Hans Fritz

Laute Malerei

Adam und Eva Zischebier sind Inhaber eines Ladens für Bürobedarf und Souvenirs in der Unteren Schlossgasse. Das Haus, das sie in dritter Generation bewohnen, ist eines der letzten noch erhaltenen herrschaftlichen Gebäude und steht unter Denkmalschutz.

Im Stockwerk über dem Laden befinden sich grosse Räume für verschiedene Zwecke. Der ehemalige Speisesaal ist als Kursraum eingerichtet. Hier halten die Zischebiers mittwochsabends Lesungen und Kurse ab. Im Übrigen sind sie umgängliche Leute und bei Nachbarn und Kunden beliebt. Ein paar unverbesserliche Böse Zungen behaupten, Frau Zischebier führe das Regiment im Haus. Früher machte Adam ihr den Hof, heute macht er ihr die Küche. Heisst es.

In einer von Adam und Eva gemeinsam verfassten Ballade geht es um den fehlenden Weitblick eines Optikers, der sich deshalb vor einem Linsengericht verantworten muss. Ein Kritiker meint: «Die haben einen Schreibstil wie die ersten Menschen».

Im Kursraum stehen auf drei langen Tischen je acht Oldtimer-Monitore, die Herr Zischebier zum symbolischen Preis für einen Euro pro Stück von der Gemeindeverwaltung erworben hat. Ein bunter Perlenvorhang grenzt einen hübsch eingerichteten Nebenraum gegen den Saal ab.

Für heute Abend ist zum Gedankenaustausch über das Thema Freie Dichtung und Lautmalerei geladen. Nach Professor Trochaeus’ Vortrag letzte Woche über das Thema Metrik, soll der aktuelle Kurs die Teilnehmer mit leichter Kost verwöhnen.

Einige Teilnehmer sind «Aktive», die kaum einen Kurs versäumen, wie Herbi, Evelyn (Evas Nichte) und Bobby. Im Nebenraum herrscht Fridolin, der Graupapagei, der sich gerne durch originelle und weniger originelle Kommentare lautmalerisch bemerkbar macht. Wohlgemerkt, er plappert lediglich das nach, was er einmal aufgeschnappt hat, oder er antwortet, bei erstaunlichem Repertoire, auf ein Stichwort.

***

Der Kurs hat gerade begonnen und wir mischen uns als unsichtbare Gäste zum Zweck ausgiebigen Kiebitzens unter die Teilnehmer.

Eva: Ich begrüsse euch herzlich zum heutigen Kurs. Unser Thema lautet: Wann ist pure Lautmalerei anstelle üblicher Worte sinnvoll. Wie setze ich meine Idee zur Gestaltung eines Ereignisses, eines Erlebnisses undsoweiter um. In der Form einer freien Prosa, eines vielleicht liedtauglichen gereimten Gedichts oder schlicht als Folge von Lauten? Kann ich vielleicht ein bereits in Worte gefasstes Gedicht in eine blosse Lautfolge transponieren?

Adam: Gestattet mir ein paar Worte zum Wesen des Gedichts. Unter einem Gedicht verstehen die meisten Menschen etwas das sich reimt. Aber was ist schon ein Reim. Reimen kann jeder, kann Verse aus reinen oder unreinen Reimen zusammenschustern nach dem Motto: Es gibt nichts Gereimtes, ausser man leimt es. Aber hauptsächlich kommt es auf das richtige Versmass sowie den Rhythmus einer Strophe an. Es müssen Hebungen und Senkungen beachtet werden.

Herbi: Schreibst du über Bambus, achte auf den Jambus.

Fridolin: Da-ámdada, da-ámdada.

Evelyn: Aber es kommt doch auch beim Gedicht besonders auf den Inhalt an –

Adam: Selbstverständlich. Aber das Metrum sollte stimmen.

Herbi: Sollen wir denn heute noch Sonette nach klassischem Muster schreiben? Oder gar eine terzina dantesca? Das ist verdammt schwierig. Welcher Komponist schreibt denn heute noch ein Menuett in alter Manier, das in höheren Musikerkreisen Resonanz finden und beim notorischen Technofan kein Befremden auslösen soll?

Eva: Das sollten wir dem jeweiligen Autor überlassen. Wenn ein Gedicht in seinem Aufbau zum Beispiel einer Dezime ähneln sollte, sollte es möglichst nicht den Untertitel Dezime tragen.

