Wolfgang Küssner

Liliput und Lollipop

Es war einmal ein kleines Mädchen das von seinen Eltern mit den beiden Vornamen Lieselotte-Elisabeth auf den Weg durchs Leben geschickt wurde. Mama und Papa hatten sich in der Frage des Namens im Fall eines Knaben für Hans-Hermann entschieden, ein Mädchen sollte Lieselotte-Elisabeth heißen. Der erste Name war Wunsch, der zweite sollte den Paten stolz machen. Naja, so hieß das Mädchen eben Lieselotte-Elisabeth. Doch schon die ersten Spielkameraden fanden den Namen langweilig, sproede, leicht scharf, abgehoben und überhaupt nicht kindlich klingend. Es dauerte nur wenige Tage und aus den beiden stärker betonten Silben wurde - Lili. Das fanden alle schoen und niedlich und so wurde die kleine Lieselotte-Elisabeth nur noch Lili genannt.

Zwei Jahre bevor Lili ihren Namen erhalten hatte, erblickte in direkter Nachbarschaft ein Junge das Licht der Welt. Ob es nun daran lag, daß Doppelnamen gerade angesagt, modern waren, oder irgendwelche beeindruckenden Schauspieler, Sportler oder Romanfiguren mit diesen Namen die Zukunftsträume der Eltern anregten, ist nicht überliefert. Auffallend jedenfalls, der Knabe bekam den Namen Rolf-Heinrich. Da war bestimmt auch wieder ein Pate, Onkel oder Bruder mit im Spiel. Rolf-Heinrich klang in den Ohren der Spielfreunde irgendwie vornehm, etepetete, leicht hochnäsig, rühr-mich-nicht-an. Nee, damit wollte keiner spielen. Die Kinder verpaßten Rolf-Heinrich kurzerhand den Spitznamen Rolli. Das klangt doch witziger, frecher, lustiger, dynamischer.

Und wie es die Nachbarschaft, oder wohl eher als der Zufall, wollte, spielten Lili und Rolli häufig gemeinsam mit den anderen Kindern. Sie teilten sich mitgebrachte Kekse oder geklaute Kirschen, sie fuhren Dreirad, Roller, Fahrrad, kauften sich Dauerlutscher oder Wundertüten, spielten Verstecken und Blinde-Kuh, warfen Murmeln auf andere und Steine ins Wasser, sangen Kinderlieder und pfiffen schräg, verkleideten sich als Prinz und Prinzessin, lernten Schwimmen und Ausreden erfinden; gingen in die Schule und wurden – wie sollte es auch anders sein – Jahr für Jahr älter.

Dann kam die erste Liebe und siehe da, Lili und Rolli wurden ein Paar. Im alten Freundeskreis wurde natürlich viel getrascht. Die einen fanden es wohl toll, die anderen waren vielleicht ein wenig neidisch und die Erwachsenen erinnerten sich an ihre erste Liebe und an das, was daraus wurde. Dem Himmelhoch jauchzend war häufig ein zu Tode betrübt gefolgt. Was niemand anfangs glauben wollte, es gab neue Glücksmomente, neue Liebeleien, dann die nächste große Liebe. Bei Lili und Rolli verlief das Spiel des Lebens etwas anders.

Die beiden Nachbarskinder hatten sich für ein gemeinsames Leben gefunden. Natürlich gab es da Momente unterschiedlicher Meinung, es gab auch mal Streit, doch die Gefühle füreinander waren stärker und ließen Lili und Rolli die gemeinsame Zukunft planen.

Beide waren schon von Kindesbeinen an immer neugierig und wissensdurstig gewesen, wollten die Welt entdecken. War es früher die kleine Stadt, der nahe Wald, die Wiesen und Felder, die erkundet wurden, so wollten sie jetzt groeßere Schritte – naja, manchmal waren es auch Flüge – unternehmen. So führte eine Reise beide nach London. Sie sahen die Tower Bridge und den Big Ben, den Buckingham Palace und das Kabinett der Madame Tussauds, den Hide Park und vieles mehr. Und da sich beide immer noch so etwas wie ein bißchen Kindheit erhalten hatten, kauften sie sich in alter Tradition Dauerlutscher, die hier in London Lollipops heißen. Süßigkeiten am Stil, sie waren für Lili und Rolli das kleine i-Tüpfelchen schoener Momente.

Im kommenden Jahr führte ihre Reise nach Thailand. Sie hatten einen Aufenthalt in Hua Hin am Golf von Thailand gebucht. Beim Einchecken im Hotel wurde Lili mit „Welcome Misses.. äh..Lilos.. Liselollo-Eli... oh solly“ und „Welcome Mista Lolf-Heilich“ begrüßt. Beide kamen der Rezeptionistin mit dem Vorschlag entgegen, einfach Lili und Rolli zu sagen. „Thank you Misses Lili and Mister Lolli“. Sie wollten noch korrigieren, doch aus Lolli wurde kein Rolli mehr. Im Reiseführer hatten sie gelesen, daß es vielen Thais und anderen Asiaten Probleme bereite, das R zu sprechen und somit im täglichem Umgang das R als L gesprochen würde. In den folgenden Tagen wurde immer wieder aus Rolli ein Lolli, bis Lili sich daran gewoehnt hatte, es niedlich fand und ihren Rolli fortan auch Lolli nannte. (Achtung: Der Autor haftet nicht für eventuelle Leser-Fantasien.) Am Strand oder am Pool liegend wurde der eine oder andere Lollipop gelutscht.

