Rudolf Kowalleck

Beim Griechen auf dem Boden kriechen

Mangelnde Attraktivität können Männer durch zwei Dinge ausgleichen: Humor oder ein dickes Bankkonto. Denn die Wichtigkeit des Aussehens sinkt proportional zur Höhe deines Guthabens. Leider bin ich nicht besonders reich, aber Humor besitze ich. Wie sollte ich mich sonst jeden Morgen rasieren?

Allerdings, wenn es zu witzig wird, ist auch nicht gut. Das zeigte sich beim ersten Rendezvous mit Maria, die laut Happy-Hearts, der Internet-Partnervermittlung mit Niveau, genau zu mir passen sollte.

Wir trafen uns beim Griechen. Das Preis-Leistungsverhältnis bei Hellas war hervorragend. Meine Brieftasche und ich waren froh, dass Maria zugestimmt hatte, unser erstes Treffen dort stattfinden zu lassen.

Ich hatte mir zudem sagen lassen, ein erstes Date wie ein Bewerbungsgespräch zu betrachten. Also, frisch geduscht und rasiert, saubere Fingernägel und Unterhose. Man weiß ja nie, wie sowas endet. Meine Oma predigte immer: Wenn du mal ins Krankenhaus kommst, musst du dich wenigstens nicht schämen. Ich wüsste zwar nicht, warum ich im Krankenhaus landen sollte, besser gesagt, zu dem Zeitpunkt, als ich mich vor dem Garderobenspiegel begutachtete, wusste ich es noch nicht. Dazu nachfolgend mehr. Meine Schuhe waren jedenfalls frisch geputzt und die Farbe meiner Socken passte zu meiner Jeans. Darauf achten Frauen, heißt es.

Sollte ich auch Kondome mitnehmen? Nein, wie sähe das denn aus? Vielleicht würde sie sagen, oh, der gute Mann ist aber wirklich gut vorbereitet, andererseits war ich kein Junge für die erste Nacht und Maria würde sicher auch nicht mit mir gleich nach dem ersten Treffen in die Kiste springen. Wir gingen schließlich zum Griechen. Da wird sehr viel mit Knoblauch gearbeitet. Das weiß jeder und wer mehr vorhat, speist dann sicher woanders.

Maria war pünktlich. Sie sah wirklich nett aus, besonders wenn sie so charmant lächelte. Ich hätte sie mir auch gut als Fernsehmoderatorin vorstellen können. War sie aber nicht. Sie arbeitete in einem Fachgeschäft für Orthopädiebedarf. Später sicher ganz praktisch.

Wir setzten uns. Kaum hatten wir die Speisekarten vor der Nase, kam die erste Störung. Ich wollte gerade erzählen, was ich beruflich mache. Jemand hielt mir einen Blumenstrauß unter die Nase.

„Du wolle Rose kaufe?“

„Nein, danke.“ Der Rosenkäufer öffnete sein Jackett. „Du wolle original Rollex kaufe?“

„Nein, danke. Ich besitze bereits eine Armbanduhr.“ Er schaute zu Maria, beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir ins Ohr: „Du wolle Kondome kaufe?“ Er grinste mich an.

„Nein, verdammt!“ Die Verkaufskanone blickte ziemlich pikiert. „Dann wird langweilige Abend“, meinte er und zog endlich ab. Gerade wollte ich weiter erzählen, als der Kellner an unseren Tisch trat. „Haben schon gewählt?“, fragte er und grinste wie Alexis Sorbas.

Ich seufzte. „Nein, noch nicht. Wir brauchen noch einen kleinen Moment.“

„Schon wisse, was trinke?“

„Ich nehme ein Alster“, bestellte Maria. Ich entschied mich für Cola. Immerhin musste ich noch fahren. Der Kellner zog ab. Endlich konnte ich berichten, dass ich als…

Jemand legte eine kleine Karte auf den Tisch. Bin gehörlos. Bitte um kleine Spende, stand darauf geschrieben. Gut gelaunt und großzügig wie ich war, legte ich zwanzig Cent auf den Tisch. Der Gehörlose blickte mich nicht gerade freundlich an.

„Was?“, fragte ich. Ach so, er konnte ja nicht hören. Also schrieb ich es auf die Serviette. Missmutig zog er zum nächsten Platz.

„Also, Maria. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Wisse jetzt, was esse?“, fragte der Kellner und servierte die Getränke. Ich atmete durch. Also gut.

„Die Dame zuerst.“

„Ich nehme eine Kreta-Platte, aber ohne Zwiebeln und Tzatziki.“

„Auf Krea-Platte nix seien Zwiebel.“

„Okay, dann so, aber ohne Tzatziki.“, korrigierte Maria.

Ohne Tzatziki?, hallte es in mir nach. Sie mochte also kein Knoblauch oder hatte sie das bewusst weggelassen? Ich musste an vorhin denken und blickte mich suchend nach dem Rosenverkäufer um, aber der war leider schon verschwunden.

