Christa Astl

Der Zaubernebelsee

 

 

 

In weiter Ferne, hinter vielen Bergen und Tälern liegt ein wunderschöner, verwunschener See. Seine dunkle Oberfläche leuchtet wie ein trauriges schwermütiges Auge inmitten der lieblichen Vielfalt von Blüten und Gräsern. Rundum war fruchtbares Land, wo ein Senner den Sommer über seine Tiere weidete.

Im späten Herbst zog er mit der gut genährten Herde ins Tal und der Bauer, bei dem er in Dienst war, äußerte sich sehr zufrieden über ihn.

Dieser Bauer, der größte und reichste weitum im Land, hatte eine wunderschöne Tochter, die eben zur Frau erblüht war. Alle Burschen im Dorf drehten die Köpfe nach Elsa um, wenn sie am Sonntag am Kirchweg in ihrer schmucken Tracht durchs Dorf ging. Kein Wunder, dass sich auch Gottfried, der Senner, in sie verschaute, obwohl er genau wusste, dass er, der arme, besitzlose Mann, sie niemals als seine Frau heimführen könnte. Und Elsa, die schöne reiche Bauerntochter, liebte ausgerechnet diesen armen, aber sehr gefühlvollen jungen Mann und dankte ihm immer besonders freundlich für seinen Gruß. Während des Winters sahen sie sich fast jeden Tag auf dem Hof und manchmal ergab sich sogar Gelegenheit ein paar Worte zu wechseln. Der reiche Bauer, ihr Vater, sah diese Begegnungen allerdings gar nicht gern. Er wollte sie nämlich im kommenden Herbst, zur Kirchweih, mit dem Hoferben des Dorfwirtshauses verheiraten. Darüber war nun die Tochter unglücklich, denn sie hatte erfahren, dass der junge Wirt jedem Mädchen den Kopf verdrehte, beim Raufen und Schießen stets der Sieger und in seinem eigenen Wirtshaus der beste Zecher war. Außerdem war er ihr viel zu grob und derb in seinen Späßen.

Gottfried hingegen konnte ihr von den Geheimnissen der Sterne erzählen, von den Wundern der Welt, den Wäldern, Flüssen und Seen der Heimat. Wenn er im Sommer allein auf seiner Alm war, saß er abends in der Dämmerung gern vor der Hütte, lauschte dem Wind, betrachtete die Wolken, senkte den Blick in das tiefe Blau des Sees, freute sich über die Ruhe auf seiner Alm und träumte von seiner geliebten Elsa.

Doch noch wusste sie nichts von seinen Träumen. Er war zu schüchtern, sie ihr zu offenbaren. Da geschah es, dass er vor dem Hohen Frauentag ins Dorf abstieg. Er wollte mit der Dorfjugend zum Tanz und sich ein wenig unterhalten. Dabei tanzte er auch einmal mit Elsa. Als er sie so im Arm hielt und spürte, wie sie sich an ihn schmiegte, fasste er sich ein Herz und gestand ihr seine Liebe. Elsa erschrak und sagte ihm dann, dass sie bereits mit dem Wirtssohn verlobt sei und an Kirchweih wäre die Hochzeit. Nach dem Tanz zog sie ihn mit sich fort und sie gingen ein Stück in den Wald, um allein zu sein. Erst da erzählte sie ihm, wie unglücklich sie sei, weil sie den Wirtssohn auf Wunsch des Vaters heiraten müsse, obwohl sie eigentlich ihn, den stillen Gottfried liebte.

Elsa wartete von einem Tag zum anderen auf eine Gelegenheit, zu ihm auf die Alm zu kommen. Doch ihr Vater, der Bauer, fand immer eine Arbeit, sie im Haus zu halten. Elsa wurde immer stiller und trauriger, je näher der Herbst kam.

Zwei Wochen vor der Hochzeit war sie plötzlich verschwunden. Es war eine dunkle Gewitternacht, als sie sich auf den Weg machte. Schwarze Wolken zogen über den Himmel, Donner grollte. Auf halber Höhe fing es zu regnen an, Sturm peitschte ihr die Tropfen ins Gesicht, über glitschige Steine und Bäche, die über den Weg schossen, kämpfte sie sich aufwärts.  Das Gewitter war auf seinem Höhepunkt. Blitze und Donner jagten einander, sie glaubte, die Welt ginge unter. Schon konnte sie das Licht im Fenster der Almhütte erkennen, da trat Gottfried aus der Tür. Im Blitzstrahl erkannte er sie, eilte ihr entgegen und barg sie in der Wärme und Geborgenheit seiner Hütte.

Einige Tage waren vergangen. Tiefer Schnee machte den Weg unpassierbar. Die Suche nach Elsa war im Dorf ergebnislos verlaufen. Da schickte der Bauer den jungen Wirt, seinen zukünftigen Schwiegersohn auf die Alm, um dort nach ihr zu suchen. Der nahm ein paar Männer und sein Gewehr mit.

Gottfried sah sie durchs Fenster und holte Elsa, die sich in der hinteren Kammer versteckt hielt. Er führte sie zum See hinunter, stieg mit ihr ins Boot und wollte sie ans andere Ufer bringen, wo er eine kleine versteckte Höhle wusste. Schon waren sie fast in der Mitte des Sees, als der Wirtssohn mit seinen Männern kam. Sofort erkannte er sie, legte sein Gewehr an und drückte ab, bevor ihn die Freunde zurückhalten konnten. Der Schuss hallte von allen Bergen wider. - Er hatte sie getroffen, Gottfried aber ruderte aus Leibeskräften weiter. Da hatte der Himmel Mitleid mit ihnen. Nebel stieg vom Tale auf, dichter zäher Nebel. Er zog über den See und entzog die Beiden den Blicken ihrer Verfolger, bevor der nächste Schuss fallen konnte. So erreichten sie das andere Ufer. Sie stiegen aus, Gottfried wendete das Boot  und gab ihm einen Stoß, dass es langsam zurücktrieb. Dann trug er seine verletzte Elsa zu der Höhle und verbarg sich mit ihr darin.

Die Männer hockten indessen am Ufer und warteten. Plötzlich lichtete sich der Nebel ein wenig und gab den Blick auf ein leer dahin treibendes Boot frei, dessen Ruder jedoch in rhythmischen Bewegungen ins Wasser klatschten. Aber kein Ruderer war zu sehen. Und der Nebel nahm ihnen wieder die Sicht. Wie eine Mahnung an die Untat glitt das verlassene Boot über den stillen dunklen See. Da packte sie die Angst vor der Strafe Gottes für den begangenen Mord. Wie von Furien gehetzt, rannten die Männer dem Tale zu und berichteten ihre Unglücksgeschichte.

Elsa war so schwer getroffen, dass sie bald darauf in Gottfrieds Armen starb. Tagelang saß er noch bei ihr, konnte nicht glauben, dass sein Glück nun wirklich tot war. Dann begrub er sie unweit der Höhle inmitten der Almrosen. Als er wieder ans andere Ufer zurückkehrte, war sein Haar schlohweiß. Seither hat er sich von der Welt abgewandt. Er sprach mit niemandem mehr, wich allen Menschen aus. Wenn jemand kam, flüchtete er ins Boot und ruderte in die Mitte des Sees.

Und in seinem Boot auf dem Wasser treibend, so hat man ihn eines Tages nach seinem Tod gefunden.

Der stille, dunkle, tiefe See wurde seither von den Menschen gemieden, denn manche stillen Wanderer sahen an düsteren nebelverhangenen Tagen ein einsames Boot auf den Wellen dahin gleiten.

 

ChA 06.2009

 

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