Doris E. M. Bulenda

Führerscheinprüfung in den 1970er Jahren

Gerade bin ich wieder an meine Führerscheinprüfung erinnert worden … Das war 1979, ist also schon ewig her, aber ich werde sie nie vergessen.

Die Vorgeschichte dazu: Ich wohnte und arbeitete in einem Viertel am äußersten Stadtrand, also ging ich auch dort in eine Fahrschule. Die Ausbildung war fast beendet, ich dachte schon an „demnächst Prüfung machen“. Nur bekam ich über Nacht Probleme mit dem Chef - und schon war der Job weg. Das war damals nicht weiter schlimm, ich rief meinen ehemaligen Boss an und am nächsten Tag war ich dort wieder eingestellt. Nur – diese Firma war am ganz anderen Ende der Stadt … ich konnte frisch eingestellt auch nicht sofort wieder einen Tag freinehmen für die Prüfung … und meinen Motorradführerschein konnte ich auch vergessen, da es zu knapp für die Ausbildung wurde … die Zeit reichte einfach nur noch aus, den nächsten Prüfungstermin fürs Auto wahrzunehmen, nämlich am 31.10. Ab November war ich im neuen Job und dann ging da gar nichts mehr …

So saß ich also am 31.10. in der Prüfung, bestand Theorie auch mit null Fehlern. Dann wurde mir gesagt – da war's noch nicht mal 9 Uhr -, dass ich etwas später drankommen würde, ich sollte abhauen und vor 12 Uhr bräuchte ich nicht wiederzukommen. Ich machte den Fehler, mit einem anderen Prüflings-Mädchen in ein Café zu gehen. Aber wir schaukelten uns nur gegenseitig hoch in unserer Nervosität. Als ich zurückkam zur Fahrschule war ich so entspannt wie ein Huhn in einem Raum mit zehn Füchsen …

Es dauerte immer noch, ich musste noch gut eine Stunde warten, bis ich endlich ins Auto steigen durfte. Was meiner Nervosität guttat – sie steigerte sich nochmal ordentlich. In der Zwischenzeit kam eine Mädchen rein, die ich kannte – und die war mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Sie schrie und schimpfte und fluchte auf den Prüfer, was für eine miese Ratte der doch wäre, total ungerecht, eine Frechheit, eine echte Kanaille, ein Kretin und so weiter. Dass das Durchfallen wohl auch an ihrem (mir gut bekannten) extravaganten Fahrstil lag, kam mit nicht in den Sinn. Die Szene machte mich nur noch mehr verrückt.

Dann war's soweit, ich durfte losfahren. Und trotz meiner Nervosität – ich zitterte wie Espenlaub, obwohl ich sonst starke Nerven habe – lief's eigentlich ganz gut. Sogar das rückwärts einparken ging prima. Dann wartete ich, wie es mein Fahrlehrer mir beigebracht hatte, bis ein von weit hinten ankommendes Auto vorbeigefahren war. Der Prüfer schnauzte mich plötzlich an: „Na, was ist jetzt, jetzt fahren wir aber doch mal los.“ Ich zuckte zusammen, legte den Gang ein, da meckerte der Typ weiter: „Was ist, los doch, fahren Sie endlich.“ Der Ton war verdammt unfreundlich und harsch.

Und da passierte mir beim Rausfahren aus der Lücke etwas, das mir vorher nie und auch nachher nie mehr passiert ist: Ich schlug das Lenkrad zu weit ein und kam auf die Gegenfahrbahn. Nicht weiter tragisch, ich lenkte sofort zurück und Gegenverkehr kam auch keiner. Nach einer Sekunde war's schon wieder vorbei. Weder Prüfer noch Fahrlehrer äußerten sich dazu.

Es ging zurück zur Fahrschule, ich stellte den Wagen ab. Und da fing der Prüfer dann an, mich zur Sau zu machen. Er schnauzte mich an, brüllte dabei schon fast, was ich eigentlich für eine Scheiße (wörtlich!) zusammenfahren würde, was ich Mist machen würde, wie blöd ich ausgeparkt hätte, wie dumm ich mich angestellt hätte und so weiter und so fort. Das ging ziemlich lange so, ich wusste gar nicht, wie mir geschah und hörte nur entsetzt der Strafpredigt zu. Endlich sagte der Prüfer leise was zu meinem Fahrlehrer, kritzelte ein bisschen auf einem Formular herum, riss es aus dem Block und faltete es mehrmals zusammen. Dann drückte er es mir in die Hand. Ich starrte ihn entsetzt an, ich verstand überhaupt nichts mehr.

Mein Fahrlehrer schubste mich ziemlich heftig an der Schulter und meinte: „Raus mit Ihnen, raus da. Steigen sie sofort aus. Gehen Sie in die Fahrschule rein.“ Ich murmelte: „Wiedersehen“, stieg aus und ging total geplättet ins Gebäude. Da kam der Chef der Fahrschule auf mich zu und strahlte mich an: „Na, was ist, haben wir bestanden?“

Ich schaute ihn fassungslos an, dann stotterte ich: „Keine Ahnung – weiß nicht.“ Das musste die blödeste Antwort gewesen sein, die er je gehört hatte ... Der Fahrschulchef schaute mir ins Gesicht und sah, dass ich total weggetreten war. Er nahm mir den Zettel aus der Hand, faltete ihn mühsam auf – der war wirklich gut zusammengelegt – und warf nur einen Blick darauf. „Bestanden! Gratuliere! Ist ja super!“

Das konnte ich erst gar nicht fassen, aber dann fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich hatte keinen Führerschein bekommen, weil der noch beim Umschreiben war, da der Motorradschein gestrichen werden musste. Aber auf dem Zettel war die Bestätigung, dass ich die Prüfung bestanden hatte und mir meinen Schein in den nächsten Tagen abholen konnte.

Sicher habe ich an dem Abend ordentlich gefeiert – aber dass dieser Prüfer ein mieser Sadist war, glaube ich noch heute …

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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