Irene Beddies

Beinahe



Beinahe

Seit Tagen geschahen seltsame Dinge im Garten: Blumen waren verschwunden, nur noch ihre Stiele  von Blüten und Blättern übrig geblieben. Am Rand der Beete und unter dem Apfelbaum
waren Löcher gebuddelt worden. Wer war hier am Werk?

Klaus war sehr verärgert. Jedesmal, wenn er ein Loch zugeschaufelt hatte, wurde ein neues entdeckt. Greta war entsetzt, als im Vorgarten die Blumenrabatte an mehreren Stellen zerstört war.
Paolo war das alles gleichgültig, er hielt nicht viel von ordentlichen Vorgärten. Er würde sowieso
dort lieber Fußball spielen.

Mira und Berta aber wollten das Geheimnis endgültig lüften. Sie baten die Eltern, dass sie ausnahmsweise einmal in der Abenddämmerung draußen bleiben durften. Am Samstag war es dann soweit. Das Wetter war noch sehr warm, da konnten die beiden Mädchen sich auf den Rasen legen.

Zunächst geschah nichts. Berta war schon fast eingeschlafen, als Mira ihren Oberarm berührte. Und siehe da, da saß doch ein Kaninchen am Rand des Rasens und fraß von den gelben Blumen, die noch im Beet übrig waren. Berta hielt den Atem an und überlegte, wie sie sich unbemerkt dem niedlichen Tier nähern konnte. Da machte das Kaninchen ein Männchen, um an die Blätter von einer etwas größeren Pflanze heran zu kommen. Mira prustete laut los, es sah zu putzig aus. Das Kaninchen erschrak, hoppelte unter den Baum und verschwand in einem neuen Loch.

Das also war der Übeltäter.

Aufgeregt rannten die Kinder ins Haus und berichteten stolz, dass sie den „Zerstörer des Gartens“, wie Mira sich ausdrückte, „gestellt“ hätten.
Klaus sagte nur: „Das hatte ich mir eigentlich schon gedacht, dass es ein gefräßiges Kaninchen sein könnte.“ Greta seufzte: „Es wird schwierig sein, es loszuwerden. Was kann man da tun?“ Paolo sagte nur ein Wort: „Internet“.

„Ich weiß“, meinte Mira, „wir leihen uns Nita, den Hund von Frau Stolle, und lassen ihn im Garten hin und her laufen. Er wird das Kaninchen aufstöbern und vertreiben.“ „Er darf ihm aber nichts tun!“ rief Berta aufgeregt.

Gleich am Sonntag gingen Mira und Berta zu der Nachbarin drei Häuser weiter und berichteten von ihrem Plan. Frau Stolle lachte: „Viel Glück! Nita ist kein Jagdhund.“ Und so war es auch. Nita konnte oder wollte keine Kaninchenfährte aufnehmen. Deshalb bellte sie nicht einmal vor dem neuen Loch, an das die Mädchen die Hündin führten. „Vielleicht reicht es ja, wenn das Vieh den Hundegeruch wahrnimmt“, hoffte Klaus, „führt den Hund noch einmal in die Runde und auch ein wenig in die Beete. Sie sind ja ohnehin nicht mehr sehr ansehnlich.“

Am nächsten Morgen war wieder etwas von den Beeten gefressen worden. Das neue Loch war
noch vertieft, die ausgebuddelte Erde lag in einem Haufen daneben.

„Man soll es mit Krach versuchen, steht im Internet“, gab Paolo seine Recherche kund. „Ja, aber womit?“ „Und was werden die Nachbarn sagen, wenn wir großen Lärm machen!“ Die Eltern waren sich einig, dass Lärm nicht zu vertreten war. Und auch Berta hatte ihre Bedenken, wenn auch ganz andere: „Das arme Kaninchen kriegt dann  Ohrenschmerzen. Das tut ihm weh.“
Greta strich ihr übers Haar: „Ja, Berta, nicht nur dem Kaninchen, sondern auch uns.“

Fürs erste war die Diskussion beendet, denn die Kinder mussten in die Schule und die Kita, Greta und Klaus zur Arbeit.

Alle stiegen in die Familienautos. Klaus war als erster weg. Greta hatte etwas vergessen und schickte Berta noch einmal, es zu holen. Sie startete schon mal den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr an in Richtung Straße. Da hörte sie einen schrillen Entsetzensschrei von  Berta: „Das Kaninchen, du hast es überfahren, Mama!“ Erschrocken hielt Greta an und stieg aus. Auch Mira verließ voller Panik das Auto und schaute unter die Hinterräder. Nichts. Auch hinter oder vor den Vorderrädern war kein Blut. Berta aber legte sich bäuchlings neben das Auto und guckte darunter. Da saß das Kaninchen zusammengekauert und guckte Berta direkt an. „Was machen wir nun? Wie kriegen wir es darunter vor?“, fragte Mira entgeistert. „Mama kann doch nicht einfach weiter fahren.“ „Ich hole die zerbrochene Zaunlatte. Damit scheuchen wir es unter dem Wagen weg“, meinte der praktisch veranlagte Paolo.

Und so geschah es. Es dauerte zwar einige Zeit, bis das Kaninchen das Ärgernis mit der Latte satt hatte und weghoppelte. „Ich pass auf, dass es nicht nochmal unter das Auto geht“, versprach Berta und baute sich neben dem Auto in der Einfahrt auf. Das war aber nicht nötig, denn das Tierchen hatte sich in seinem Loch verkrochen.
Hoch zufrieden stieg Berta an der Straße zu den anderen ein.

Am nächsten Tag war das Kaninchen – sehr zu Bertas Bedauern – aus dem Garten „ausgewandert“, wie Mira es nannte.

 

© I. Beddies

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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