Bobby [wartet wie gewohnt mit einer Albernheit auf]:
Mein Vers der hat drei Zeilen,
drei Zeilen hat mein Vers.
Und wenn er nicht drei Zeilen hat,
dann ist es nicht mein Vers.

Fridolin: Dadí dadí dadída –

Herbi: Hallo Fridolin, das war klasse umgesetzt.

Auf dem Bildschirm erscheint jetzt ein Werbespot: Palmasanol forte, die wohltuende Frische für durch rhythmisches Klatschen überstrapazierte Handflächen.

Eine Dame kommt zu spät und findet in der zweiten Reihe einen freien Platz.

Adam: Nun genug des grausamen Spiels, ich meine der Einführung. Um Änderungen oder Ergänzungen im Aufbau eines in Worte gefassten Gedichts vorzunehmen, kann Lautmalerei hin und wieder nützlich sein. Viele volkstümliche, meist vertonte Gedichte glänzen teilweise, doch meist am Ende, mit fidiralala, holdrio, juchheissassa, dem kindlichen lalala undsoweiter.

Fridolin: tralala -

Adam: Ich stelle mir das Umsetzen einer Idee zur Politikverdrossenheit eines Durchschnittsbürgers vor, soweit zum Beispiel das Vertuschen der Problematik der Flüchtlingskrise und/oder der schleichenden Staatsverschuldung im Fokus stehen. Wie könnte die Alternative zu einem herkömmlich verfassten «garstigen» politischen Gedicht lauten, so als Selbstlaut-, Mitlaut- oder gemischte Lautfolge?

Evelyn: Ich hätte dazu einen Vorschlag. Darf ich?

Adam: Na klar.

Evelyn:
Dadadadada dadadada da da da da

dum dum
dadadadada dadadada da da da da
dum dum
dadadadada dadadada da da da da
dum dum ….

jetzt alle! Aber bitte ohne Klatschen.

Kevin begleitet einen stürmischen «Dadaismus» mit der Handtrommel und alle reisst’s vom Stuhl, das heisst Fridolin von der Stange.

Fridolin: dadadum – rum rum, dadadum – rum rum -

Herbi: Soll mal einer sagen wir hätten etwas gegen Rhythmus. Dem der die Trommel hat gerührt, unser extra Dank gebührt.

Gediegener Mezzosopran aus Reihe zwo: Hallo, mein Name ist Cäcilie Schellenbaum, meines Zeichens Musikpädagogin. Zunächst möchte ich für mein Zuspätkommen um Nachsicht bitten. Vielleicht ist euch die so genannte Programmmusik ein Begriff. Eine Tonmalerei gibt musikalisch bestimmte Geschehnisse wider. Ich möchte nur an Strauss’ Eulenspiegels Lustige Streiche erinnern, oder an Berlioz’ Symphonie phantastique. Nicht zu vergessen, die fast schon obligatorische Gewittermusik in der grossen Oper.

Fridolin: rumbum-rumbum-peng -

Cäcilie: In manchen Werken der Grossen Meister betätigt sich der Chor nur, ja man kann es «vokalisierend» nennen, zum Beispiel als eine Art von Sphärenmusik mit aaaa, ohne weiteren, wortreichen Text. Ein berühmter Stimmungsmacher ist der so genannte Summchor aus Puccinis Madama Butterfly.

Kevin [hat in Cäcilie seine ehemalige Lehrerin erkannt]: Im Schulchor durften wir nicht summen. Wir mussten langweilige Texte lernen.

Cäcilie: Hat ja nicht geschadet. Ich würde gern noch etwas ausführlicher werden -

Adam: Cäcilie, ich werde dir, wenn du einverstanden bist, einen Extrakurs einräumen, sagen wir in zwei Wochen –

Cäcilie: Ich merke, Adam, du verstehst mich – Natürlich bin ich einverstanden.

Fridolin: na-na-na.

Eva befürchtet nun, dass der Kurs aus dem Ruder läuft und versucht dem Fortlauf eine Wende zu geben.

Eva: Alfons, wie würdest du die nostalgische Eisenbahnfahrt mit einem zuckelnden Dampfzügle charakterisieren?

Alfons: Tscheggedegge, tscheggedegge, tscheggedegge, deggetschegge, deggetschegge, huhuu –
tscheggedegge – degge…tsch..- ffffff-

Eva: Ausgezeichnet! Doch warum das ffff am Schluss?

