen Urlaub noch vor sich und nahm die Gelegenheit wahr, die Freundin im Norden Deutschlands aufzusuchen. Eine wunderschöne Villa mit wohl gepflegtem, parkähnlichem Garten und ein lieber Ehemann, der sich als vorzüglicher Gastgeber und Fremdenführer  zeigte, erwarteten sie. Er schien seine Frau auf Händen zu tragen. Die glücklichen Tage vergingen, wie alles Schöne, im Flug.

Doch dann kehrte sich das Schicksal. Die Briefe wurden seltener, die Freundin ließ sich mit der Antwort immer länger Zeit. Ein Brief im zeitigen Frühjahr, in dem sie ihre Sehnsucht und Vorfreude auf die ersten Blüten zum Ausdruck brachte, war ihr letzter. Einen Monat drauf kam die Todesanzeige mit ein paar persönlichen Worten von ihrem Mann.

Agnes schrieb ihm zurück, beide führten ein langes Telefonat, ihm tat es gut, mit der Freundin seiner Gattin reden zu dürfen. Da er wegen einiger Dokumente in die Heimat seiner Frau fahren musste, die in Agnes‘ Nähe lag, vereinbarten sie ein Treffen, das aber leider nicht zustande kam. So folgte Agnes kurz vor Weihnachten seiner Einladung, ein Adventwochenende mit ihm zu verbringen.

Es waren ereignisreiche, auch folgenreiche Tage. Neben allerlei Unternehmungen, Wanderungen, die er mit seiner Frau gemacht hatte und nun Agnes teilnehmen ließ, erzählte er an den langen Abenden viel aus seinem Leben, besonders aber vom vor mir verborgenen langen Leiden seiner Frau bis zu den letzten Stunden. Oft überkam ihn der Schmerz und nahm ihm die Stimme.

Agnes empfand tiefes Mitleid mit dem Mann, der in so treuer Liebe mit seiner Frau verbunden war, es musste eine der seltenen guten Ehen gewesen sein, wie man sie sich nur wünschen konnte. Lange hielt sie ihn umarmt. Dass daraus etwas anderes entstehen könnte, war nicht in ihrem Plan.

Aber das Schicksal schien es so zu wollen. Noch zwei Tage blieb Agnes bei ihm. Es waren wunderschöne Tage für sie, mit so viel warmer Freundlichkeit, die sich auch in zärtlichen Berührungen zeigte, die sie nie vergessen konnte.

Manch lange Telefonate, erst vereinzelte E-Mails, die dann immer häufiger wurden, verstärkten den Kontakt und aus Freundschaft begann sich Liebe und Sehnsucht  zu entwickeln. Im zeitigen Frühjahr war es dann so weit, er stieg in den Zug um zu ihr zu fahren. Liebe und Leidenschaft waren erwacht, es waren innige Tage mit einander. Nie hätte Agnes geglaubt, dass es so was geben könnte, und dazu noch in ihrem Alter! Aber nicht nur sie fühlte sich plötzlich jung, wie zum ersten Mal richtig verliebt. Für ihn war es die zweite große Liebe, wie er ihr immer wieder versicherte, auch wenn Agnes es gar nicht wollte, dass er wegen ihr seine erst vor einem halben Jahr verstorbene Frau vergaß. Er wollte nur im Moment leben, um von diesen Momenten dann, wenn er wieder allein zu Hause war, zu zehren.

Viel zu kurz war die Zeit, der Abschied fiel schwer, die letzte Umarmung schien kein Ende zu finden, dann trug ihn der Zug wieder in den Norden. Agnes war erschöpft, sie legte sich, obwohl es später Nachmittag war, in sein Bett, um seinen Geruch noch einmal aufnehmen zu können.

