Sven Eisenberger

Land des Lächelns

Kaum zu glauben, aber auch ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, und rein astrologisch gesehen bin ich eigentlich viel zu träge, um einen Streit vom Zaun zu brechen, welcher zudem noch unlängst vor dem Haus, das ich bewohne, entfernt wurde. Das Streiten besitzt ja auch keinerlei Wert an sich, so dass ich mich nur dann leidenschaftlich in die Zoffzone zu begeben vermag, wenn der Einsatz tatsächlich lohnenswert erscheint, was mehrzählig nicht der Fall ist. Jedoch wird mein angeborenes Ruhepotential seit geraumer Zeit durch zwei wiederkehrende Fragen erschüttert: Wohin ist die treibende Dialektik von Spannung und Entspannung, Dissens und Konsens, Auseinandersetzung und Versöhnung entschwunden, die vor der kollektiven Erstarrung bewahrt? Ist ein Zustand der Harmonie nicht notwendig auf eine vorausgegangene Störung, einen Konflikt angewiesen, der einem friedvollen Miteinander oder einem Kompromiss dann vorübergehend weichen muss?
Vielleicht ist das der Grund, warum mir die im Wortsinne häufig völlig grundlos erscheinende Nettig- und Artigkeit vorwiegend junger Leute verstärkt auf die Nerven geht. Wohin ich mich wende, ich bade in einem Meer des Lächelns und exaltierter Lieblichkeit; Harmoniejunkies fluten jede Passage, jedes Café, und dem öffentlichen Raum scheint jede Möglichkeit des Entzugs entzogen worden zu sein. Wenn einem solches selbst in Ostwestfalen auffällt - einer Region, die traditionell für vornehmlich spröde Umgangsformen bekannt ist -, dann muss unumstößlich ein gesellschaftlicher Um- oder Abbruch eingetreten sein. Ich betone, dass ich Höflichkeit sehr wohl zu schätzen weiß, nur sollte sie mehr sein als eine angenehme Hülle, die ein Vakuum umschließt. Auf die Gefahr hin, mir älter vorzukommen als ich bin, muss ich an dieser Stelle gleichgültig darauf bestehen, eine rebellische, empörungsfähige und -willige Jugend einzufordern, die wild und rotzig-trotzig daherkommt. Wann sonst sollte man das in seinem Leben sein können? Für die Pflegestufe III aufsparen, was man zuvor nicht einen Augenblick gelebt hat und dann wahrscheinlich auch nicht mehr vollbringen kann? Außerdem wird das in späteren Lebensphasen nur peinlich, wie die Fratze des schäumenden “Wutbürgers” zeigt, der dann zynischer Weise auch noch volkspädagogisch vereinnahmt wird, um der vorgeblich bedrohten Mehrheitsdemokratie mahnend in Erinnerung zu rufen, “wie wir doch eigentlich gar nicht sein wollen”. (Heiterer) Zwischenruf (von rechts): “Vergessen Sie mir nicht die Chaoten in Hamburg, junger Mann!” Ok, dann müssen wir das auch noch kurz abhandeln. Also, bei der ausufernden medialen Vorberichterstattung zur diesjährigen Aufführung der Anarcho-Festspiele ist das einzig Überraschende, dass sich überhaupt noch Überraschendes ereignen konnte. In vernünftige Relation gesetzt: Der Grad der Zerstörung übertraf keineswegs den einer einzigen Schützenfestsaison im Sauerland. Folklore hat eben ihren Preis! Wer als Teil der “Schwarzen Internationale” dort in medienfeile Aktion getreten ist, tat dies nicht zuletzt, weil man auf nationaler Ebene ansonsten kaum noch wahrnehmbar geworden ist. Ja, auch der “Schwarze Block” leidet seit Jahren unter Nachwuchsproblemen. Daran ändert auch die nekrophile Beschwörung eines Linksterrorismus von Seiten der Weißwurst-Konservativen nichts. Und wer Genua 2001 erlebt hat, kann über den Medienzirkus, der nach Hamburg veranstaltet wurde, nur den Kopf schütteln. Aber irgendwie auch schön, dass es noch Momente gibt, die selbst mir ein ungläubiges Lächeln ins Gesicht zaubern, weil sich ungefiltert einmal die ganze Piefigkeit dieser Republik einatmen lässt. Kann irgendjemand erklären, warum Globalisierungsgewinner ausnahmslos so provinziell wirken?
Weit davon entfernt, mich für einen Altersgrantler und Gewohnheitsquerulanten zu halten, stelle ich an mir gleichwohl ein wachsendes Unbehagen am hegemonialen Mediations- und Moderationsdiskurs fest. Konflikte werden eiligst wegmoderiert, bevor sie sich überhaupt entfalten können; potentielle Dissidenten und Abweichler werden im Vorhinein stigmatisiert, um sicherzustellen, dass man ihnen gar nicht erst zuhören muss. An jedem Ort verwendet das Verkaufs- oder Bedienungspersonal das unsägliche “Gerne!”, selbst wenn es gerade einmal den gesetzlichen Mindeststundenlohn verdient: Dafür kann doch ernsthaft keiner “gerne” arbeiten! Erst wenn ich als Kunde auf die elliptische Frage “Zahlen?” meinerseits mit einem enigmatischen “Gerne!” antworte, habe ich eine echte Chance auf eine menschenwürdige Kommunikation. Denn im Lande des Lächelns, in das sich diese Republik schleichend verwandelt hat, zeigen mittlerweile nur noch Zyniker und eiserne Ironisten wahrhaft menschliche Züge. Der allgegenwärtige heitere Operettenstil lässt zuvorderst Hollywood-Filmkundige Schlimmstes befürchten, denn er erinnert fatal an ein “Pleasantville” oder “The Stepford Wives” oder auch “Bodysnatchers”. Vielleicht haben jene vermeintlichen Spinner, die an globale Verschwörungen à la Chemtrails oder Nano-Roboter im Trinkwasser glauben, am Ende doch recht, oder ein Transformer-Virus hat längst seinen Weg aus geheimen Laboratorien heraus gefunden.


