Anja Pompowski

Neulich in der Bar

Tom arbeitete noch nicht lange in dieser Bar, aber der Job gefiel ihm immer besser; vor allem, wenn die Gäste weiblich waren und so attraktiv, wie die Rothaarige, die gerade das Lokal betrat. Sie setzte sich an den Tresen und bestellte eine Pina Colada.

 

Frauen ohne Begleitung kamen praktisch nie hier her. Der Barkeeper überlegte, ob sie wohl auf Männerfang sei und er wohlmöglich Chancen bei ihr hätte. Sie gefiel ihm gut mit ihren langen Locken, und ihr grünes, hautenges Kleid betonte ihre elfenhafte Figur. Ob sie Model war?

 

Er servierte der Schönen den Drink und stellte überrascht fest, dass sie aus der Nähe betrachtet wesentlich älter sein musste, als er zunächst annahm. Tom schätzte sie auf Ende vierzig. Zu alt für mich, entschied er. Obwohl …? An einer festen Beziehung war er ohnehin nicht interessiert. Er versuchte, ein Gespräch anzufangen. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. So eine hübsche Frau wäre mir sicher aufgefallen. Kommen Sie von außerhalb?“

 

„Ja“, antwortete sie knapp, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

 

„Sind Sie beruflich in Hamburg?“

 

Achselzucken.

 

Tom gab auf. Bei der konnte er nicht landen. Der Abend schien wohl doch nicht so vielversprechend zu werden, wie er vermutet hatte. Wenn so wenig los war wie heute, wollte die Zeit einfach nicht umgehen.

 

An dem kleinen Tisch rechts in der Ecke knutschte ein Mann im Greisenalter mit einer jungen Frau rum. Sie sah nicht direkt aus wie eine Prostituierte. Wahrscheinlich arbeitet die Maus bei so einem Escort Service und bietet gegen entsprechenden Aufpreis spezielle Sonderdienste an, dachte Tom. Na ja, wie dem auch sei …. Ein Hoch auf Viagra.

 

Harry, der praktisch zum Inventar gehörte und wie immer auf dem Hocker neben der Klotür saß, bestellte seinen dritten doppelten Korn. Einen würde er noch trinken, zahlen und dann heim gehen, in der Hoffnung, dass seine Frau schon schlief und er keinen Ärger bekäme.

 

Ein leicht ergrauter, korpulenter, dem schnieken Anzug nach zu urteilen offenbar gut situierter Vollbartträger kam in das Lokal und steuerte direkt auf die Hübsche zu.

 

„Dieser Platz ist doch noch frei, oder?“, fragte er und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, auf den Hocker neben sie.

 

„Jetzt nicht mehr“, murmelte sie.

 

„Was führt eine so schöne Frau wie Sie wochentags zu solch später Stunde allein in eine einsame Bar?“

 

Plumpe Anmache, dachte Tom, grinste und freute sich schon auf die Abfuhr, die der Dicke gleich kassieren würde.

 

Da die Rothaarige nicht reagierte, fuhr der Anzugträger fort: „Lassen Sie mich raten. Sie sind für ein großes Düsseldorfer Moderhaus tätig und geschäftlich in Hamburg. Habe ich Recht?“

 

Verdutzt schaute sie ihn an. „Woher wissen Sie das.“

 

„Nun, draußen vor der Tür steht so ein schickes, rotes Cabriolet mit Düsseldorfer Kennzeichen und einem Labelaufkleber an der Heckscheibe von diesem exquisiten Modehaus, bei dem ich übrigens auch Kunde bin.“ Er strich seine Krawatte glatt.

 

„Gut kombiniert, Sherlock.“

 

Der Bärtige erzählte, er sei Börsenmakler und käme aus Frankfurt. Heute habe er einen besonders guten Deal gemacht. „Lassen Sie uns darauf anstoßen. Sie sind eingeladen“, sagte er und bestellte eine große Flasche Champagner. „Ich heiße übrigens Robert.“

 

„Ich bin Julia“, stellte diese sich charmant lächelnd vor.

 

Was hat der, was ich nicht habe?, dachte Tom und gab sich selbst die Antwort: Kohle. Geld macht schön und sexy, weiß man doch. Aber, noch ist nicht aller Tage Abend. Bestimmt wird der Kerl gleich zudringlich, dann greife ich sofort ein. Vielleicht kommt sie aus Dankbarkeit dann ja doch noch mit zu mir nach Hause. Er ließ die Beiden nicht aus den Augen. Verdammt, ich habe seit vier Tagen nicht gespült, fiel ihm ein. Hätte schon längst mal das Bett neu beziehen müssen.

 

Toms Plan ging nicht auf. Bald waren Julia und der Möchtegern-Romeo per Du, schienen sich prächtig zu verstehen und rückten immer näher zusammen. Ungläubig beobachtete der Barkeeper, wie der Bärtige der Roten etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin sie kichernd nickte und er um die Rechnung bat. Als die zwei Turteltäubchen schließlich eng umschlungen das Lokal verließen, fiel Tom die Kinnlade runter.

 

Noch viel überraschter wäre er wohl gewesen, wenn er gewusst hätte, dass Julia eigentlich Petra hieß und in einer Wurstwarenfabrik am Fließband arbeitete. Detlef alias Robert war als Paketfahrer bei einem privaten Zustellunternehmen beschäftigt. Seit der zehnten Klasse waren die Beiden ein Paar. Sie bewohnten ein kleines, renovierungsbedürftiges Zechenhaus in Wanne-Eickel, das Petra von ihrer Großtante geerbt hatte, und führten ein, ihren Einkommensverhältnissen entsprechend, recht bescheidenes Leben. Einmal im Jahr jedoch, an ihrem Hochzeitstag, entflohen sie ihrem Alltag, schlüpften in andere Rollen und entdeckten ihre Liebe neu.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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