Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 16

Ich war nervös. Das mitleidige Grinsen unserer Wachen, die uns erwartungsfroh begleiteten, ließ Schlimmes befürchten. Selbst Mikesch wirkte deutlich weniger aufgedreht als sonst. Sein Schwanz zuckte unruhig hin und her, und seine Ohren waren leicht angelegt, während wir Hilly immer hinterher quer durch das Walddorf folgten. Schon bald hatte sich ein ganzer Zug Waldbewohner unserer Prozession angeschlossen. Ein aufgeregtes Raunen hing über dem Dorf, als würde etwas Bedeutsames bevorstehen.

Nach ein paar Minuten Spießrutenlauf erreichten wir einen offenen Platz, der im Halbrund von Bänken umsäumt war, die wie Treppenstufen drei Sitzreihen hoch aufragten und sich rasch mit neugierigem Publikum füllten. Indes strebte Hilly zielstrebig die Mitte des Platzes an, wo sie endlich stehenblieb.

Freunde“, rief sie mit weit hallender Stimme. „Ein neues Aufnahmeritual steht bevor!“

Begeisternde Rufe brandeten auf und hörten erst wieder auf, als Hilly beide Hände in die Höhe hob.

„Zwei Prüfungen gilt es zu bestehen, Klettern und Kämpfen. Entscheidet euch, wer welche Prüfung ablegen wird!“

„Klettern“, entschied Mikesch für sich, bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte.

„Hey, das wollte ich auch nehmen.“

„Dann hättest du schneller auf den Buzzer hauen müssen“, brummte der Kater, der sich seelenruhig mit der rechten Pfote das Ohr putzte.

„Aber...“

„Schluß jetzt, die Entscheidung ist gefallen. Du wirst kämpfen“, verkündete Hilly mit resoluter Stimme. „Holt Eichhorn, den Baumkönig und Gorgus!“

Sofort rannte eine Wache unter dem Jubel der Menge davon, um den Auftrag auszuführen, indes ich ins Grübeln geriet. Wenn ich in die feixenden Gesichter um mich herum sah, schien mir einiges bevor zu stehen.

„Gorgus klingt nicht gut“, murmelte ich betreten.

„Sieht auch nicht gut aus. Bist du eigentlich ein Fan von King Kong?“, fragte Mikesch, der mit seinen guten Augen offenbar etwas erspähte, was mir bisher entgangen war.

Dann bemerkte auch ich die feinen Erschütterungen unter meinen Füßen. Irgend etwas Gewaltiges stampfte anscheinend über den Waldboden auf uns zu. Jenseits der Tribüne im Westen ertönten plötzlich krachende Geräusche, begleitet von unheilvollen Trommelschlägen. Einen Augenblick später schob sich eine riesige, behaarte Kreatur aus dem dichten Wald. Das muß ein Bergtroll sein, ging es mir entsetzt durch den Kopf. Ich hatte noch nie einen gesehen, dafür aber um so mehr über diese Kreaturen gehört. Leider war mir dabei ausnahmslos nichts Gutes zu Ohren gekommen. Das meiste hatte mit abgerissenen Gliedmaßen und unerfreulichen Essgewohnheiten zu tun.

In wachsender Gewissheit meines baldigen Ablebens musterte ich meinen Gegner und musste zugeben, daß er das tat, was man von einem Troll erwartete:

Er sah zum Fürchten aus.

Der Kater schien der gleichen Ansicht zu sein.

„Holt das mobile Einsatzkommando, fahrt die Panzer auf und benachrichtigt Capitan Kirk, Godzilla ist im Anmarsch!“, jaulte er, während er hinter meinem Rücken in Deckung ging. Indes hatte der Troll mich erspäht und stieß ein tiefes Grollen zur Begrüßung aus, bei dem ich blaß wurde. Dann stapfte er entschlossen in die Arena.

