Hans Witteborg

Ehe der Hahn kräht...

Ehe der Hahn kräht...

 

Aha, eine Short-Story mit biblischen Hintergrund....könnte man meinen! Weit gefehlt. Ich möchte eine Episode aus meiner Familie (väterlicherseits) zum allgemeinen Schmunzeln erzählen.

Da ich als letzter d i r e k t e r Abkömmling noch am Leben bin, kann ich mir höchstens vorstellen, dass mein Vater und seine sechs Brüder Stirn runzelnd auf Wolke Sieben sitzen, sofern sie es bis dahin gebracht haben. Denn wirkliche Englein auf Erden waren sie nicht immer – jeder hatte seine kleinen Schwächen. Menschen also wie du und ich – nicht auf Rosen gebettet wie unschwer zu vermuten ist. Aber aus jedem ist trotzdem etwas geworden.

Meine Oma hatte acht Kinder (nicht mitgezählt Tot- und Fehlgeburten! Davon habe ich aber erst nach Jahrzehnten nach ihrem Tode erfahren. Arme Frau.

Es waren sieben Jungen und ein Mädchen, einer fiel im ersten Weltkrieg, die Tochter verstarb mit knapp 20 Jahren. Damals hieß es am „gebrochenem Herzen“. Aber es war die Zeit einer grassierenden Cholera-Epedemie, was als Grund wohl eher zutraf. Soweit musste ich einfach zum Verständnis ausholen.

 

Ich vermutete in meinen Vorbemerkungen, dass alle sieben Brüder Stirn runzelnd über mich auf Wolke Sieben säßen. Aber einer wohl nicht. Mein Lieblingsonkel Karl, der mit köstlichem Humor ausgezeichnet war, der Benjamin der Familie (Jahrgang 1902). Der kicherte bestimmt, denn von ihm erfuhr ich die folgende Geschichte.

Es ging um Willi, dem kleinsten der Brüder. Von Onkel Karl

neckisch als Zinshahn bezeichnet. Klein, umtriebig, agil, wenn es um Frauen ging aber bei denen ebenso erfolglos.

Da musste Abhilfe geschaffen werden!

Die Fräuleins in der Stadt mit ihren versenlangen Kleidern und den Liebestötern darunter waren für den Zinshahn wohl nicht erreichbar. Wenn schon der direkte Kontakt fehlschlug, suchte Willi im Käseblatt nach einer geeigneten Braut. Er wurde fündig:

 

Resolute aber warmherzige Dame, Mitte zwanzig, kokett dennoch sparsam, nicht unvermögend (Erbin einer Bäckerei)

sucht passenden Herrn zwecks Heirat. Bäcker keine Bedingung.“

 

Das machte den Zinshahn an. Sie war zwar angeältet für die damalige Zeit. Ausschlag gebend die Bemerkung „nicht unvermögend“

Man schrieb sich. Mit Tinte und Stahlfeder im schönsten Sütterlin.

(nix mit Schreibmaschine, SMS oder What´app, nur zur Erläuterung für Jungspunde, die das nicht kennen)

 

Endlich kam es zu einer Verabredung, diese erfolgte ebenso schriftlich,da Telefone rar waren. Man verabredete sich am Bahnhof in B., da die Dame „vons Land“ kam, also anreisen musste. Als Erkennungszeichen sollte eine weiße Kri..Chry...

(ich weiß nicht wie man das schreibt) jedenfalls eine weiße große Blume im Knopfloch von Willis Revers dienen. Sie würde die Blume in der linken Hand halten.

Der Zug lief aus dem ländlichen L.. ein. Das Fräulein stieg aus. Man hatte sich gegenseitig bereits wahrgenommen. Des Zinshahns geschulter Blick erkannte sofort, diese Dame hatte ohne zu üben FRÄULEIN mit inniger Passion gelernt. Niemand kann sich malen aber mit ihrem Übergebiß musste sie wohl potthäßlich gewesen sein. Willi drehte vor Schreck ab. Sie hinter ihm her, packte ihn am Arm und lispelte:

Sind Sie Herr Witteborges....oder sonst wer?“

Willi stritt verstört ab: „Nein, Sie irren, der bin ich nicht!“

Wandte sich um und enteilte.

D o c h , Sie sind es,“ schrie sie ihm wütend nach. Der „Nicht-oder-sonst-wer“ tauchte ab.

EHE DER HAHN KRÄHT.... so schnell geht es mit dem Verleugnen!

 

p.s. Diese Begegnung wurde öfter von Onkel Karl an seinen Geburtstagen im Familienkreis erzählt. So erfuhr ich sie.

Alle Beteiligten sind seit mehreren Jahrzehnten schon unterm Torf. Nur der direkte, letzte Abkömmling, der Hauspoet kann seine vorlaute Klappe nicht halten. Trotz seines Alters.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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