Gaby Schumacher

Vertauschte Rollen

Vertauschte Rollen

 

Die Fledermausfamilie in Höhle 23 war unruhig. Irgendwie war es anders als an allen anderen Abenden. Es wurde dunkler und dunkler und Zeit, zum Beuteflug aufzubrechen. Besonders riskant war der Start, während dessen sie sich dicht gedrängt aus der Höhle quetschten, um so als große Schar von Tieren die Raubvögel zu verwirren, die draußen bereits auf sie warteten. Hatten sie die ersten Meter geschafft, befanden sie sich endlich in Sicherheit.

 

Heute dagegen stuerten sie nicht die Höhe des Himmels an, sondern stattdessen eine nahe gelegende Anhöhe, hockten sich dort hin und machten auch so gar keine Anstalten, wieder zu starten. Nein, sie saßen dort und plötzlich begann eine von ihnen zu heulen. Die Anderen erschraken, denn noch nie hatten sie ein solche Töne in ihren Reihen vernommen. Aber, weil man ja zusammenhielt, stimmten nach und nach alle, erst zögerlich, dann ständig lauter ein. Es klang so gar nicht nach Fledermaus, sondern ähnelte tatsächlich viel eher dem Heulen der Wölfe, wenn jene den Mond anstarrten.

Ob wir sogar zu Fledermauswölfen werden?“

Wenn sie es so recht überlegten: Ihre Feinde, dieRaubvögel, würden es nicht mehr wagen, sie anzugreifen ...

 

Derweil rührte sich etwas in den Bauen der Wölfe. Aufgeschreckt lauschten sie nach draußen.

Nein, das klang nicht nach Rudelmitgliedern. Es hörte sich dagegen fast bedrohlich fremd an.

Es wird hoffentlich keine Konkurrenz in unser Revier eindringen?“

Nicht auszudenken, wenn doch …

An erholsames Dösen war nicht mehr zu denken. Aber, als sie sich zu einem Kontrollmarsch durch ihren Wald aufmachen wollten, verspürten sie an den Schultern ein merkwürdiges Kribbeln, wie sie es noch nie erlebt hatten. Es verstärkte sich immer mehr. Verunsichert liefen sie zum nächsten Teich und was sie dann im Wasser entdeckten, erschreckte sie zutiefst. Deutlich sichtbar wuchsen ihnen Flügel - furchtbar. Wenn sie diese Dinger nicht abschütteln könnten, wären sie vor sämtlichen Artgenossen bis auf dieKnochen blamiert und die Beutetiere würden sich über sie nur kaputt lachen. Als sie sich das Entsetzen darüber von der Seele heulen wollten, entrang sich ihnen nur ein seltsames, extrem hohes Fiepen. Kalt durchfuhr es sie:

Wie Fledermäuse! Wir werden zu Wolfsfledermäusen. O je!“

 

Inzwischen wuchsen die Flügel zu beeindruckender Größe. Aber dagegen wehren konnten sie sich nicht. So versuchten die verzweifelten Wölfe, sie zu nutzen. Eine Zeitlang trippelten sie ungeschickt hin und her, aber danach schafften es die ersten, sich flatternd vom Boden abzuheben. Ihre Kameraden ahmten es nach und plötzlich erhob sich das ganze Wolfsrudel hoch in die Luft. Die Verärgerung und auch die Angst vergingen und die Tiere malten sich aus, welche neuen Möglichkeiten sich ihnen auftaten. Schließlich flatterten sie in übermütigem Flug am Himmel entlang, weiter und weiter und gewannen ständig mehr Spaß daran.

Mittlerweile knurrten ihnen gewaltig der Magen. Aber nun hatten sie ja von oben eine tolle Übersicht, wo es vielleicht etwas zu holen gab. Und dann entdeckte ihr Anführer tief unter ihnen einen Garten, in dem Menschen wohl eine Grillfete gefeiert hatten. Auf den zahlreichen Tischen standen noch zahlreichere Pappteller herum und auf denen lagen tatsächlich Reste leckerer Würstchen. Die hungrigen Wölfe fiepten vor Begeisterung, flatterten blitzschnell hinunter, schnappten sich sämtliche Überreste und zischten zufrieden davon.

 

Rolltentausch kann manchmal auch von Vorteil sein ...

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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