Christiane Mielck-Retzdorff

Der Fahrstuhl

 

 

Diese Fülle im Kaufhaus war zu erwarten. Wenn am Freitagnachmittag bei Regen die Geschäfte mit Angeboten im längst abgeschafften Sommerschlussverkauf lockten, krochen die Schnäppchenjäger in Scharen aus ihren Höhlen. Zu diesen zählte sich Valerie nicht, doch sie meinte, unbedingt eine neue Bluse für die Einladung am Samstag zu brauchen. Umso besser, wenn diese nicht teuer war. Trotzdem zehrte das Gedränge an ihren Nerven. Sie hätte sich wirklich einen anderen Tag aussuchen sollen.

Der Wunsch, dem Massenansturm möglichst schnell zu entkommen, ließ sie zu der ersten Bluse greifen, die ihr gefiel. Selbst auf eine Anprobe verzichtete sie, hastete zur Kassen und stand nun unschlüssig herum, welche Richtung sie einschlagen sollte, um das Kaufhaus zu verlassen. Sie hatte wahrlich keine Lust zwischen lauter, plappernden Kunden vor einem Fahrstuhl, der sie zurück ins Erdgeschoss brachte, anzustehen.

Da entdeckte sie, fast verborgen von einer Umkleidekabine, den Zugang zu einem Raum, in dem sich ein Fahrstuhl befand. Davor stand kein Mensch. Auch kein Schild verbot den Zugang dorthin. Neugierig, ob sie einen versteckten Weg gefunden hatte, sich davon zu machen, begab sie sich vor die beiden großen Metalltüren, hinter denen normalerweise Fahrstühle auf und ab fuhren. Darüber leuchteten Punkte, die anzeigten, dass die Kabine gerade im Erdgeschoss hielt. Siegessicher drückte Valerie auf den Knopf, um diese herbeizurufen. Jedoch zeigte ein Pfeil, dass der Weg erst nach oben gehen würde.

Trotzdem hielt der Fahrstuhl auf ihrer Etage und die beiden Metalltüren glitten auseinander. Nur ein Mann stand in der Kabine und starrte teilnahmslos vor sich hin. Also wollte die Frau warten, bis das Gefährt zurückkehrte. Doch dann erschrak sie. Dieser Mann sah genauso aus wie ihr Lieblingsonkel Klaus. Die lockigen Haare, der Dreitagebart und die magischen blauen Augen, zusätzlich die verwaschenen Jeans und das Holzfällerhemd. Das war genau Klaus, wie sie ihn kannte, aber er war schon vor fünf Jahren bei einem Motorradunfall gestorben. Die Metalltür schloss sich wieder, bevor Valerie ein Wort sagen konnte.

Verstört schaute sie auf die Punkte, die anzeigten, dass der Fahrstuhl ohne Halt in die oberste Etage fuhr. Sie schüttelte ihr Haupt, wollte den unmöglichen Gedanken verscheuchen. Das war bestimmt nur ein Mann gewesen, der ihrem Onkel ähnlich sah und den gleichen modischen Geschmack hatte.

Valerie war eine vernünftige Frau, deren Handeln und Denken vom Verstand bestimmt wurden. Sie hatte lange nicht mehr an Klaus gedacht. Vielleicht hatte irgendein Eindruck im Kaufhaus die Erinnerung an ihn zurückgerufen. Grundsätzlich beschäftigten sich ihre Gedanken kaum mit Toten. Sie hielt es für überflüssig, sich mit dem Unabänderlichen auseinanderzusetzen. Sie hing weder einer Religion an noch beschäftigte sie sich mit Esoterik oder Geistererscheinungen. All das war für Valerie hilflose Flucht aus der Realität.

Dann öffneten sich plötzlich die Fahrstuhltüren. Beinahe erleichtert stellte sie fest, dass dieser leer war. Amüsiert über ihren absurden Gedanken, vielleicht kurz den Geist von Onkel Klaus gesehen zu haben, fuhr sie abwärts und vergaß das Ereignis.

Wütend über ihre eigene Nachlässigkeit musste Valerie das Kaufhaus am nächsten Tag erneut aufsuchen, um die Bluse, die zu klein war, umzutauschen. Zum Glück gab es dabei keine Probleme. Wieder ging sie anschließend zu dem versteckten Fahrstuhl, der offensichtlich von niemandem sonst benutzt wurde. Wieder hielt dieser gerade im Erdgeschoss und würde anschließend nach oben fahren. Wieder hielt er zuerst auf ihrer Etage und die Tür öffnete sich. Diesmal stand eine Frau darin und starrte teilnahmslos ins Nichts.

Valerie zuckte zusammen. Sie schloss die Augen und öffnete sie in der Hoffnung, die Erscheinung wäre verschwunden. Doch das Bild zeigte sich ganz deutlich. Sie schaute wie in einen Spiegel. Die Frau hatte das gleiche Gesicht, trug die gleiche Haarfrisur und sogar die gleiche Kleidung. Dann glitten die beiden Metalltüren sehr langsam wieder zusammen und Valerie sah, dass die Frau lächelte. Das verlieh ihr eine beinahe überirdische Schönheit.

