Corinna Bergmann

Ein zuvorkommendes Mädchen

Zuvorkommenheit lag in Janas Natur. Sie konnte nicht anders, als ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, wenn jemand plötzlich und dringend ihrer Hilfe bedurfte, was, oh Wunder, ständig vorkam. Aus diesem Grund hatte sie bloß einen Seufzer unterdrückt und ihre eigenen Pläne verworfen, als die Westons sie gebeten hatten, ihre Kinder zu hüten, damit sie selbst auf eine „absolutely crazy Halloween-Party“ gehen konnten. Die Westons kamen aus Ohio und waren vor Kurzem in die wunderschöne Jugendstilvilla in Janas Nachbarschaft gezogen.

Als Jana zur vereinbarten Zeit an der Tür der Westons klingelte, öffnete die zwölfjährige Sally. „Die Eltern sind schon weg“, sagte sie. Ihr Deutsch war, dank ihrer aus Deutschland stammenden Großmutter nahezu fehlerfrei, mit Ausnahme des leichten amerikanischen Akzents.

„Na denn“, sagte Jana und betrat das modern eingerichtete Haus, das sie bereits von der Einweihungsparty her kannte.

Jana hängte ihre Jacke auf. „Wo ist denn David?“

„Im Kinderzimmer.“ Sally deutete nach oben. „Wir bereiten etwas Tolles für dich vor!“, erklärte sie großspurig. „Und du darfst uns dabei nicht stören und erst kommen, wenn wir es dir sagen. Sonst wäre es ja keine Überraschung mehr.“

Jana lachte. „Kein Problem. Ich mach’s mir solange im Wohnzimmer gemütlich, okay?

„Okay.“ Sally zuckte gleichmütig mit den Schultern und lief, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Jana hörte, wie sich die Tür zum Kinderzimmer schloss, und freute sich, weil es sich bei den beiden kleinen Westons offensichtlich um die seltene Art von Kindern handelte, die keinen erwachsenen Entertainer brauchten. Erleichtert ließ sie sich auf die riesige Couch fallen und zappte sich durch amerikanische und deutsche Programme. Keine der Sendungen gefiel ihr. Jana drehte den Ton leiser und beschloss, ein bisschen zu dösen.

Irgendwann weckte sie das laute Ding-Dong zu Beginn der Abendnachrichten. Jana sah auf die Uhr und erschrak. Über zwei Stunden lang hatte sie fest geschlafen. Das Abendessen…, dachte sie, immer noch schlaftaumelig. „Ich muss den Kindern irgendwas zu essen machen…“ Widerwillig stemmte sie sich aus den zerknautschten Kissen und wanderte in die Küche. Der Kühlschrank war, bis auf ein angefangenes Päckchen Butter, völlig leer.

„Was soll das!“, grummelte Jana. Natürlich hatte sie fest damit gerechnet, dass die Westons für genug Essen gesorgt hätten. Jana öffnete einige Schränke in der Küche. Nichts außer Geschirr. Als sie wahllos eine der Laden aufzog, stieß sie einen heiseren Schrei aus. Da lag ein abgeschnittener Finger! Mitten im Essbesteck! Bei nochmaligem Hinsehen stellte sich heraus, dass es sich um einen Flaschenöffner handelte. „Wie originell!“, murmelte sie.

Die Speisekammer! Jana öffnete die Tür und suchte vergeblich nach dem Lichtschalter. Zum Glück konnte sie dank der Küchenbeleuchtung gerade genug sehen, um festzustellen, dass sämtliche Regale leer waren – bis auf ein paar Konservendosen. Und noch mehr Halloweenspaß: ein Haarzopf etwa, der an einer Metallschiene befestigt war, oder eine abgeschnittene Hand mit rot lackierten Fingernägeln. Gleich daneben lag ein Männerbein mit schwarzen Stoppeln an den Unterschenkeln … In einem großen Einweckglas befand sich etwas, das aussah wie eine Nase, umrahmt von schwarzen, struppigen Haarbüscheln ... Im schwachen Lichtschein konnte Jana noch mehrere, kleinere Körperteile in Gläsern und bauchigen Flaschen ausmachen. Kopfschüttelnd schloss die Tür.

Wenn die kleinen Rotznasen ernsthaft glaubten, sie könnten ihre Nanny mit ein paar Plastikleichenteilen erschrecken, dann hatten sie sich zu früh gefreut. Jana grinste und beschloss, das Abendessen bei Pietro’s Pizze zu ordern. Aber vorher würde sie nach den Kindern sehen.

Sie ging zum Treppenabsatz und lauschte nach oben. Kein Laut war zu hören. Sie rief nach den Kindern. Keine Reaktion.

„David! Sally! Nun kommt schon!“ Nichts. Jana wurde ein wenig mulmig zumute. Die hatten doch hoffentlich nichts angestellt?

„Ihr könnt auch später an eurer Überraschung weiterbasteln.“ Verdammt, wieso hörten die nicht? Jetzt war Jana wirklich beunruhigt. „Ich will Pizza bestellen!“ Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe zum Kinderzimmer hinauf und drückte die Klinke hinunter. Die Tür war abgeschlossen. Panisch hämmerte Jana dagegen. „Kommt ihr jetzt bitte da raus?“ Ihre Stimme klang schrill. Verdammt, sie hätte nicht einschlafen dürfen, sie hätte die Kinder niemals so lang allein lassen dürfen, sie hätte…

Ein klickendes Geräusch war zu hören. Die Tür ging auf und David steckte seinen Kopf heraus. „Warum schreist du denn so?“ Er wirkte verwundert. „Du kannst reinkommen“, rief Sally im Hintergrund. Jana trat zögernd über die Schwelle. Das Kinderzimmer war in schummriges Nachtlicht getaucht. Unnatürliche Hitze schlug ihr entgegen und es roch nach Rauch und gegrilltem Fleisch …

„Du musst keine Pizza bestellen“, erklärte Sally. „Wir haben das Abendessen schon fertig.“ Sie deutete auf den riesigen Grill in der Mitte des Zimmers. „Das ist deine Überraschung.“

Verwirrt trat Jana näher. Auf dem Rost brutzelten riesige Fleischbrocken und daneben – auf einem kleinen Tisch – lag Mrs. Westons Kopf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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