Diese Begegnung mit einer seltsam überdreht-absurden Freundlichkeit war mir bislang nur aus meinen Kurzbesuchen in Asia-Shops bekannt. Franz Lehars Sou-Chong lässt grüßen! Stets schloss ich schnell die Tür hinter mir in der Angst, dass sich diese Atmosphäre über die ganze Stadt ausbreiten könnte. Hat jemand, habe ich zuletzt vergessen, sie fest zu schließen? Doch weiß ich offen gestanden zu wenig über asiatische Kulturen, um all dies in den Kontext einer fortschreitenden “Asiatisierung” Europas stellen zu können. Es erscheint zumindest nicht gänzlich abwegig, die zunehmende Verlächlung dieser Nation als Folge tief eingeatmeter fernöstlicher Weisheit zu betrachten. Nicht wenige scheinen nur leider das Ausatmen vergessen zu haben! Wer sich auf das ausschließliche Leben im Hier und Jetzt konzentriert, hat schließlich allen Grund noch bei einem Stundenlohn von 5,60 Euro glücklich zu sein. Das ist vielleicht schon mehr als gestern, und morgen kannst du bereits tot sein – daran würden selbst 100 Euro die Stunde nichts ändern! Gegen diese Form der mentalen Globalprogrammierung ist das alte Schreckgespenst der “Amerikanisierung” wahrlich ein Treppenwitz. Ausbeutung und kultureller Kahlschlag kommen nun mit einem Lächeln daher – ein Szenario, das selbst der abgebrühteste Neoliberale sich in seinen kühnsten Visionen nicht schöner hätte vorstellen können. Auf die erschrockene Frage einer Buddhistin, ob ich Marxist sei, antwortete ich einmal: “Nein, eher Marxianer, denn mir kommt es oft so vor, als sei ich von einem fremden Planeten eingewandert!”
Aus Versehen las ich in einer griffbereiten Ausgabe des SPIEGEL, den ich schon vor 20 Jahren abgehängt hatte, jüngst die Kolumne eines geschätzten Altersgenossen zum “neuen Biedermeier”, der die Republik in der Merkel-Ära sanft in seinen Griff genommen habe. Einiges davon hätte ich persönlich zwar schon in die Amtszeit Kohls zurückdatiert, doch damals gab es in der Tat noch eine Phalanx aus kritischen und wortgewaltigen Intellektuellen, die sich einmischten. Heute herrscht dagegen eine brav-biedere Ideenlosigkeit vor: wenn man schon intellektuell ein dürftiges Süppchen kocht, dann soll es wenigstens auf liebenswürdige Art serviert werden. Pure Etikette – kaum einer getraut sich mehr, aus der Rolle zu fallen. Kein Brinkmann (Rolf Dieter!), kein Kinski, kein Schlingensief und auch kein Kippenberger weit und breit. Zu groß die Angst vor der öffentlichen Hinrichtung: den sozialen Tod im Internet zu sterben, fürchtet man mehr als die Isolation in der kümmerlich verbliebenen Restwirklichkeit. Die neue Nettigkeit ist primär aber weder Ausdruck einer guten Erziehung noch einer vermeintlichen Gemütlichkeit, da zum einen Streitbarkeit und gute Manieren keinen Gegensatz bilden, wie z.B. Ralf Dahrendorf, der “Lord”, schon Ende der 1950er Jahre unter Beweis stellte, als er erstmals vor den Folgen einer Demokratie warnte, die der Illusion unterliegt, ohne Konflikte auszukommen.(Beachtlich, wer einst alles in der FDP seine politische Heimat suchte!) Zum anderen hat sie etwas Resignatives und zutiefst Ängstliches, weil jegliche Zukunftszugewandtheit Abweisendes an sich, und das sind für mich eher Attribute einer misslungenen Erziehung.
Der Autor weiß, wie so oft, am Ende keinen Rat, doch sehr wohl, was er inmitten eines Überangebotes an lächerlich-unbegründeter Lächelei vermisst: das aufmunternde Lächeln seiner Großmutter, das wissende Lächeln des Großvaters, das unverwüstliche Lächeln des besten Freundes. Überdies weiß er, dass dieser Republik nur ein einziges Lächeln wirklich fehlt: das gebrochen-sensible und kluge Lächeln eines Roger Willemsen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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