Gertraud Widmann

Jammern nützt nix ...


Als ich in der kleinen Schneiderei bei uns im Hinterhaus ein paar
Wochen probeweise Lehrling "gespielt" hatte,  war das noch recht
lustig. Eine willkommene Abwechslung halt. Aber jetzt?
   Jetzt stieg ich mit meiner gestärkten Schürze über dem Arm und
klopfendem Herzen hinauf in den ersten Stock - hinauf in eine arg
ungewiße Zukunft als Schneiderin.

"Eingewöhnungszeit" brauchte ich ja keine mehr, deshalb legte
der  Lehrmeister (ein gebürtiger Ungar) auch gleich los. Er erklärte
mir in seinem ungarisch - deutschen Kauderwelsch alles was ich
zu Anfang „wissän“ sollte. Nur, genau das Gleiche hatte er mir
bereits bei meinem „Schnupperkurs“ gezeigt: Stoffe jeglicher Art,
Fäden, Scheren, Knöpfe usw. Und wieder fragte er mich nach fast
jedem Satz:
   »Hast du bägriffään?«
Ich nickte, doch der Kopf rauchte jetzt schon.
   »Hab ich dir eigänntlich schon gäzeigt?«, sagte er und deutete
voller Stolz auf seine nigelnagelneue, elektrische Nähmaschine.
Nein, die kannte ich noch nicht. Doch mit dieser würde ich mich
sowieso noch lange nicht befassen müssen.

Vorerst beschäftigte man mich damit, Knöpfe anzunähen. Ich hab
zuerst gedacht, dass ich das schon könnte - ja von wegen.
   »Knöpfä müssän stähen wie Pilzä!«, erklärte mir mein Chef ein
ums andere Mal.
Ja und so saß ich Tag für Tag an meinem Platz am Fenster und
nähte bis zum Abrinken Knöpfe an - und zwar genau so, dass sie
wie „Pilzä“ standen.
   Eines Tages kam mein Lehrmeister mit feuerrotem Gesicht auf
mich zugeschossen.
   »Du jätzt hast in där lätzän halbän Stundä vierzähn Mal aus däm
Fenstär gäschaut!«, brüllte er mich an.
Ohne groß nachzudenken maulte ich retour:
   »Dann müssen sie aber in dieser Zeit auch nix gearbeitet haben,
wenn sie das mitzählen konnten!«.
Er holte aus und gab mir eine solche Watschn, dass mir der Kopf
brummte ...  Freilich, ich hatte ja recht, aber ich hätte es halt nicht
sagen dürfen!

Tage und Wochen vergingen, es war immer das Gleiche: Brotzeit
holen - logisch müssen alle Lehrlinge machen - den Näherinnen
"zur Hand gehen" (auch so ein Ausdruck aus längst vergangener
Zeit), die fertigen Kleidungsstücke zu Fuß (!) zu den Kundschaften
tragen und die Werkstatt fegen - Samstags wischen.  Ja und
damit ich wenigstens a bissl a Abwechslung hab, "durfte" ich
einmal in der Woche mit der Trambahn in die Berufschule fahren.
Zugegeben, das machte mir direkt Spaß - naja, immerhin etwas.

Dann kam die Chefin auf die geistreiche Idee, mir das Telefonieren
beibringen zu müssen. Weil wir damals daheim aber kein Telefon
hatten, hatte ich mächtig Schiss vor diesem "Wunderwerk der
Technik". Aber die Anneliese ließ nicht locker:
   »Den nächsten Anruf nimmst du entgegen! Du meldest dich mit
"Firma xy" und fertig!«
Das Telefon klingelte - zweimal, dreimal …
   »Jetzt geh weida, geh halt schon hin!«
Mit zitternden Händen nahm ich den Hörer ab und meldete mich
wie besprochen. Ich hörte ganz kurz zu und legte dann den Hörer
wortlos wieder auf die Gabel.
   »Ja was war jetzt das?«, fragte die Chefin.
   »Nix«, sagte ich mit hochrotem Kopf, »die Frau war nur falsch
entbunden«.

Zu guter Letzt wurde ich auch noch als Haushaltshilfe eingesetzt.
   »Annaliesa, die Gärtraud wird dir hälfän!«, bestimmte mein Chef.
Und die (dumme!) Gärtraud hat gäholfän ... Vom Wäsche waschen
und bügeln, Schränke aus- und wieder einräumen, übers Geschirr
spülen und Fenster putzen,bis hin zum Boden schrubben und mit
Bohnerwachs einwachsen. 
   Na jetzt geht`s aber los! In meinem Lehrvertrag steht doch groß
und deutlich "Ausbildung zur Schneiderin“ und jetzt steh`ich hier
eher als Dienstmädl? Wann lernt mir denn hier eigentlich einmal
jemand das  Nähen?

Ah ja - zwischendurch … wenn Zeit ist.

Und das sollte zwei Jahre so weiter gehen? Fünfzig Stunden pro
Woche arbeiten, für die paar Kröten - 25 Mark im ersten und 35 im
zweiten Lehrjahr? Na sauber! 
Einmal - aber wirklich nur einmal - habe ich mich getraut, mich
deshalb bei meinen Eltern zu beschweren. Doch was bekam ich
zu hören?
   »Jammer nicht so `rum, wir mussten in unserer Jugend noch viel
mehr arbeiten!«
Das mag schon sein, aber muss sich denn das unbedingt bei mir
wiederholen?
   Jedenfalls, so vergingen zwei Jahre. Zwei Jahre mit Höhen und
Tiefen, mit Lachen und Weinen und mit sehr viel Arbeit. Aber ich
habe schließlich doch alles gelernt, was eine Schneiderin können
musste.

Und wenn`s jemanden interessieren sollte: Am 30. September
1957 bestand ich meine Gesellenprüfung mit Note 1,3.

 

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