Alfons: Am Zielbahnhof wird Bohnensuppe gereicht.

Eva: Aha -

Alfons: Wenn die noch heiss ist, muss man doch blasen.

Herbi: Soweit es die Zugfahrt betrifft kenne ich einen ähnlich klingenden amerikanischen Chor.

Eva: Danke für den Hinweis, Herbi. So genannte Eisenbahngedichte und -lieder gibt es wie Sand am Meer. Hat noch jemand eine Idee zum Dampfzügle?

Katja: Ja, ich.

Wir schaffen das, wir schaffen das, wir schaffen das, uh uh, wir schaffen das, wir sch…

Eva: Auch schön, wenn auch lautmalerisch nicht unbedingt originell.

Herbi: Mir scheint das dampfmässig ein bisschen politisch motiviert – sonst sehr gut. Besonders das uh uh!

Cäcilie: Ich darf bei dieser Gelegenheit an den Grand galop du chemin de fer von Louis Waldteufel erinnern –

Eva: Mon dieu!

Fridolin: Scheggeschegge u-uh –

Adam: Nun sollten wir die verbleibende Zeit nutzen, um uns kurz mit dem möglichen Transponieren eigener Gedichte zu beschäftigen. Hat jemand ein Beispiel zur Hand?

Kurt hat einen Limerick auf Lager, den er gerne «verdada-iert» hätte.

Eva: Für uns ist schlimmer nix als diese ollen Limericks. Doch lass sehen und hören.

Kurt:
Mein alter Kumpel Lars,
der brach einst auf zum Mars,

fand dort sein Glück,
kam nie zurück –
ja, ich glaub´ das war´s.

Adam: Na ja, als Limerick genügt es wohl kaum den strengen Anforderungen eines Sachverständigen, aber immerhin ist es ein nettes kleines Gedicht.
Evelyn, könntest du versuchen den Inhalt dieses Gedichts zu transponieren, so als fakultative Hausaufgabe? So mit «sssttt» für den Raketenstart und «dadudada» für den Aufenthalt auf dem Nachbarplaneten? Die Überschrift sollte lauten: Kumpel Lars auf dem Mars.

Evelyn: Ja, mache ich gerne.

Adam: Sag’ mal, Herbi, kannst du nicht etwas nachdenklich Machendes rüberbringen?

Herbi: Ja, etwas über den dichtenden Menschen.
Er strebt und denkt
und hebt und senkt,
bei Tag und Nacht
auf Lob bedacht.

Fridolin: o-o- ach -

Adam: So ganz spontan fällt mir dazu transponiertechnisch nichts ein. Lassen wir es doch so stehen. Zum Thema Mensch und Dichtung im Allgemeinen könnten wir ein Abstraktum konstruieren, etwa wie
sassabassadong
sissibissilong
bussimussigong
lossoknossopong

Fridolin schweigt dazu, ganz gentlebird-like.

Nach einem wenig ergiebigen verbalen Pingpong, wobei sich besonders Herbi und Evelyn hervortun, geht der Kurs zu Ende. Draussen wird es Nacht. «Die einbrechende Nacht läutet das sehnlichst erhoffte Ende einer Tagung ein», sagte mal wer.

Die Monitore sind abgeschaltet.

Eva: Tja, das war´s für heute. Nächste Woche wird Herr Doktor Dankwart Rathemal [«DDR», Anm. Verfasser] über Rechte und Pflichten der im Internet publizierenden Autoren unter besonderer Berücksichtigung der Übernahme fremden Bildmaterials referieren. Für übernächste Woche hat sich ja Cäcilie angekündigt und die Woche drauf feiern wir ein kleines Jubiläum, da besteht unser Laden 75 Jahre. Ihr seid natürlich herzlich eingeladen.

Herbi: Da schäumt Champagner, zischt das Bier, in der Schlossgass’ Nummer vier.

Cäcilie: Plotschplotschplupp – zischelzischelschscht –

Herbi: Mir scheint, die Dame hat Humor.

Adam: Und nun macht’s gut, Leute!

Die Kursteilnehmer klatschen enthusiastisch Beifall und wagen ein paar zaghafte Bravorufe.

Fridolin [hat sozusagen das letzte Wort]: atsch-atsch-rrratsch. Juhu.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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