„Tja, mein Alter, auf die Frage, ob die Erde rund, flach, dreieckig oder quadratisch ist, zieht dieser Goliath beim alten Jauch mit Sicherheit alle Joker“, ertönte es hinter meinem Rücken. „Ich hoffe, du hast ne‘ gute Ninja-Ausbildung genossen oder wenigstens ‘ne 45er und ausreichend Munition dabei.“

Ich war unfähig, eine Antwort zu geben. Mein kurzes, armes Leben zog mit beängstigender Geschwindigkeit vor meinem geistigen Auge vorbei, während der Riese vor mir zum Stehen kam und wie eine Festung in den Himmel aufragte. Eine stinkende Festung mit Händen so groß wie Schaufeln. Meine Augen befanden sich gerade einmal in Höhe einer gußeisernen Gürtelschnalle, die das grobe Wollwams des Unholds zusammenhielt. An dem Gürtel des Unholds baumelten fröhlich ein paar Schrumpfköpfe, die mir zuzuflüstern schienen Willkommen im Club.

„Dein Gegner“, verkündete mir Hilly überflüssigerweise.

„Tu ihm nicht zu sehr weh“, versuchte Mikesch mich aufzumuntern, während ich verzweifelt den Ausgang suchte.

„Wie sind die Regeln?“, krächzte ich.

„Es gibt keine. Wer überlebt gewinnt.“

„Steht die Option mit den Pilzen noch?“ Meine Stimme erinnerte in ihrer Dynamik an die einer schwindsüchtigen Maus.

Hö, hö, höh“, kommentierte das Untier mein Entsetzen. Seine Stimme klang wie Felsen, die einen Berghang hinunter kullerten. Ich wünschte, ich könnte nur halb so zuversichtlich sein, wie mein Gegner. Das allerdings war angesichts des Bergs, der vor mir drohend aufragte und mich jeden Moment zermalmen würde, nur etwas für grenzenlose Optimisten. Meine Gedanken rasten daher wie ein Schwarm aufgeschreckter Bienen in meinem Schädel hin und her, während ich meine verschwindend geringen Chancen rekapitulierte. Was für Zaubertricks würden mir helfen, und vor allem, welche beherrschte ich davon?

Nun, da wäre die Möglichkeit, für einen winzigen Augenblick die Zeit anzuhalten. Ich atmete durch. Gut, das könnte mir eventuell weiterhelfen. Was konnte ich noch?

Die Gestalt von anderen für eine gewisse Zeit ändern. Das würde mir nichts nützen. Geschirrspülen fiel auch durch. Und an der Unsichtbarkeit arbeitete ich noch immer. Bisher mit äußerst mäßigem Erfolg. Das war alles. Kurz um, ich war so gut wie tot. Im Hinterkopf registrierte ich, daß der dumpfe Schlag der Trommeln aufgehört hatte. Das verhieß nichts Gutes. Das Spiel „Schlag den Magier“, würde nun jeden Moment beginnen. Was sollte ich bloß tun?

Ich legte den Kopf in den Nacken und fixierte das Gesicht des Muskelbergs weit über mir, das mich an die abschreckenden Fratzen über dem Tor von Finsterburg erinnerte. „Du hast nicht zufällig Lust, dich mit der Mieze hier im Klettern zu messen, statt dich mit mir zu langweilen?“

Nö, nö, nö“, kam die geistreiche Erwiderung, während der Kater verärgert knurrte.

„Danke, für den netten Versuch. Ich verschwinde dann mal in die erste Reihe und seh‘ mir das Spektakel von den teuren Plätzen aus an“, brummte Mikesch, gab mir einen aufmunternden Klaps mit der Pfote und stolzierte in Begleitung der Wachen davon. Verzweifelt fiel mein Blick auf Hilly, die in diesem Moment verkündete:

Die Spiele sind eröffnet. Möge der Bessere gewinnen!“


Ich hoffe, Ihr hattet Spaß ... wird fortgesetzt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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