Wie auf der Flucht rannte Valerie zu den Rolltreppen. Sie versuchte zu begreifen, was ihr widerfahren war. Doch schnell übernahm ihr Verstand die Herrschaft. Wie konnte sie sich nur so verwirren lassen. Der Fahrstuhl hatte, wie so viele andere auch, einen Spiegel und sie tatsächlich nur sich selbst gesehen. Das war eine logische Erklärung. Valerie musste über sich selbst lachen und bemerkte dabei nicht die bewundernden Blicke der, in Gegenrichtung vorbeiziehenden Männer.

Einige Monate später besuchte sie erneut das Haus, in dem sie am liebsten einkaufte, fand aber nichts Passendes. Erst jetzt erinnerte sie sich an ihre beiden Fahrstuhlerlebnisse. Sie hatte niemandem davon erzählt, denn sie schämte sich ihrer närrischen Gedanken an mystische Erscheinungen. Und ihr Leben hatte sich seitdem verändert. Einer der Männer, die sie auf dem Fahrstuhl lächelnd gesehen hatten, war ihr gefolgt. So lernten sie sich kennen und wurden ein Paar.

Valeries Gemüt hatte mit der neuen Liebe an Leichtigkeit gewonnen. Bald würde diese durch eine Hochzeit gekrönt. Auch war sie im dritten Monat schwanger. Beinahe täglich entdeckte sie die Freuden des Lebens neu. So trieben Abenteuerlust und Neugierde sie zu dem hinter der Umkleidekabine versteckten Ort. Sie war gespannt, welche Erscheinung sie nun im Fahrstuhl erwarten würde.

Aber zu ihrem Erstaunen konnte sie dort keine Metalltür eines Fahrstuhls sondern nur eine Holztür mit dem Schild „Zutritt verboten“ entdecken. Verwundert sah sie sich um und war dann sicher, sich nicht in der Stelle ihrer merkwürdigen Erlebnisse geirrt zu haben. Zögernd öffnete sie die Holztür und schaute auf Regale mit Putzmitteln und ein Reinigungsgerät.

Plötzlich hörte sie neben sich eine Stimme: „Kann ich Ihnen helfen?“

Mit dem Gefühl ertappt zu sein, schaute sie sich um und sah in das freundliche Gesicht eines alten Mannes, der einen etwas verschlissenen, grauen Anzug trug. Dessen gütigen Augen und sein weißer Bart erinnerten Valerie an den Weihnachtsmann und sie lächelte verlegen. Ehrlich antwortete sie:

„Ich dachte, hier wäre ein Fahrstuhl.“

Nun lächelte auch der Fremde und sagte:

„Einst war das auch so, nur mit dem Umbau des Kaufhauses wurde dessen Betrieb eingestellt. Vielleicht kennen Sie ihn noch aus ihrer Jugend. Früher wurde er „Traumexpress“ genannte und führte ins Kinderwunderland im Obergeschoss. Außer ihm führte nur eine Treppe in die Spielzeugabteilung. Sicher fuhren sie mit ihren Eltern oft dort hinauf.“

Nun erinnerte sich Valerie, aber sie hatte diese Abteilung nie mit ihren Eltern sondern immer nur mit Onkel Klaus besucht. Dort hatten sie dann gemeinsam die exotischen oder mystischen Stofftiere wie Einhörner, wunderschöne Prinzessinnen oder Feen mit prachtvollen Kleidern, hässliche Genome und Autorennbahnen bestaunt. Leisten konnten sie sich diese Schätze nicht, doch das kleine Mädchen nahm viele Anregungen für ihre Träume mit nach Hause.

Die Gedanken daran zauberten ein Lächeln auf Valeries Gesicht. Sie wollte sich bei dem alten Mann für seine Erklärung bedanken, doch er war einfach verschwunden. Erfüllt von Bildern, Liedern und Geschichten trat sie den Heimweg an. Sie fühlte sich beschwingt und frei von Zwängen. Wie als Kind sah sie plötzlich wieder Elfen umherfliegen, war umfangen von dem Zauber einer märchenhaften Welt, die sie lange vergessen hatte.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



Zum wiederholten Mal muss sich die Gymnasiastin Lisa-Marie in einer neuen Schule zurechtfinden. Dabei fällt sie allein durch ihre bescheidene Kleidung und Zurückhaltung auf. Schon bei der ersten Begegnung fühlt sie sich zu ihrem jungen, attraktiven Lehrer, Hendrik von Auental, der einem alten Adelsgeschlecht entstammt, hingezogen. Aber das geht nicht ihr allein so.
Die junge Frau muss gegen Ablehnung und Misstrauen kämpfen. Doch auch der Lehrer sieht sich plötzlich einer bösartigen Anschuldigung ausgesetzt. Trotzdem kommt es zwischen beiden zu einer zarten Annäherung. Dann treibt ein Schicksalsschlag den Mann zurück auf das elterliche Gut, wo ihn nicht nur neue Aufgaben erwarten sondern auch Familientraditionen, die ihn in Ketten legen.

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