Wolfgang Küssner

D a m !

Die Begegnung mit der ersten großen Liebe bleibt sicherlich ein unvergessenes Erlebnis. Der Anblick des neugeborenen, eigenen Kindes, des Enkelkindes wird in bester Erinnerung bleiben. Da gibt es im Laufe des Lebens eventuell Zusammentreffen mit recht prominenten Persoenlichkeiten; Schauspielern, Komponisten, Dirigenten, Politikern, Schriftstellern, Regisseuren etc. die im Gedächtnis Anker werfen. Und dann trifft man ploetzlich und ganz unvorbereitet auf einen Menschen, dessen Leben, Ausstrahlung, Schicksal, Kraft besonders berührt, von großer Nachhaltigkeit ist. Von einem solchen Mitbürger soll in dieser kleinen Geschichte erzählt werden.

Ein kleines Dorf irgendwo im Süden Thailands. Die Region ist von Kautschuk-Plantagen geprägt. Überall sind diese Bäume in Reih und Glied stehend zu sehen. Nachts wird der aus den Kerben in der Rinde tropfende, weiße Saft geerntet, tagsüber verarbeitet. So auch hier in der Fabrik, die Leben und Rhythmus des einfachen Dorfes bestimmt. Die meisten Bewohner sind in der Fabrik tätig. Das Leben gestaltet sich eher bäuerlich einfach; es sind recht bescheidene Verhältnisse. Das war vor vielen Jahren so und hat sich bis heute nicht groß verändert.

Die Überschrift zu dieser Geschichte enthält keinen Fehler. Es wurde kein zweites m vergessen; da hätte kein s oder ß statt des m stehen sollen. Dam ist Thai und heißt übersetzt schwarz. Und es ist ein Spitzname, wie nahezu alle Thais einen tragen. Da seine Haut geringfügig dunkler war, was im warmen, sonnigen Süden des Landes keine Seltenheit ist, erhielt Dam diesen Nickname. Das Ausrufezeichen der Überschrift gehoert nicht zum Namen. Der Autor hat den Namen vor lauter Bewunderung und Respekt  mit diesem Ausdruckszeichen versehen. Der Leser wird es im Verlauf der Geschichte vielleicht nachvollziehen koennen.

An unsere erste Begegnung vor etwa sechzehn Jahren kann ich mich noch gut erinnern. Ein freundlich-lachender Mann mit vom Kauen der Betelnuss geroeteten Zähnen saß im Schatten eines provisorischen Unterstandes und bot kleine Süssigkeiten und Kuchen zum Verkauf an. Daneben kochten zwei bodenständige Thaifrauen verschiedene Gerichte für die Bewohner des Dorfes. Der Stand mit ein paar Bänken und Tischen befand sich direkt an der kleinen, sandigen Dorfstraße. Im Hintergrund die Hallen der Kautschukfabrik. Unsere Zeit war etwas knapp bemessen, doch wir versprachen, in Kürze wiederzukommen und taten es auch.

Dam empfing uns freudestrahlend. Wir hatten Wort gehalten und natürlich ein kleines Geschenk mitgebracht. Im Gästehaus der Fabrik wurde ein Zimmer für uns bereitet, wir sollten unbedingt zum Abend, zum gemeinsamen Essen bleiben. Und so fuhren wir mit Dam in ein Restaurant im nahegelegenen groeßeren Dorf. Wir waren die einzigen Gäste; das Essen war hervorragend; Dam war hocherfreut, für wenige Stunden das Dorf einmal verlassen und vergessen zu koennen, etwas zu hoeren aus der großen weiten, bunten Welt, die für ihn nahezu unerreichbar war. Vielleicht zogen alte Jugend-Träume durch seinen Kopf, wurden Erinnerungen an frühe Lebensplanungen wach. Davon war nichts zu spüren. Da war auch keine Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Depremiertheit zu merken. Im Gegenteil, da saß ein zufriedener, in sich ruhender, glücklich wirkender Mensch am Tisch.

Dabei hatte das Schicksal vor vielen Jahren brutal zugeschlagen. Dam hatte Besuch von einem guten Freund gehabt, diesen dann am Tag der Abreise zum nächsten Bahnhof gebracht, um sich vom ihm zu verabschieden. Der Zug Richtung Bangkok hatte mehrere Minuten Aufenthalt und Dam begleitete seinen Freund ins Abteil. Da man sich lange nicht gesehen hatte, gab es bis zur letzten Minute viel zu erzählen. Sofort nach dem Pfeifsignal zur Abfahrt des Zuges, setzte sich dieser langsam in Bewegung und Dam lief zur Tür, um von der Plattform des leicht rollenden Zuges auf den Bahnsteig zu springen.