Wieder berichteten sie einander ihre täglichen kleinen Erlebnisse, sprachen von ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht nach einander. Der Sommer war mittlerweile ins Land gezogen, auf den Bergen blühten die Almrosen. Als großer Naturfreund wollte er sich diesen Anblick nicht entgehen lassen und er kam wieder. Leider spielte das Wetter gar nicht mit und sie wanderten unter grauem Nebel bergauf. Dort gab es einen kleinen zauberhaften See, auf dem ein kleines Boot trieb und von Zeit zu Zeit wie durch Geisterhand zwischen Nebelfetzen erschien. Lange saßen sie windgeschützt am Fuße eines Felsens und träumten ihren Traum. Eisiger Regen trieb sie dann bergab.

Zwei Monate später, schon zu Beginn des Herbstes, lud er sie wieder zu sich ein. Diesmal bat er sie, nicht mehr im Gästezimmer zu schlafen, sondern bei ihm. Sie malten sich eine gemeinsame Zukunft aus, besprachen die Arbeiten in Haus und Garten, wie sie sich mit ihrer neuen Ausbildung in der Gemeinde einbringen könnte. Er zeigte ihr im Auto die nähere und weitere Umgebung seines Ortes, sie begann sich bereits etwas heimisch zu fühlen und mit den Nachbarn rundum anzufreunden. Ihren Dialekt musste sie der Hochsprache, die dort gesprochen wurde, opfern, aber das störte sie nicht im Geringsten. Agnes war glücklich wie nie im Leben. Im Dezember hoffte sie, würde ein entscheidendes Gespräch folgen, dann kannten sie sich ein Jahr.

Doch es wurde ganz anders. Es ging ihm gesundheitlich nicht gut, fast täglich hatte er leichtes Fieber, um Weihnachten stand ein Spitalsaufenthalt auf dem Plan. Dann hörte sie nichts mehr. Agnes hatte große Angst, sah ihn schon nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, als Pflegefall, wäre am liebsten gleich hingefahren. Sie erkundigte sich telefonisch bei seinen Nachbarn, da sie ihn nicht am Telefon erreichte. Endlich antwortete er, war wieder zu Hause, es ginge ihm bereits besser, von einem Kommen sagte er nichts. Agnes wollte warten. Wochen später aber rückte er damit heraus, dass er eine andere Frau kennen gelernt hatte und diese in absehbarer Zeit heiraten werde.

Für Agnes brach die Welt zusammen. Nur ein Jahr des Glücks war ihr gegönnt, ihr Leben hätte sie für einige weitere Jahre gegeben, aber diese schenkte er seiner Neuen.

Er beschloss, sein schönes Haus mit dem Garten zu verkaufen, alles bisher Gewohnte und Liebgewordene zurück zu lassen und mit dieser Frau eine Wohnung zu suchen. Oft und lange telefonierte er mit Agnes, bat um ihr Verständnis, das sie ihm nicht geben konnte. Sie wusste nicht, was seine Entscheidung zugunsten der anderen beeinflusst hatte. Es half nichts, Agnes musste ihr Leben neu orientieren und sich bemühen, ihn zu vergessen. Reisen führten sie nach verschiedenen Orten, wo sie hoffte, neue Eindrücke und neue Lebensfreude zu finden. Bekanntlich heilt die Zeit doch alle Wunden, sofern man ihr Zeit dazu lässt. Eine lockere Verbindung bestand noch, ob seine Frau davon ahnte, wie es früher war? Zwei Jahre später lud er sie ein. Für Agnes war alle Leidenschaft inzwischen verflogen, die Liebe einer Freundschaft gewichen. Bei ihm schien es noch anders gewesen zu sein, denn einmal schenkte er ihr einen langen, sehr tiefen Blick, dem sie nicht standhalten konnte. Zu viel wäre wieder aufgebrochen.

Einige Male schrieben sie einander noch, meist zu bestimmten Anlässen. Doch immer wieder sprach er von gesundheitlichen Problemen, von neuen Medikamenten. Im Sommer drauf, zwei Monate nach ihrer letzten Mail, kam die Todesnachricht, von seiner Frau gesendet.

Nur kurz hatte sein zweites Glück gedauert.

 

 

ChA 26.02.17

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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