Anna Elisabeth Hahne

Aus meinem Brasilien- Tagebuch, 12.07.2005

Genau 8.45 Uhr rief Rosa übers Haustelefon an, ob ich mit ihr ins Zentrum wolle. Und ob!

Mit dem Bus ging es wieder los durch die vielen Vororte ins Zentrum. Abermals sah ich mich genau um. Es ging vorbei an zerfallenen Häusern, in denen noch Menschen lebten. Häuser und Hütten sah ich aus Stein, Holz, Stöckern und Gräsern gebaut. Vorbei ging es an Villen, Hochhäusern, über gepflasterte, asphaltierte, heile, kaputte, gelöcherte Straßen.

Je näher wir der Innenstadt kamen, um so mehr waren die Häuser gepflegter, die Bürgersteige gleichmäßiger und zum Betreten sicherer. Alles schien geordneter. Im Zentrum sah ich dann die sechsspurigen Autostraßen, das Gewimmel von Menschen, das Lärmen der Autos, die an uns vorbeirasten. Beeindruckt war ich abermals von den Fahrkünsten des jungen Busfahrers. Sie alle fuhren hoch motiviert, rasend schnell und mit großer Präzision an Fußgängern und irgendwelchen Gegenständen, die auf den Straßen lagen oder standen, vorbei. Kein Gehupe, kein Geschimpfe. Nein! Die Busfahrer warteten und wichen einfach nur aus, blieben stehen, wenn z.B. ein Passant seinen beladenen Holzwagen auf der Straße vor sich her schob.
Der Qualm der Busse, vor allem beim Anfahren, war besonders beachtlich. Er bildete eine bis dunkelgraue, stinkende Wolke, die sich aufgrund der Hitze und des Windes schnell auflöste. 
Die Einheimischen kannten das. Und überall sah ich Menschen. Ich fragte mich: “Was machen die Leute hier?”
Und wiederum sah ich keine Kinder, keine älteren Menschen. Das Gemurmel der Menschen empfand ich als angenehm. Es schien, als hätte jeder sein festes Ziel. Anrempeln usw. schien es hier nicht zu geben. Heute sah ich zum ersten Mal Polizisten mit Schäferhunden, die für Sicherheit sorgten.
Ich beobachtete, daß Menschen schnell ins Gespräch kamen und immer wieder sah ich ihre Freundlichkeit. Diese faszinierte mich regelrecht und ich sah diese selbst an den Bankschaltern, obwohl die Menschen in langen Schlangen standen und geduldig warteten. Der Kunde war hier König und wurde als solcher behandelt. Kein Streß, keine Hektik.
Ich fand das sehr angenehm. Nur mußte man hier wirklich sehr viel Zeit mitbringen.
Bela Horizonte, eine multikulturelle Megastadt und es schien als wüßten alle Menschen darum. Es war mir, als würden sich die Menschen als eine große Familie verstehen.
Und dennoch, es ging um Eines, nämlich ums Geldverdienen, - ausgeben. So sah ich viele junge Menschen, die Schuhe putzten, andere, die ihre Hilfe anboten, sei es beim Tragen von Gegenständen, Gepäckstücken, beim Einkaufeinpacken, beim Tür aufhalten. Diese Menschen wollten einfach auf ehrliche Weise ihr Geld verdienen.

Auf der Rückfahrt zum Hotel, mußte der Busfahrer spontan für längere Zeit anhalten. Ich sah währenddessen vor einer maroden Häuserreihe auf dem Bürgersteig, der zudem mit Müll verdreckt war, an einer Stelle einen hageren, älteren, fein gekleideten Mann, der sein Holzregal mit Süßigkeitentüten aufbaute und das zum Schluß liebevoll, geduldig mit einem Pinsel abstaubte. Voller Stolz stellte er sich dann daneben und wartete auf Kundschaft. Ich dachte nur: “Was für Gegensätze!” Es geht hier ums Überleben und das auf legale Weise.

Heute hatte ich endlich meinen passenden Geldautomaten gefunden. Doch leider mußte ich feststellen, daß die Bankkarte gesperrt war.
Auf der Rückfahrt zum Hotel sah ich im letzten Bus einen älteren Herrn im Adidas- Hemd. Irgendwoher kannte ich ihn mit seinen grünlichen Augen, irgendwie aus dem Deutschem Fernsehen oder so. Leider fiel mir Genaueres nicht ein. Ich dachte an einen Fußballtrainer. Als der Mann mich für einen Moment ansah, schaute er verstohlen weg und ich fragte mich: “Warum schaut er weg? War ihm diese Gegend, in der wir waren unangenehm?” Er stieg eine Bushaltestelle vor mir aus.
Müde und erschöpft, aber immer noch angetan von den Fahrkünsten der strahlenden Busfahrer, kamen Rosa und ich gegen 18 Uhr im Hotel an.

Fazit: Ich habe diese Menschen hier in mein Herz geschlossen.

Anna Elisabeth Hahne
 

 

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