Doch Dam stürzte dabei ausgesprochen unglücklich und geriet auf die Gleise unter den Zug. Ein Stopp war nicht mehr moeglich. Beide Unterschenkel wurden Dam von den schweren Rädern abgetrennt, der Koerper kurz mitgeschleift und dabei der rechte Arm stark beschädigt. Da alles noch auf dem Bahnhofsgelände passierte, konnte relativ schnell ärztliche Hilfe organisiert werden. Die Unterschenkel waren leider nicht mehr zu retten gewesen, der rechte Arm verlor erheblich an Funktionsfähigkeit. Dam hatte riesiges Glück gehabt, war am Leben geblieben, wenn auch mit erheblichen, massiven koerperlichen Behinderungen.

Zum Zeitpunkt des Unglücks war Dam um die 20 Jahre jung. Das Leben sollte eigentlich erst richtig beginnen, vor ihm stehen. Doch nun war er auf die Hilfe anderer angewiesen; allein fast nicht zum Überleben fähig. In der Nachbarschaft lebte eine junge Frau, die sich berufen fühlte, Dam nach allen Kräften zu unterstützen, zu pflegen, zu helfen. Ob sie seinerzeit von Dams Homosexualität wußte oder nicht, war und ist unerheblich. Sie hatte sich zur Hilfe entschlossen und tat dieses. Als beide in dem Dorf kurz darauf in eine gemeisame Wohnung zogen, litt seine Frau an einer starken Reduzierung der Sehkraft. Offensichtlich kommt ein Schicksals-schlag selten allein, denn die Kraft der Augen ließ langsam nach, die Frau erblindete nach realtiv kurzer Zeit.

Die Kunde von Dams außergewoehnlichem Leidensweg erreichte irgendwann das Koenigshaus in Bangkok. Ihre Koenigliche Hoheit Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn wurde aktiv und organisierte für Dam zwei Prothesen und brachte Dam damit wieder in die aufrechte Position, auf Augenhoehe mit seinen Mitmenschen. Nach vielen verzweifelten Versuchen konnte er mit der erfahrenen Hilfe gehen und am Leben teilnehmen. Eines Tages durften sich Dam und seine Frau über die Geburts eines gesunden Mädchens freuen. Die Kleine wuchs heran, war ihren beiden behinderten Eltern immer eine große Hilfe und machte in der Schule durch überdurchschnittliche Leistungen auf sich aufmerksam. Der Regierung blieb das nicht unbekannt, sie bewilligte Gelder, um die Ausbildung zu foerdern. Heute arbeitet sie - zum ganzen Stolz  ihrer Eltern - in führender Position in einem Staatsbetrieb.

Das gemeinsame Abendessen hatte allen Teilnehmern viel Freude bereitet. Zufrieden fuhren wir ins kleine Dorf zurück und begaben uns zur Ruhe. Am nächsten Morgen wartete Dam bereits vor dem Gästehaus der Kautschukfabrik auf uns. Wir sollten unbedingt noch zu seiner Wohnung kommen. Gestern hatten wir viel über die Vergangenheit gesprochen und nun wollte er uns doch noch ein paar Fotos aus früheren Tagen zeigen. Und da bekamen wir einen wunderschoenen, attraktiven jungen Thai von 18 Jahren zu sehen; strahlend, optimistisch in die Zukunft schauend, glücklich – ein stolzer Dam vor dem Schicksalsschlag.

Er strahlt heute noch immer, er schaut immer noch positiv drein. Wo nimmt Dam diese ganze Kraft her? Er hat sich offensichtlich nie fallen lassen, nie gehen lassen, nie aufgegeben, immer nach vorn, nach morgen gesehen, eine kleine, bescheidene Zukunft im Blick gehabt. Dam ist für mich ein kleines Wunder.

Wenn ich uns wohlstandsverwoehnten, längst gesättigten und doch nimmersatten, gierigen Bürger auf hoechstem Niveau klagen hoere (und auch ich bin nicht immer frei davon), wie dieses oder jenes nicht optimal, nicht zufriedenstellend läuft, was alles hätte besser sein koennen, müssen; wie schnell wir Vorurteile haben, urteilen, verurteilen und den Menschen dahinter, mit seiner Suche nach ein bißchen Glück, Zufriedenheit, nach Zukunft, Sicherheit,  nach Wärme, Liebe, Frieden total ausschalten, dann denke ich so manches Mal an die Begegnung zurück, an die Begegnung mit Dam!

 

Januar 2017

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