Aus dem Urlaub zurück, erzählten Lili und Rolli natürlich viel von den erholsamen Tagen unter Thailands Sonne, von dem Weinbau in der Nähe von Hua Hin, vom Elefanten-Trecking, den kleinen sprachlichen Problemen der Thais und dass Rolli immer mit Lolli angesprochen worden sei. Der Freundeskreis war begeistert und nannte die beiden von nun an nur noch Lili und Lolli. Das klang – so fanden alle - nach einem niedlichen, symphatischen Paar, nach Harmonie. Was ja auch zutreffend war.

In einem Reiseprospekt mit wunderschoenen Hochglanzfotos entdeckten Lili und Lolli die Seychellen im Indischen Ozean. Waren das gemalte Traumbilder, gab es diese Strände mit den Palmen und den riesigen geschliffenen Granit-Steinen wirklich? Das wollten sie auf der nächsten Reise erleben. Lili und Lolli buchten ein Insel-Hopping: Ein paar Tage auf Praslin, ein paar auf La Digue und abschließend einige Urlaubstage auf der Hauptinsel Mahe. Nicht wissend, wie die Versorgung auf diesen doch relativ kleinen Inseln sein würde, hatten sie vorsorglich Lollipops mit im Gepäck.

Von den feinen Stränden, den Kokosplantagen, den riesigen, uralten Schildkroeten, den Fels-Formationen, den gewaltigen Strandkrabben und frischen, schmackhaften Fischgerichten waren sie begeistert. Vom Nationalpark „Vallee de Mai“ mit der nur dort wachsenden, gigantischen Seychellenpalme und ihren auf der Welt einzigartigen Nüssen hatten sie gelesen und wollte dieses Naturwunder besichtigen. Beim Betreten des Parks verschoben sich die Relationen, leichte Irritationen machten sich breit. Was war geschehen? Waren sie wirklich noch auf der Insel Praslin?

Gedanken an Jonathan Swifts Roman „Gullivers Reisen“ wurden ploetzlich lebendig. War die Insel „Liliput“ von Swift erfunden, oder gab es sie real? Hieß sie in Wahrheit vielleicht Praslin? Fand Gulliver einst auf Liliput winzige, dort lebende Menschen vor, die er Liliputaner nannte, so fühlten sich Lili und Lolli ploetzlich in der Rolle von Liliputanern. Die sonst vertrauten Groeßenverhältnisse waren hier auf den Kopf gestellt.

Winzlingen gleich, spazierten Lili und Lolli durch den Park. Bis zu 25 Meter hoch waren die Seychellenpalmen in etwa 200 Jahren gewachsen. Allein die Blattstiele maßen bis zu 3,5 Meter, die Blätter waren fast 5 x 4 Meter groß. Einem gewaltigen Penis nicht unähnlich, präsentierten die männlichen Pflanzen ihren Blütenstandsstiel. Bei erfolgreicher Befruchtung entwickelt sich aus den Blüten der weiblichen Pflanze eine Samenfrucht von bis zu 50 cm Länge. Der Samen kann 10 bis 25 kg schwer werden. Das ist der groeßte bekannte Pflanzensamen auf diesem Globus. Aus dem Samen geht dann die Frucht hervor, die bis zur Reife sieben Jahre benoetigt. So eine Nuss bzw. Doppelnuss kann bis zu 45 kg schwer werden; und sieht aus – das Wort Penis war zuvor nicht ohne Absicht geschrieben worden – wie ein weibliches Becken.

Vor vielen Jahren wurde eine solche Doppelnuss an irgendeinem Strand irgendwo am Indischen Ozean angeschwemmt. Eine solche Frucht hatte man zuvor noch nie gesehen, konnte sie folglich nicht zuordnen und gab ihr den Namen „coco de mer“, war sie doch aus dem Meer kommend angespült worden. Einige Zeit später wußte man um die Rarität dieser Doppelnuss, die da auf Praslin ins Wasser gefallen und lange Zeit ein Spielball der Wellen gewesen war.

Lili und Lolli hatten natürlich auch diese kleine Legende gelesen. Sie wanderten weiter durch das „Vallee de Mai“, bestaunten die riesigen Palmen und stoppten für ein Erinnerungsfoto vor einem ganz jungen Trieb. Der Blattstiel dieses zarten Triebes war bereits mehere Meter lang. Eine Hand konnte den Stiel nicht umfassen. Heftiges Zerren setzte nach einigen Sekunden das gigantische Blatt in leichte Schwingungen. Unvorstellbare Dimensionen. Unsere beiden Protagonisten wählten den Selbstausloeser für das Foto. Lili und Lolli posierten in Anbetracht der riesigen Blätter als gefühlte Liliputs, mit zuvor ausgepackten Lollipops, vor der Kamera. Und wenn Lili und Lolli nicht gestorben sind – so enden die Märchen leider meistens – dann fühlen sie sich heute vielleicht nicht mehr als Liliputs, lutschen aber weiterhin ihre geliebten Lollipops.

 

Februar 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

Tri Wars - Das phantastische Abenteuer (1-3) von Stephan Schneider



Erleben sie hautnah den nächsten Schritt der Evolution. Tauchen sie ein in das Wassermannzeitalter und werden sie Zeuge der elementarsten Offenbarungen, die das Unterbewusstsein zu bieten hat.
Es lässt niemanden unberührt und nichts wird danach noch so sein wie vorher.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Märchen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Rauschen des Meeres - Teil 10 von Wolfgang Küssner (Krimi)
Engelsbonbon von Karin Ernst (Märchen)
Alles nur Zufall...? von Mirjam Horat (Erinnerungen)