„Und der Herr?“

„Ich nehme einen Souflaki-Teller, aber ohne Zwiebeln und kein Tzatziki, aber auf den Pommes Mayo und Metaxa-Soße, statt Tzatziki.“

„Metaxa-Soße nur auf Fleisch oder auch auf Pommes oder in extra kleine Schüssel?“

„Nur aufs Fleisch, aber beim Salat keinen gemischten Salat, sondern nur Krautsalat. Ist das möglich?“

„Keine Probleme“, meinte der Kellner, schnappte sich die Speisekarten und zog endlich ab. Endlich konnten wir in Ruhe weiterplaudern. Dachte ich.

„Die Abendzeitung. Donald Trump war beim Friseur. Möchten Sie die Abendzeitung?“

„NEIN!!!“

„Ich bin nicht taub, der Herr.“

„Nein, sind Sie nicht? Aber der da hinten, der ist taub und jetzt würde ich gerne mit meiner Partnerin, äh, ich meine, meiner Bekannten, also mit der Dame da in Ruhe weiteressen.“

„Aber Sie haben doch noch gar kein Essen.“

Ein strenger Blick reichte, um den Zeitungsverkäufer zu vertreiben.“

„Also, Sie arbeiten in der Logistik-Branche? In einer höheren Position?“

Ich dachte an die Sache mit dem Humor. „Geht so. Zweite Etage.“ Ich lachte. Maria verzog keine Miene. Der Kellner servierte das Essen, genau so wie es auf der Karte stand.

„Ich wollte keine Zwiebel.“

„Aber Metaxa-Soße.“

„Ja, aber keine Zwiebel.“

Er nahm die Zwiebel mit einer Gabel vom Teller und packte sie in eine Serviette.

„So gut?“

Ich kapitulierte. Wie sollte ich sonst unsere kleine Konversation endlich fortsetzen. Wo waren wir stehengeblieben? Ach, ja!

„Entschuldigung, aber ist dieser Stuhl noch frei?“

„Ja, dieser Stuhl ist noch frei.“ Es fiel mir schwer, nicht die Fassung zu verlieren. Der Dicke mit dem weißen Jackett bedankte sich. Was ist das denn für einer? Siegelring am kleinen Finger und nach hinten gegeltes Haar. Seine Begleitung probte offenbar schon für Weihnachten. Viel Goldschmuck, klingelndes Geschmeide um die Handgelenkte, grünes, tief ausgeschnittenes Kleid, üppige Oberweite. Sie hatten einen kleinen Jungen bei sich, der meines Erachtens um diese Zeit in einem Restaurant nichts zu suchen hatte. Der grinste mich frech an. Ich widmete mich wieder meiner Gegenüber, die offensichtlich schon längere Zeit nichts Festes mehr zu sich genommen hatte. Der halbe Teller war schon leergefegt. Ich kämpfte mit meinem Spieß, neugierig von Maria mit dicken Backen kauend beobachtet. Dieses verdammte Fleischstück weigerte sich standhaft, heruntergezogen zu werden. Das wollen wir doch mal sehen. Ich klemmte den Holzstab zwischen die Zinken meiner Gabel. Maria sagte etwas. Es klang so wie. „Vorsicht. Schneiden Sie es lieber seitlich ab.“ Zu spät. Plötzlich gab das hinterlistige Mistding nach und flog im hohen Bogen davon, genau ins Dékolleté der Dame am Nachbartisch. Sie kreischte auf und versuchte, das Teil mit langen Fingern herauszufischen. Ich wollte helfen und zumindest mit meiner Serviette die Metaxa-Soße entfernen, was dem Dicken offensichtlich sehr missfiel.

Genau in diesem Moment hatte der Kleine eine Papiertüte in der Hand, keine Ahnung, woher er die hatte. Er blies sie auf und brachte sie zum Platzen. Es knallte gewaltig. Der Gehörlose zuckte zusammen. „Moment!“, rief ich und konnte ihn gerade noch am Ausgang abfangen. „Sofort meine Kohle zurück, Freundchen. Aber dalli!“ Der Dicke tauchte hinter mir auf. „Haben Sie dem etwa auch was gegeben?“

„Dir werd‘ ich geben!“, meinte der Dicke. Als ich am Boden lag, sah ich nur noch Marias rote Pömps mit schnellen kleinen Schritten an mir vorbeilaufen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört, aber zurzeit kann sie mich ja auch gar nicht erreichen. Ich liege noch im Krankenhaus. Der Arzt meint, nicht nur wegen des gebrochenen Nasenbeins, sondern, weil er eine leichte Gehirnerschütterung vermutet. Gut, dass ich wenigstens frische Unterwäsche angezogen hatte. Danke, Oma.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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