Aylin

Blassblau

Blassblau

 

Ihre Augen waren blassblau, fast wie die Farbe des Freibadbeckens, in dem sie so gerne untertauchte.

Ich hatte sie schön öfters dort gesehen, wenn ich früh morgens eine Stunde schwimmen ging. Man grüßte sich, man kannte sich und man kannte sich doch auch nicht. Manche unterhielten sich. Ich zog es meist vor, schweigend zu schwimmen, um meine Kraft nicht beim unregelmäßigen Atmen zu verschwenden.

 

Heute jedoch schwamm sie neben mir und irgendwann fragte sie mich, ob ich denn schon wüsste, wen ich bei der bald anstehenden Bundestagswahl wählen würde. Ich prustete ins Wasser, versuchte zu lächeln und sie blies hinaus: „Ich schon! Ich weiß es ganz genau! Hier muss sich endlich was ändern!“. Da ich aus vielerlei Gründen diese Meinung auch hatte, fragte ich unverblümt: „Ja? Wen denn?!“ Sie wollte es ja so gerne kund tun, also fragte ich. Man trifft immer dieselben morgens beim Schwimmen. Ich wollte nicht unfreundlich sein. Also fragte ich.

Sie machte es spannend. „ Finden Sie nicht auch, dass die Kriminalität hier unglaublich angestiegen ist?“. Ich antwortete: „ Naja, es sieht so aus, wenn man den Nachrichten glaubt.“.

„ Ach, Sie glauben noch den Nachrichten?“ „ Naja, grundsätzlich schon, aber ich denke manchmal, dass vielleicht auch Vorfälle regierungsgenehm frisiert oder verschwiegen werden…“. „ Wissen Sie, dass letztens vier Neger eine Frau vergewaltigt haben und das kam gar nicht in den Nachrichten?“ „Nein,“ sagte ich und bereute das Gespräch schon „Davon habe ich nichts gehört. Wo haben Sie denn so was her? Aus dem Internet? Man sagt heute nicht mehr Neger…“. „ Ja, wir haben da mehrere Gruppen auf Face-Book, tausende von Likes und Kommentare.“ „ Was für Gruppen?“ fragte ich. „Ich bin auch bei Face-Book, auf meine Seite geht nie eine Gruppe.“ Jetzt interessierte es mich, wie sie versuchte Menschen zu fangen und ich tat etwas dumm. Sie nannte Namen von Gruppen, die ich nie gehört hatte und ich meinte unverfänglich:“ Naja, das ist eben das Schöne an einer Demokratie, dass jeder auch im Netz seine Meinung sagen kann.“

 

„Was?“ schrie sie schrill auf und drei ältere Männer schauten fragend zu uns herüber. „Wenn Sie da ihre Meinung sagen, da werden sie bestraft!“. Nun wurde ich vorsichtig. „ Naja, bestraft wird man eigentlich von Facebook und dem Staat nur, wenn Sie sich rassistisch, rechts oder antisemitisch äußern. Sie werden sicherlich die AfD wählen?.“ Ja! Werde ich und Zehntausende mit mir,“ brüstete sie sich voller Stolz. Ihre blassblauen Augen sahen mich an, als wollten sie mich gefrieren, während ich Beinübungen am Beckenrand machte. „Ja, aber die AfD ist nicht rechts! Überhaupt immer mit dem Rechts! Haben Sie denn keinen Nationalstolz?“ „Nein,“ sagte ich gelassen, „ich lebe gern in diesem Land, aber Nationalstolz habe ich nicht.“ „ Sind Sie keine Deutsche?“ fragte sie misstrauisch und ihre blassblauen Augen bohrten sich in meine braungrünen. „ Doch,“ prustete ich und stieß mich schwungvoll vom Beckenrand ab.

 

Sie zögerte einen Moment lang. Jeder andere hätte das Gespräch als beendet angesehen, aber sie entschloss sich, wieder neben mich zu schwimmen. Sie hatte Kraft und irgendwie fühlte ich mich jetzt unwohl neben ihr. Ich murmelte ins Wasser, dass ich mal wieder zum Rand schwämme, während sie laut bekundete: “Spione erkennen wir sofort.““ Aha,“ sagte ich,“ hat Ihre Partei so viel Angst?“ „ Sind Sie etwa Antifa?“ fragte sie bissig. Ich sagte, dass ich nicht mal wüsste, was das ist. Sie schnaubte verächtlich und beugte sich am Beckenrand nah zu mir. Verschwörerisch. „ Ja, die guten Gerechtigkeitsfanatiker! Ist es denn was anderes, wenn man im Krieg Bomben auf ein Land wirft oder wenn man ein paar Juden abtransportiert?“

Ich schaute sie entsetzt an, dachte an die Bilder, die ich im TV gesehen hatte, an die gröhlenden Ku-Klux-Clan- Brüller in den amerikanischen Straßen, die mir Angst machten und an den Präsidenten, der dies nicht explizit verurteilt hatte.

Fest sagte ich: „Wer den Holocaust leugnet, der hat für mich einen an der Waffel, gute Frau! Wenn Sie von beschnittener Meinungsfreiheit reden, dann sagen Sie mir jetzt mal: Was würde Ihre Partei tun, wenn ich unter ihrem Regime solch einen Satz sagen würde. Was?! Würde ich hier noch aus diesem Becken als freier Mensch steigen oder würde mich ihre Gestapo, Stasi oder wie sie sich dann nennen, dann abführen und niemand würde mich je wieder sehen?“. Sie schlug auf die Keramik des Beckens. Zornig fixierten mich die Blassblauen und ich überlegte einen Moment lang, ob mein Handkantenschlag, den ich seit 10 Jahren nicht mehr im Sport ausgeführt hatte, noch sitzen würde.

„Eine zittrige, alte Oma“ hatte mich irgendein Arsch in einem Gedichteforum in einem Kommentar zu meinem Gedicht kürzlich genannt, weil ihm mein Gedicht nicht gefiel. Damit lag er zwar daneben, aber der Handkantenschlag, naja…

Die Blassblauen verengten sich zu Schlitzen und mich sprang der Gedanke an, dass es genau solche Menschen gewesen sein müssten, die sich damals zur Nazikultur in Führungsriegen bekannt hatten, eiskalt, blassblau. Mir wurde kalt und ich drehte mich um, um das Becken zu verlassen. Ihre Blicke meinte ich in meinem Rücken zu spüren.

Ich ging zur Toilette, sah mich um, sie war verschwunden. Da ich nach dem Schwimmen den Badeanzug stets anlasse, rasch mein Kleid überziehe und dann ins Auto springe, wrang ich meinen Badeanzug penibel aus. Das dauerte. Neben mir rauschte eine Klospülung und im selben Moment, als ich aus meiner Kabine kam, trat sie aus der Nachbarkabine. Höhnisch sagte ich: „Na, Sie können ja jetzt wohl nicht mehr ohne mich sein!“ Sie lachte nicht und ich dachte: „ Ist die Alte mir etwa gefolgt, um zu schauen, ob ich jemandem von unserem Gespräch erzähle?“.

Zuhause sprang ich aus dem Auto und rief meinem Mann zu, der gerade die Einfahrt fegte: „ Solche Menschen dürfen hier nie wieder an die Regierung kommen.“. Er sah mich an, als wär ich verrückt und fragte: „Warst du nicht Schwimmen?“.

(C)Aylin

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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