Rudolf Kowalleck

Verlorene Träume

Regen kam auf, aufgepeitscht von einem scharfen Wind aus Westen.  Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig in das kleine Café retten, setzte mich an einen der leeren Tische und bestellte einen Cappuccino.

Von meinem Platz aus hatte  ich einen guten Blick hinüber auf die andere Rheinseite.

Das alte Stahlwerk in Rheinhausen war längst einem modernen Containerterminal gewichen. Die bunten Kisten standen in dicht gedrängten Reihen übereinandergestapelt und warteten auf ihren Weitertransport.

Die Kräne, die mich als Kind mit ihren gebogenen Auslegern und den singenden Motoren immer an urzeitliche Ungeheuer erinnert hatten, tauchten schon lange nicht mehr ihre gigantischen Greiferschaufeln tief in die Bäuche der Schubleichter ein, um wenig später mit einem Maul voller Kohle oder Erz wieder zu erscheinen.

Ein Chemietanker glitt fast lautlos vorbei. Seine Positionslichter leuchteten zu mir herüber.

Duisburg hatte sich total verändert und war mir nach all den Jahren fremd geworden.

Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht hierher zu kommen, überlegte ich. Was sollte so eine Reise in die Vergangenheit bringen?

Aber Pischek hatte versprochen, Lena komme auch.

Lena – schon der Klang ihres Namens genügte, die längst verdrängt geglaubten Bilder wieder in mein Bewusstsein zu spülen.

Ich hörte das Kreischen der Möwen, das Rauschen der Wellen und das lustige Kling-Klang der Seile, die der Wind rhythmisch gegen die Masten der Schiffe im Yachthafen schlug. Ich erinnerte mich auch wieder daran, wie wir Hand in Hand den Weg zum alten Leuchtturm hinaufgestapft waren, sie mir oben angekommen tief in die Augen geblickt hatte und gemeint: „Nun küss mich doch endlich.“

Erinnerungen können etwas ganz Phantastisches sein, dachte ich, aber nur, wenn es gemeinsame Erinnerungen sind. Dann machen sie sogar jeden grauen Regentag erträglich, aber ich hatte all die Jahre allein zurückblicken müssen und bald war da nur noch diese Leere geblieben, die meine Tränen zwar versiegen ließ, aber auch die Fähigkeit, mich über etwas freuen zu können.

Das Klirren einer Tasse riss mich aus meinem Tagtraum. Die Uhr der nahe gelegenen Kirche schlug sechs. Es wurde Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Im Taxi überlegte ich, den Fahrer anzuweisen, mich zurück zum Bahnhof zu bringen, aber dann sagte ich: „Zum Mercator-Gymnasium bitte.“

Als ich mein Ziel erreicht hatte, betrachtete ich die Kennzeichen der schweren Limousinen auf dem Parkplatz.

Meine früheren Klassenkameraden hatte es wahrhaftig in alle Winde zerstreut. Hamburg, München, Heidelberg war da zu lesen und in dem Moment, als ich den festlich geschmückten Raum betrat, war es, als tauchte ich in eine andere Welt. Ein Mann mit Halbglatze stürzte auf mich zu.

„Wenn das nicht unser guter alter Robert ist!“

Pischek lachte und klopfte mir auf die Schulter. Wo war Lena?

Ich schaute mich nach allen Seiten um, konnte sie aber nirgendwo entdecken.

Pischek hatte sich alle Mühe gegeben und sogar einen alten Projektor besorgt, um die Super-Acht-Filme, die er damals auf Sylt aufgenommen hatte, zeigen zu können.

In der Einladung hatte er gebeten, alles mitzubringen, was an Erinnerungsstücken noch aufzutreiben war.

Fotos wurden herumgereicht und Vergleiche angestellt. Es wurde gescherzt und gelacht. Wie man sich doch verändert hatte.

Ich stand mit leeren Händen da. Die Kiste mit meinen Bildern sei beim Umzug verloren gegangen, log ich.

Die Musik kam von einem analogen Plattenspieler. Die Platten waren noch aus Vinyl. Jeder Song eine Erinnerung an gemeinsame Tanzabende mit Klammerblues, Räucherstäbchen und literweise Cidre. „Comon baby, light my fire“, dröhnte es aus den Boxen.

Im Nebenraum ein gigantisches Büffet. Ich schnappte mir einen Teller, füllte mir auf und gesellte mich zu einem der kleinen Grüppchen, die sich immer wieder auflösten und in anderer Besetzung neu formierten. Stets war die erste Frage: „Und? Was machst du so?“

Dettmann war ein erfolgreicher Anwalt geworden, Steinebach Chefarzt an einer renommierten Privatklinik und Andrea Werner hatte die Druckerei ihres Vaters übernommen.

„Na, wie geht`s?“, fragte eine Stimme hinter mir.

 „Gut“, schwindelte ich und drehte mich um. Lena lächelte. Um ihre Mundwinkel bildeten sich noch immer diese lustigen Grübchen, genau wie früher, aber sonst hatten die Jahre auch ihr tiefe Spuren ins Gesicht geritzt. Ein paar kleine Falten um Augen und Mund und ihr Haar war von grauen Strähnen durchzogen.

 „Immer noch bei deinem Kulturmagazin?“
"Noch", antwortete ich, " aber bald arbeite ich als privater Ermittler.".Lena schaute mich mit großen Augen an.
"Echt", fragte sie.
"Ja, echt", bestätigte ich. "Aber behalte es für dich. Noch ist nicht alles in trockenen Tüchern."

Ich schaute so offensichtlich auf ihre rechte Hand, dass Lena spontan lachen musste.

„Wir leben in Scheidung“, bekannte sie freimütig. „Wir haben uns irgendwie auseinander gelebt.“

Einen kurzen Moment blickten wir uns schweigend an. Ich ließ ihre Hand wieder los und sie machte sich ebenfalls über das Büfett her.

Nach dem Essen tanzten wir miteinander, erst noch ein wenig schüchtern und scheu, doch dann legte sie ihren Kopf auf meine Schulter. Ich schloss die Augen, umfasste sie fester und alles war beinahe wie früher.

So ging es bis in die frühen Morgenstunden. Es wurde Zeit, sich zu verabschieden.

Lena küsste mich auf die Wangen und flüsterte mir ins Ohr: „Wenn du möchtest, können wir jetzt nachholen, was damals auf Sylt nicht möglich war.“

Das war typisch Lena. Ich kannte keine andere Frau, die so unumwunden aussprach, was sie wollte und das meistens auch bekam.

Pischek drängte sich zwischen uns. Sein Atem stank nach Bier. Er legte jedem von uns einen Arm um die Schulter und meinte: „War ein cooler Abend, oder? Das müssen wir unbedingt wiederholen, aber dann warten wir nicht noch einmal zwanzig Jahre.“

Das Taxi traf ein.

Wenig später lagen wir nackt nebeneinander im Bett. Die Nachttischlampe spendete diffuses Licht.

„Was ist?“, fragte Lena. „Jetzt sag nur, du hast ein schlechtes Gewissen.“

„Nein, nein“ beteuerte ich, stand auf, klaubte meine Sachen zusammen und nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich den Raum, ohne mich noch einmal nach ihr umzudrehen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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